Öffne meine Augen
Liebe bedeutet Selbstaufgabe, zweifellos – bis zu einem gewissen Grad zumindest. Doch wann wird die Grenze zur Selbstzerstörung überschritten? Icíar Bollaín widmet sich der dunklen Seite einer Beziehung: Gewalt gegen Frauen in der Ehe.

Verführt ein Mann eine Frau nach der anderen, ist er ein charmanter Womanizer, doziert eine Frau über Aktgemälde, ist sie –übertrieben gesagt – gleich eine Nymphomanin. Das sind Vorurteile der Vergangenheit, mag mancher denken, wie verbreitetet sie noch heute sind, will niemand wahrhaben. Feminismus und Patriarchat sind passé, vermeldete jüngst eine überregionale Tageszeitung – und zeigte dann in einer Serie: Gleichberechtigung herrscht noch lange nicht. Das demonstrieren auch Icíar Bollaín und Co-Autorin Alicia Luna, die die Missstände von ihrer dunkelsten Seite betrachten. Gewalt in der Ehe ist das Thema von Öffne meine Augen (Te doy mis ojos).
Langsam kickt Antonio den Lederball gegen die Wand, erst sachte, dann immer heftiger. Sein Sohn, der das Geschoss halten soll, wird ihm mit jedem Tritt gleichgültiger. Ängstlich blickt dieser seinen Vater an. Antonios Wut ist deutlich zu spüren, wann sie ausbricht, ungewiss. Immer wieder erleidet seine Frau Rippenbrüche und Blutergüsse durch „Stürze“. Er kann nicht akzeptieren, dass sie durch eine El Greco-Ausstellung führt und er bloß durch eine Riege von Waschmaschinen. Ob ihn wirklich stört, dass die Menschen auf den Bildern nackt sind, über die Pilar so enthusiastisch spricht, ist fraglich, gewiss zumindest, dass er ihren Erfolg und die damit verbundene Unabhängigkeit nicht duldet. Er selbst fühlt sich unsicher mit seiner Position als Verkäufer. Statt wie sein Bruder ein selbstgebautes Heim kann er seiner Familie nur eine Wohnung in einem Block in Toledo bieten.

In einer anderen Szene wird das Brodeln heftiger, als Antonio Pilar nachts anfleht, wieder zu ihm zurückzukehren; nachdem er ein weiteres Mal die Kontrolle verlor, ist sie zu ihrer Schwester geflüchtet. Beide stehen sich gegenüber, getrennt durch eine dicke Haustür, nur eine Luke gewährt ein wenig Nähe. Vorsichtig schiebt er seine Hände hindurch und versucht ihr Gesicht zu umfassen, sie zu beruhigen und ihr gut zuzusprechen. Sie kann ihm nicht in die Augen blicken, ihr Mund bibbert, ihr Körper fängt zu zittern an. Bereits durch Laia Marulls Schauspiel offenbart sich das ganze schmerzhafte Drama; allein in ihrem Mienenspiel lässt sich all das Unheil und Leid vermuten.
Trotz des Themas steht weniger die Gewalt im Vordergrund als vielmehr der Umgang mit dieser. Von Verdrängen (durch die Mutter, die ebenso jahrelang ihren Gatten ertrug) über Ohnmacht und Hilflosigkeit (durch Ana, die unverhofft heiratet, jedoch ihre Schwester zur Trennung überreden will) bis hin zu Gegenwehr (durch die Kolleginnen, die Freundschaft bieten und Pilar selbst – wenn auch sehr defensiv) werden verschiedene Reaktionen beleuchtet. Ungewöhnlich dabei ist der Blick auf den Täter, der meist einfach zum Unhold erklärt oder völlig außer Acht gelassen wird.

Luis Tosar gibt einen Macho, dem man zwiespältig gegenübersteht; einerseits zeigt sich ein verständnisloser Machtkoloss, wenn er – in der brutalsten Szene des Films – seine Frau nackt auf den Balkon sperrt, andererseits ein hilfloser Ehemann, wenn er seine Ausbrüche zu kontrollieren versucht. Antonio kämpft um Pilar, macht ihr Geschenke und beginnt sogar eine Therapie. In einer Selbsthilfegruppe versucht er über seinen Jähzorn zu reden, in einem Tagebuch seine Gefühle zu beschreiben.
Die Inszenierung des Gesprächskreises mag holzschnittartig wirken, zum Beispiel wenn die Männer bei einer simulierten Begrüßung ihrer Frauen keine netten Worte finden, doch drückt sie vor allem eines aus: die Komplexität des Problems. Die Sprachlosigkeit steht nicht bloß für die Unfähigkeit zur Kommunikation, sondern zeigt, dass die Wurzeln viel tiefer liegen und verzweigter sind. Nicht um einen Einzelfall handelt es sich, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen, was zu erkennen viel schwieriger ist.
Auf emotionale analytische Weise stellt Öffne meine Augen die verschiedenen Facetten des Themas dar. Tief schlucken muss man in manchen Momenten und doch wird man nicht von seinen Gefühlen beherrscht. Der Film wirkt auch noch im Nachhinein. Anstatt die Missstände plakativ vorzuführen, setzt er sich mit den inneren Schmerzen, dem Grenzbereich zwischen Liebe und Selbstzerstörung und den Gefühlen von Ohnmacht gegenüber gewohnten Strukturen auseinander. Er stellt Fragen und gibt Antworten.
Filmkritik von Sarah-Mai Dang
Veröffentlicht am 05.08.2005
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Film-Angaben
Titel: Öffne meine Augen
Originaltitel: Te doy mis ojos
Spanien 2003
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Icíar Bollaín
Drehbuch: Icíar Bollaín
Produktion: Santiago García de Leániz
Darsteller: Laia Marull, Luis Tosar, Candela Peña, Rosa María Sardà, Kiti Manver, Sergi Calleja, Elisabet Gelabert
Kinostart: 04.08.2005
DVD-Angaben
Titel: Öffne meine Augen
Vertrieb: Indigo
Bild: k.A.
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 107 Minuten
Extras: Interview mit der Regisseurin; Kinotrailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 19.05.2006
Copyright Öffne meine Augen
Fotos: © Timebandits
BERLINALE 2012

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