Nymphomaniac 1

Sex, Zwang und Begehren nach poetischen Regeln: Lars von Trier liefert den ersten Teil seiner großangelegten Sinnsuche einer Nymphomanin als Spiel mit den Assoziationen.

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Die Nymphomanie ist für Lars von Trier zunächst und vor allem eine depressive Verfassung. Ein Blick auf Charlotte Gainsbourgs Gesicht genügt, um zu wissen: Die Figur leidet unter ihrer Sexsucht. Und doch ist es kein Schleier der Tristesse, der sich über den ersten Teil von Nymphomaniac legt. Denn Protagonistin Joe befindet sich von Anbeginn in einem Kampf um ihre eigene Geschichte. Mit Seligman (Stellan Skarsgård) ringt sie darum, ein böser Mensch sein zu dürfen. Doch der Fremde, der sie verletzt und gebrochen von der Straße aufgelesen hat, lässt ihr keine Chance. Ruchlose Verführungskünste? Kennt er vom Angeln. Die moralischen Fragen, die von Trier geschickt an den Anfang und in den Vordergrund drückt, dürfen Joe und Seligman getrost in der Rahmenhandlung verdauen, auf dass sie der Zuschauer nicht mehr fressen muss.

Blaue Flecken im Gesicht

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Joe deutet sich selbst, deutet ihre pathologische Verfassung, deutet ihr Sein. Doch die Eigendiagnose muss für andere suspekt wirken. Sie will sich verdammt wissen, noch dazu ohne Selbstmitleid. Es sind kurze Momente der Einleitung in ihre Geschichte. Den Mann mit dem sprechenden jüdischen Namen scheint sie vorzubereiten für einen Weg in den Abgrund. Wen er sich da ins Haus geholt hat, könne er sich nicht vorstellen. Joe will die Verantwortung tragen für ihre Vergehen, sich nicht als Opfer sehen und gerade kein Mitleid provozieren. Gainsbourg liegt diese Doppeldeutigkeit in ihrer Präsenz, die Fragilität ihres verletzten Körpers, die blauen Flecken im Gesicht trägt sie mit einer unmissverständlichen Willenskraft – ihre Augen sprechen von durchdringender Überzeugung und ewiger Erfahrung; noch als erwachsene Frau muss sich Joe beweisen, die Last ihrer Existenz will sie aufwiegen, die frühe Reife schlägt sich im frühen Alter nieder. Noch ist sie nicht alt, schon fühlt sie sich am Ende. Sie sehnt sich nach keiner Absolution, denn die würde ihre gesamte Erfahrung negieren. Die Sexsucht ist für sie kein Vergnügen, von Anfang an nicht.

Ein Abschluss für die Trilogie der Depression

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Nymphomaniac stellt den zweiteiligen Abschluss einer sehr losen ‚Trilogie der Depression‘ dar, die mit Antichrist (2009) und Melancholia (2011) düster und bildgewaltig begonnen hatte. Leichtfertig und unbekümmert wirkt dagegen Lars von Triers neuester Streich, als passte er sich nun der Grammatik der Pornografie an. Auf atemberaubende Tableaus, die in den Vorgängern eine beeindruckende metaphorische Kraft entwickelten, verzichtet er – zumindest im gekürzten ersten Teil – zugunsten einer stark auf die Körper der Figuren fixierten Optik. Die lockere episodische Nacherzählung übersetzt die innere Verfassung seiner Protagonistin in expliziten Vergleichen und Bezügen. Auch hier darf die Natur wieder eine mystische Dimension einnehmen, aber in den Bahnen der Erinnerung und der Assoziation der Figuren selbst. Weil von Trier dies geradezu eindeutig illustriert und viel Found-Footage-Material eben dieser Assoziationen aufflackern lässt, gewinnt der Film genau jene vergnügte Distanz, die Joe unmöglich selbst einnehmen kann.

Episoden wie aus dem Porno entliehen

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Mit der Rahmenhandlung überformt von Trier den gesamten Blick auf die in den Rückblenden geschilderten Ereignisse. Selbst wer Joe nicht verteidigen will, wird dazu verleitet, mit der offenen Neugierde des gebildeten Mannes auf ihre Erzählungen zu blicken. Obwohl Joe sie selbst erinnert, gewinnen sie schnell eine Unabhängigkeit, lassen sich von ihrer Sicht nicht bändigen. Das Mädchen, das uns in der Gestalt von Stacy Martin gegenübertritt, scheint ohnehin wie losgelöst von ihrem eigenen Leben. Nicht die ewige Erfahrung, sondern ein schmerzendes Nichts beleuchtet ihre dunklen Augen. Sie bezirzt die Männer, wenn es nötig ist, mit einem Lächeln, dem kalkuliert verschämten Senken ihres Hauptes, gefolgt von einem zarten Augenaufschlag. Der Blick dahinter aber, der Blick in ihre Seele will einfach keinen Boden finden. Die Parallelen zum Porno sind bereits auf dieser Ebene zu finden: im Vakuum, das fast unweigerlich aus der mechanisch anmutenden Aufführung von Sex folgt. Die Lust stößt an ihre Grenzen. Vor allem entnimmt Nymphomaniac ganze erzählerische Einheiten der populären Porno-Logik von jederzeit willigen Frauen, in deren Bannkreis fremde Männer wie zufällig in Alltagssituationen geraten. Im Zugabteil. In der ersten Klasse direkt am Sitz. Im Büro.

Sanft und aufmerksam statt pornografisch

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Lars von Trier erzählt eine Geschichte, die weder krude noch pornografisch wirkt. Sie taugt zur sexuellen Anregung nur bedingt und ordnet sich einem solchen Zweck nie unter. In einer majestätischen Splitscreen-Sequenz zum Schluss vom ersten Teil erlaubt sich der Regisseur den Spaß, das allegorische Potenzial der sexuellen Beziehungen von Joe beinahe onkelhaft durchzuexerzieren, samt Aufnahmen einer Orgel und eines Raubtiers. Und als man denkt, der Witz ist durch, da bricht plötzlich die Bedeutung durch, die Not und Dringlichkeit der Erlebnisse sind da, unmissverständlich gegenwärtig. Und Rammstein begleiten uns in den Abspann, wie Rammstein bereits hineingeführt hatten in den Film, mit einem Liedtext, der so schlicht und naheliegend ist, dass sich wohl schon bald alle Von-Trier-Exegeten darauf stürzen werden: „Führe mich“. Es ist ein sanfter Aufschrei, wie überhaupt Nymphomaniac bis hierhin eine tröstende Zärtlichkeit ausstrahlt. Auf die ungekürzte Fassung, auf den zweiten Teil, schlicht auf mehr davon freue ich mich.

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Kommentare


Jan Kliemann

Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, wie man diesen Film als sanft bezeichnen kann, bei dem, was er zeigt. Ich denke, der Film ist genauso krank, wie sein Regisseur. Und ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um von Trier, denn es wird von Mal zu Mal schlimmer, was er dreht...


PaulaA

Yeah. Ein Meisterwerk! Habe die Langfassung zur Berlinale sehen können, ein Muss für alle Fans von ArtCore, was meint: Explizite Szenen mixed mit Arthouse. Hatte auch ein angeregtes Gespräch nach dem Kino mit anderen Zuschauern, die es auch in den Film geschafft hatten. Da erfuhr ich so manch weiteren guten Tipp in Sachen aktuellem ArtCore, z. Bsp. auch aus hiesiger Produktion. So hat der "deutsche Lars von Trier" RP Kahl, der von ein paar Jahren auf der Berlinale mit seinem SexArtSchocker "Bedways" für einige Aufregung sorgte, eine Art Nachfolgeprojekt gemacht, dass noch expliziter und gewagter und auch ohne "Fake", ist. Jedoch nur auf DVD in limitierter Auflage zu bekommen: "Rehearsals" heißt das Werk! Weiterhin wurde auch der serbische Film "Klip" benannte, den kannte ich bisher auch noch nicht. Auch absolut sehenswert! Nun freue ich mich schon auf Triers Teil 2, oder ich muss mal am Wochenende nach Dänemark fahren...


Rainer Ackermann

Nichts weiter als ein pseudointelektuell, verquastes Porno-Machwerk !
Wir haben das Kino nach 30 Minuten verlassen, und das nicht weil wir verklemmt sind.
Völlig unverständlich was manche Zeitgenossen, da alles hineininterpretieren.
So ähnlich wie das Bild "Schimmel im Schneegestöber" !


Fronzi

Vielleicht würden Sie es verstehen, wenn Sie auch die restlichen zwei Stunden gesehen hätten?

Ferner: Argumentieren statt motzen! Für den Beginn wäre doch die Klärung folgender Fragen hilfreich:

01. Woran erkennt man "Pseudo-Intellektualität"? Woran echte Intellektualität?

02. Durch was begründet sich Ihre Kompetenz, diese Begriffe nicht nur zu definieren, sondern auch als Etikett zu verwenden?


Fantastic

Nach 30 Minuten gehen und einen kompletten Film entwerten grenzt an blinde Ignoranz statt Empathie für echte Intellektualität. Beschämend.






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