Obaba

Ein Film über ein entlegenes Bergdorf und seine in ihren Privatmythen gefangenen Einwohner, über die Grenzen des Dokumentierbaren und die allen Fakten überlegene Wahrheit des Erzählens – und über Eidechsen mit ziemlich fiesen Marotten.

Obaba

Fast jeder kann sich an den Moment erinnern, an dem er die größte Angst seines Lebens hatte – ein Video davon besitzen wohl die wenigsten. Lourdes (Bárbara Lennie) jedoch hat eine Kamera dabei, als sie vom alten Tomas (Txema Blasco) versehentlich in einem Schuppen eingesperrt wird, zusammen mit ein paar Eidechsen. Wenig Erbauliches wurde ihr über diese Tierchen berichtet: Sie besäßen die Angewohnheit, Menschen ins Ohr zu kriechen und ihr Gehirn anzuknabbern. Tomas selbst sei dies als Kind widerfahren – ein Schulfreund habe ihm heimlich das Tier ans Ohr gesetzt –, seitdem sei er taub. Das sind so die Geschichten, die man sich in Obaba erzählt, einem abgelegenen Bergdorf im Baskenland. Nie zuvor, kommentiert Lourdes aus dem Off, hatte sie solche Angst wie in dieser Nacht.

Bewacht von ihrer Videokamera, gelingt es ihr trotzdem einzuschlafen. Als sie einige Zeit später Hörprobleme bekommt, schaut sie sich, Böses ahnend, den Beweisfilm an – und tatsächlich: da sitzt eines der Reptilien auf ihrer Schulter und züngelt an ihrem Ohr. Doch just in diesem Moment sinkt ihr Kopf zur Seite – was weiter geschieht, bleibt unsichtbar. Das ist die Pointe von Obaba: Der entscheidende Punkt einer Erzählung, ihr sprichwörtlicher wahrer Kern, ist nicht dokumentierbar, schon gar nicht von einer Kamera.

Obaba

Die Vorlage, Bernardo Atxagas Buch Obabakoak (1988), eine Sammlung lose zusammenhängender Erzählungen um den fiktiven Ort, gehört zu den meistübersetzten Werken der baskischen Literatur: Wie alle abgeschotteten Dörfer eignet sich auch Obaba – Stichwort Mikrokosmos – vorzüglich für universell gültige Geschichten. Ein paar davon hat Regisseur Montxo Armendáriz für seine Verfilmung ausgesucht, und über die neue Hauptfigur Lourdes – eine Studentin, die einen Dokumentarfilm über das Dorf dreht – hat er sie enger verknüpft. Ein Schritt, mit dem er die Vorlage dramaturgisch in den Griff bekommt und sie gleichzeitig um eine Erzählebene erweitert. Sogar dreifach ist der Plot verschachtelt: Um die Rahmenhandlung – Lourdes’ Aufenthalt in Obaba – und drei lange Flashbacks – die das Vorleben dreier Bewohner zeigen – gibt es noch eine weitere Klammer, in der die Heldin, in die Kamera blickend, auf die Geschehnisse zurückblickt. Ein einigermaßen komplizierter Aufbau, der etwas verfahren wirkt, zumal Lourdes als Figur recht blass bleibt.

Obaba

Eigentlicher Protagonist ist ohnehin das Dorf selbst. Als Schauplatz bleibt Obaba noch lange präsent. Kameramann Javier Aguirresarobe, seit The Others (2001) vertraut mit dunklen Räumen, erschafft erneut einen Ort, an dem es nie richtig hell wird, sich Nacht und Dämmerung abwechseln. Die Bewohner Obabas bleiben – trotz zahlreicher Close-Ups – gespenstisch ferne Traumgestalten. Statt einer engen Dorfgemeinschaft, die sich von allem Fremden abschottet, treffen wir auf lauter isolierte Einzelne, die der jungen Besucherin bereitwillig Auskunft geben. Für die drei, von denen wir in den Rückblenden erfahren, existiert das Dorfkollektiv nur noch als im Off lauernde Bedrohung. Die junge Lehrerin (Pilar López de Ayala), die sehnsüchtig einen Brief ihres Geliebten erwartet; Lucas (Eduard Fernández), der mit dem Geist seiner ertrunkenen Schwester spricht; Esteban (Ryan Cameron), Sohn des deutschen Ingenieurs (Peter Lohmeyer), der sich in eine Brieffreundin verliebt, die er nie zu Gesicht bekommt – sie alle gründen ihre Identität auf einen Fixpunkt, der außerhalb des realen Dorfes liegt, womöglich gänzlich imaginär ist.

Obaba

Dass sie solcherlei Wirklichkeit nicht mit der Kamera einfangen kann, begreift Lourdes bald. Dennoch ist Obaba nicht so sehr filmische Selbstreflexion als vielmehr eine Art Einführung in die Grundbedingungen mythischen Erzählens. Schließlich zeigen die – von Lourdes’ Standpunkt unabhängigen – Flashbacks ja, dass sich die Wirklichkeit dieser Figuren sehr wohl „verfilmen“ lässt, wenn man sich vom objektiv Beweisbaren löst. Es sei Sache des Erzählers, dem Vorgefundenen Bedeutung zu geben, so formuliert es Lourdes’ Seminarleiter, Wahrheit sei ohnehin immer subjektiv. Von fern erinnert das an Fred Madisons Worte aus Lost Highway (1997): „I like to remember things my own way. Not necessarily the way they happened.“ Dort war diese Haltung Ausweis für Freds Wahnsinn – dabei wissen Psychologen längst, dass unser Gedächtnis genau so funktioniert. Geschichtenerzähler wussten das schon immer. Dass immer irgendein Puzzleteil fehlt oder nicht passt, Fakt und Fiktion in der Erinnerung oft untrennbar verschmelzen – diese Einsichten stürzen Lourdes nicht rettungslos in Düsternis und Verwirrung wie die Helden Lynchs, sondern scheinen sie mit dem Dorf und seinen seltsamen Einwohnern zu versöhnen. Am Ende geht sie dem Leben außerhalb Obabas ganz freiwillig verloren. Was den ohnehin eher einlullend-melancholischen als verstörenden Film zuletzt allzu arg nach Weltflucht und Nostalgie schmecken lässt.

 

Kommentare


Martin Z.

Die Episoden sind locken aneinandergereiht und erfordern manchmal die Konzentration des Zuschauers, dem Zusammenhänge oft erst viel später klar werden. Doch das ist nicht die Essenz. Ein in Ansätzen poetisch angehauchtes Konstrukt zeichnet allgemein zwischenmenschliche Konfrontationen von seltsam schrulligen Käuzen eines kleinen Dorfes, von der modernen Technik und von globalen Zusammenhängen. Dabei geht es auch in die Vergangenheit zurück, aus der manche Konsequenzen bis heute reichen. Und eine lebensphilosophische Aussage gibt es obendrein: man sollte da leben, wo man sich wohl fühlt. Man kann unterwegs den Faden verlieren, findet ihn aber immer wieder und freut sich an den gewonnenen Erkenntnissen.






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