Obsessed
Wenn ein Film über Obsession und Begierde nichts Bedrohliches, Beklemmendes oder Verstörendes hat, stimmt etwas nicht.
Derek (Idris Elba) lebt als Schwarzer den amerikanischen Traum: Er hat eine hübsche und kluge Frau (Beyoncé Knowles), ein braves Kind (Nathan Myers), einen verantwortungsvollen Job in einem Wirtschaftsunternehmen, ein großes Auto und ein noch größeres Haus. Auf dem Weg zur Arbeit ertönt in der Limousine „American Boy“ von Kanye West, die silbrigen Fassaden der Wolkenkratzer von Los Angeles ziehen im Bildhintergrund vorüber. Das Gefüge um Derek gerät jedoch ins Wanken, als sein Vorzimmer von einer neuen Assistentin ‚geschmückt’ wird – der blonden und blauäugigen Lisa (Ali Larter).
Bereits in der ersten Begegnung der beiden Protagonisten macht Regisseur Steve Shills das Programm seines Films deutlich: Lisa hat es auf Derek abgesehen. Die beiden treffen im Fahrstuhl aufeinander, nehmen die gegenseitige Attraktivität zur Kenntnis, Lisa lässt Ordner und Mappen fallen, bückt sich, setzt sich in Pose, Derek schaut hin und ist behilflich. Das Schicksal nimmt seinen zu erwartenden Lauf. Während Lisas Anmachversuche zunächst rein sexueller Natur sind, nimmt ihre Obsession in der Folge perfidere Züge an. Sie narkotisiert Derek, um ihn gefügig zu machen, bedroht sein Kind, deklariert sich selbst als seine Ehefrau und verübt einen Selbstmordversuch, um Derek unter Druck zu setzen. Der Zuschauer erinnert sich an Alex Forrest (Glenn Close) aus Adrian Lynes Eine verhängnisvolle Affäre (Fatal Attraction, 1987).
Da es Obsessed allerdings, trotz romantisch-kitschiger Eingangssequenz, in der sich Derek und Ehefrau Sharon tänzelnd durch die Räume ihrer neu bezogenen Villa bewegen, nicht gelingt, zwischen dem Paar ein Gefühl von Nähe aufzubauen, nimmt man auch das Eindringen der ‚Störquelle Lisa’ nicht als Gefahr wahr. Zu wenig sympathisiert man mit dem Ehepaar, zu wenig bedrohlich wirkt erstmal eine zierliche Blondine in schwarz-pinker Spitzenunterwäsche für einen 1,90 Meter großen Mann. Das Beziehungsgefüge Lisa-Derek-Sharon wirkt ebenso konstruiert und künstlich wie der Plot und die dazugehörenden Gespräche.
Die Kameraarbeit von Ken Seng vermag diese Oberflächlichkeit nicht zu kompensieren, vielmehr tut sie ihr Übriges dazu. Die Kamera bewegt sich unmotiviert im Raum und ist dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu weit weg von dem Objekt der Begierde. So fehlen Aufnahmen, in denen Lisa Derek beobachtet, eine kurzfristige Befriedigung aus dem Voyeurismus erzielt oder sich dem Opfer nähert. Entsprechend baut der Film keine beklemmende Atmosphäre auf, die den Protagonisten oder gar die Zuschauer verstören könnte. Das Bedrückende, was andere Stalker-Filme wie etwa Bruce A. Evans Mr. Brooks – Der Mörder in Dir (2007) oder Michael Hanekes Caché (2005) ausmacht, fehlt gänzlich. Emotionen der Verstörung oder Angst, die sich auf Gesichtern ablesen lassen würden, werden in Obsessed ausgespart. Statt Gefühlsregungen sehen wir makellose Körper, die an die perfekten und gepflegten Serienkörper der aktuellen TV-Landschaft erinnern. Die drei Hauptdarsteller wirken immer attraktiv, jedoch nie erotisch. Sie fallen trotz ihrer objektiven Schönheit einer seltsamen Prüderie zum Opfer.
Nach umfangreicher Regiearbeit für Serien, beispielsweise für die Kriminalserien Law and Order (2002), The Wire (2002-2004) und Dexter (2006-2008) versucht sich Steve Shills in Obsessed an seinem ersten Langfilm. Die Möglichkeiten des Spielfilms, in konzentrierter Form eine komplexe Narration aufzubauen, seine Charaktere zu entwickeln und deren Handlungen zu motivieren, nutzt Shills ebenso wenig, wie die Potenziale seiner Schauspieler. Sehenswert ist Obsessed allein wegen der Schlusssequenz, die das vorstädtische Traumhaus in ein Schlachtfeld verwandelt. Erst jetzt wird der Film seiner Genrebezeichnung als Thriller gerecht. In den USA konnte Obsessed dennoch hohe Zuschauerzahlen verbuchen. Vielleicht wegen Beyoncé Knowles, die ihre Musikfans in die Kinos lockt, vielleicht wegen der grundsätzlich in der schwarzen Community beliebten Hauptdarsteller. Vielleicht auch wegen des Themas, das in einer Zeit der Überwachung öffentlicher Räume und der damit einhergehenden Beschneidung von Freiheitsrechten, Raum verdient, diesen jedoch in Obsessed nicht bekommt.
Filmkritik von Silke Roesler
Veröffentlicht am 12.06.2009
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Film-Angaben
Titel: Obsessed
USA 2009
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Steve Shill
Drehbuch: David Loughery
Produktion: William Packer
Bildgestaltung: Ken Seng
Montage: Paul Seydor
Musik: James Dooley
Darsteller: Idris Elba, Beyoncé Knowles, Ali Larter, Jerry O’Connell, Bonnie Perlman, Christine Lahti, Nathan Myers
Kinostart: 11.06.2009
DVD-Angaben
Titel: Obsessed
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Türkisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Italienisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Die perfekte Besetzung; Girl Fight!; Dressed to Kill (Kostüm-Design)
Verleih ab: 05.11.2009
Verkauf ab: 10.12.2009
Copyright Obsessed
Fotos: © Sony Pictures
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