Oben ist es still

Ein Ausbruch ohne Katharsis.

Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold verleiht ihren Figuren gerne eine Aura des Geheimnisvollen. Für den Zuschauer kann das sowohl spannend als auch frustrierend sein, je nachdem, wie viel Wert man darauf legt, die Absicht hinter jeder noch so kleinen Handlung zu verstehen. In Leopolds letztem Film, Brownian Movement (2010), ist ihr Faible für das Nicht-Greifbare und Vieldeutige jedoch sogar für ihre Verhältnisse ein wenig aus dem Ruder gelaufen. So musste man über die Beweggründe der ätherischen Hauptfigur hauptsächlich spekulieren, und selbst die wenigen Anhaltspunkte, die es benötigt, um das Interesse nicht zu verlieren, suchte man vergebens.

Boven is het stil 02

Nun hat Leopold mit Oben ist es still (Boven is het stil) einen Film gedreht, der sich auf den ersten Blick widerstandslos in ihr Oeuvre einfügt. Da wären zunächst wieder die unterkühlt ästhetisierten Bilder von Frank van den Eeden, die etwa im getragenen Vorspann eine nur vom Geräusch des Windes untermalte Choreografie der Grashalme einfangen. Mit diesem Moment der Ruhe stimmt der Film auf seinen Handlungsort ein. Wir befinden uns weit von urbanen Zentren, inmitten einer malerischen, aber auch rauen und fast menschenleeren Umgebung. Nach Maria Kraakman und Sandra Hüller ist es diesmal der erst kürzlich verstorbene Jeroen Willems, der einen Protagonisten spielt, der sich wortkarg seinem Einsiedlerdasein hingibt. Gemeinsam mit dem kranken Vater lebt der Bauer Helmer auf einem Hof, wo beharrlich modernen Entwicklungen gestrotzt wird. Das Verhältnis zwischen den beiden ist nicht das beste. Sie reden kaum miteinander, und eines Tages wird der Vater zum Sterben in den ersten Stock verbannt, während sein Sohn die letzte Chance ergreift, zumindest im Kleinen noch etwas an seinem Leben zu ändern.

Auch diesmal setzt Leopold auf eine sehr zögerliche Entwicklung der Handlung und hält respektvolle Distanz zu ihren Figuren ein. Kurze Gesten oder Äußerungen skizzieren dabei Helmers Charakter. Wir bekommen ein Gefühl für seine Einsamkeit, erfahren knapp vom traumatischen Tod des Bruders sowie vom gestörten Verhältnis zum emotional verkümmerten Vater und sehen die schüchternen Annäherungsversuche des Milchfahrers. Doch all das gibt uns eher eine Ahnung als ein konkretes Wissen. Dass der Film eben nicht alles ausformuliert, sondern das Unausgesprochene zwischen den Figuren auch auf den Zuschauer überträgt, verleiht ihm aber auch seinen besonderen Reiz.

So vergeht erst mal die Hälfte der Spielzeit, bis man sich einigermaßen in dieser Welt orientiert hat. Dichter wird die Inszenierung vor allem dann, wenn in Helmers Haus verschiedene Generationen aufeinandertreffen, ohne viel miteinander zu tun zu haben. Nachdem Helmer seinen Vater und damit auch die eigene Zukunft und Vergänglichkeit nach oben auslagert hat, holt er sich gleichzeitig die Vergangenheit ins Haus, personifiziert durch den 18-jährigen Knecht Henk. Statt den Unterschied zwischen den Beteiligten psychologisch herauszuarbeiten, konzentriert sich Leopold auf das, was in dieser landwirtschaftlichen Welt den höchsten Wert hat: den Körper. Jeweils für einen kurzen Zeitpunkt rückt sie die nackten Leiber der drei Männer ins Zentrum und widmet sich damit Landkarten des Alterns: Dem jungen, agilen Henk stellt sie den von Arbeit gezeichneten, aber noch kräftig gebauten Helmer und schließlich den alten, bewegungsunfähigen Vater gegenüber.

Boven is het stil 01

Auffällig bei der Inszenierung ist, wie die überwiegend statischen Bilder früherer Filme von der Beweglichkeit einer Handkamera ersetzen wurden. Diese nähert sich den Figuren räumlich an, was jedoch nicht heißt, dass wir deswegen mehr über ihr Innenleben erfahren. Doch obwohl Oben ist es still durch die Weigerung seiner Regisseurin, sich bei Handlung und Figuren festzulegen, manchmal von einer gewissen Leere durchsetzt ist, wirkt der Film insgesamt zugänglicher und stärker in sich geschlossen. Diese Entwicklung mag vor allem damit zusammenhängen, dass es sich hier um die Adaption eines Romans handelt, der eine recht klassische Geschichte erzählt. Allerdings war es Leopold selbst, die die Vorlage von Gerard Bakker in ein Drehbuch übersetzt und sich dabei alle Freiheiten genommen hat. Wo es nur ging, hat sie etwas geändert oder reduziert und Eindeutiges durch Vieldeutiges ersetzt. In ihrem Film erzählt sie letztlich eine typische Befreiungsgeschichte, ohne sie als solche zu inszenieren.

Und doch gibt ihr die fremde Handlung einen roten Faden, an dem sie sich entlanghangeln kann, ohne in kryptische Beliebigkeit abzuschweifen. Als Formalistin hat Leopold schon früher überzeugt. Jetzt hat sie aber ein narratives Gerüst gefunden, mit dem sie den Zuschauer nicht nur zurückstößt, sondern ihn auch für kurze mal Zeit zärtlich an der Hand nimmt.

Trailer zu „Oben ist es still“


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