Nymphomaniac 2

Wenn die Nymphomanin keine Sexsüchtige sein will: Der zweite Teil der Odyssee führt Joe durch Exzess, Therapie und Züchtigung, er liefert Antworten auf überflüssige Fragen und entblößt den intellektuellen Zugang zur Körperlichkeit.

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Der Phallus ist überall. Erigierte Penisse begleiten die Geschichte der Nymphomanin Joe (Stacy Martin und Charlotte Gainsbourg), wohin sie auch reist, wohin sie auch schaut. Sie nutzt die Schwänze als Waffe gegen deren Träger, die keine Kontrolle über sie haben. Sie sehnt sich nach ihnen, vor allem wenn sie ihr im seltensten Fall einmal entzogen bleiben. Sie sind überall lauernde Stimulation und bereiten ihr doch keine Befriedigung. Teil zwei von Nymphomaniac beginnt dort, wo Teil eins endete: Joe kann nichts mehr spüren, und das gerade jetzt, wo die angeblich geheime Zutat für Sex bei ihr einzieht: die Liebe. Später wird sie einmal dem Rat einer dubiosen Therapeutin folgen, für die Nymphomanie eine durch Abstinenz zu bändigende Sucht ist. Es ist eine der absurderen Szenen in einem nicht selten komischen Film, wenn Joe, in der Hoffnung ihr Verlangen zu bändigen, ihre ohnehin fast leere Wohnung abgeht und Zimmer für Zimmer die Spiegel umdreht oder mit weißer Farbe streicht, die Fensterscheiben mit Zeitungspapier bedeckt, ihre Bücher wegbringt und jeden auch nur halb spitzen Gegenstand abklebt. Jede Verlockung, jedes stimulierende Element muss verschwinden. Der Phallus ist überall. Am Ende liegt sie erschöpft auf dem weißen Bett in dem weißen Raum, einst war es ihr Schlafzimmer, nun ist es ihr Gefängnis.

Zwischen Fremdbestimmung und Emanzipation

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Weiß ist die Farbe von Joes Leben, weiß ist die Farbe von Nymphomaniac. Nicht bunt, trotz der visuellen Collage an Männern und Gliedern unterschiedlicher Couleur. Nicht schwarz oder düster, auch nicht in der Sado-Maso-Episode, und nur kurz in der Rahmenhandlung. Das Weiß, das in Raum und Beleuchtung so durchdringend wirkt, hat freilich nichts Moralisches, eher spiegelt es das Verhältnis, das Film und Figur zur Gesellschaft einnehmen. Sie sind von vornherein wie von ihr gelöst. Statt einem Schleier der Jungfräulichkeit ein Schleier der Distanz. Weder die Norm noch der Diskurs noch das Land noch das Gesetz sind relevante Referenzpunkte für Joe. Gesellschaft ist Zweisein, ist die konkrete Interaktion mit dem einzelnen Anderen, ohne Rücksicht, unbeteiligt, fast ohne Wahrnehmung ihrer Folgen. Die Fremdbestimmung und ihre Emanzipation, zwischen denen Joe oszilliert, haben scheinbar keinen Ursprungsort. Unberechenbar folgt sie äußeren und inneren Impulsen, macht sie sich willig zum Objekt und deklariert sich vor allem retrospektiv zum Subjekt. Joes Idee von Welt und Wert, die in Nymphomaniac 1 noch biographisches Futter erhielt, geht nie über das Dreieck Ich-Du-Es hinaus. Das Verständnis von Weltbezug ist ein zwischenmenschliches, zwischen zwei Menschen und ihren Trieben.

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Lars von Trier hat sichtbar im Studio gedreht und braucht das auch nicht zu verstecken. Denn er hat einen Film gemacht, in dem die Außenwelt stets nur in Form des Hereintretens einer Figur mit jeweils anhängigen Bedürfnissen und Beziehungen vorkommt. Da war Uma Thurman als gehörnte Ehefrau in Teil eins, die ihren Kindern das Hurenbett zeigen wollte; da ist in Teil zwei nun Joes kleiner Sohn Marcel, der wie in Antichrist (2009) am geöffneten Fenster des Nachts den Schnee fassen will. Nymphomaniac 2 gibt vor, er wolle gleichzeitig mehr sein, mit all seinen geistes- und kulturwissenschaftlichen Thesen auch Gesellschaftssynthese betreiben.  Doch auf dieser Ebene ist dem Film nicht viel zu entlocken. Wenn von Trier die schwarzen Drogendealer am Parkrand filmt und ein Übersetzer „afrikanischer“ Sprachen ihnen Joes Sexangebot unterbreitet, damit später zwei massive schwarze Penisse Gainsbourgs Gesicht im Bild umranden, dann ist der Film näher an Fetisch und Phantasma als an Rassismus, selbst wenn das eine auf dem anderen fußen kann. Die Selbstinszenierung der „Persona non grata“ von Trier lauert hier vielleicht wie noch nie zuvor – mal in den Worten Joes, mal in denen von Seligman (Stellan Skarsgård).  Nach dem Abhaken von Antizionismus versus Antisemitismus im ersten Teil haben die beiden hier ein kleines Zwiegespräch zur Verwendung des N-Wortes und überhaupt zur Berechtigung von political correctness. Von Trier lässt den Intellektuellen seine Argumente vortragen und gibt doch Joe das letzte Wort.

Irre Analogien und eine verlockende Tabula rasa

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In Nymphomaniac 2 verliert die Perspektive des jüdischen Zuhörers Seligman, der den Worten Joes am Krankenbett lauscht, immer mehr an Boden. Während seine Assoziationsspiele und großzügigen Deutungsangebote im ersten Teil der vermuteten Pathologie noch einen vermittelnden Rahmen gaben, erscheinen sie nun, wo das Leid von Joe immer manifester wird, zunehmend als das, was sie vielleicht von Anfang an sein sollten: die eitle Selbstbefriedigung eines Menschen, der das Körperliche nicht beherrscht. Wenn der Intellektuelle aber vom Vermittler zum selbstbezüglichen Snob mutiert, dann entblößt von Trier letztlich doch immer auch sich selbst. Und wenn Seligman von einer irren Analogie zur nächsten gutgemeinten Einordnung immer unausstehlicher wird, so muss das nicht auf Nymphomaniac zurückfallen. Zum einen, weil eine inhaltistische Analyse bei von Trier nie abgeschlossen werden kann, zu widersprüchlich sind Figuren und Intentionen angeordnet. Zum anderen, weil mit der Dekonstruktion von Seligman auch die blöderen Thesen zu Grabe getragen werden: Gegen Ende legt sich seine Stimme über eine Montagesequenz, einer Reihe von Flashbacks, bei der wir angeblich mit neuen Augen auf Joes Psychopathologie blicken sollen. Eine verlockende Tabula rasa will uns von Trier da auftischen und die Nymphomanie mitsamt ihres unter Ärzten und Psychologen höchst umstrittenen Begriffs wegfegen, als hätte Joe nie leiden müssen unter ihrem zwanghaften Verhältnis zum Sex, wenn nur die Gesellschaft sie akzeptiert hätte.

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Nymphomaniac ist voller falscher Fährten. Der Film ist ungemein dicht und auch innerhalb der einzelnen Episoden straff und zugleich anschaulich erzählt. Die besten Schlüssel zu einem Verständnis von Joe jenseits von Identitäts- und Subjektfragen bieten zwei Figuren, Jerôme (Shia LeBeouf) und P (Mia Goth). Denn tatsächlich darf die im ersten Teil noch so kühle Joe im zweiten Empathie empfinden und Nähe kennenlernen. Vor und nach den Peitschenhieben von K (Jamie Bell) findet die Protagonistin einen weltlichen Limbus am Rand ihrer irdischen Hölle – an der Hand von zwei Menschen, die sie sehen und verstehen, die ihr die Milde entgegenbringen, die sie für sich selbst gar nicht beanspruchen würde. Auch unter der Zuneigung wird sie zu leiden lernen, nur wird sie dieser Schmerz zur Selbstbestimmung führen.

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