NVA

Full Metal Jacket in Trabiland. Wer den Trailer von NVA gesehen hat, rechnet womöglich mit einer witzigen Komödie. So kann man sich täuschen.

Da hat man nun über eineinhalb Stunden in einer Komödie gesessen und während des Abspanns fragt man sich, warum man nicht ein einziges Mal laut gelacht hat. Warum sich überhaupt im gesamten Kinosaal so gar keine Stimmung hat einstellen wollen. Handelt es sich hier etwa um einen Fall dieses ominösen hintergründigen Humors? Nun, wie der aussehen kann, davon gibt Jim Jarmuschs Broken Flowers derzeit ein eindrucksvolles Beispiel in deutschen Kinos. Nein, damit ist NVA nun wirklich nicht zu vergleichen. Liegt es daran, dass hier eine dezidiert deutsche Komödie vorliegt? Ein Film, dessen Presse uns weismachen möchte, in der Armee der Deutschen Demokratischen Republik sei es chaotischer zugegangen als überall andernorts?

NVA

Warum ist die Art und Weise, wie hier Armee und DDR durch den Kakao gezogen werden, dann nur so bekannt? Neuankömmlinge werden gepiesackt, es gibt Kameraderie, Schinderei und liebenswürdige Krankenschwestern. Für ein Drehbuch mit der Beteiligung des talentierten Autors Thomas Brussig vermisst man schmerzlich Zuspitzungen oder Einfälle jenseits bekannter Armeeschemata. Natürlich sind fehlende Pointen einer Komödie vorzuwerfen, doch das noch weitaus größere Problem dieses Films war schon bei Leander Haußmanns Kinodebüt Sonnenallee (1999) spürbar. Einem Film, der die sogenannte mediale Ostalgie mitbegründete und immerhin durchaus gelungene Nachzügler wie Wolfgang Beckers Good Bye Lenin! (2002) nach sich zog, vor allem aber durch seine durchgehende Banalisierung einer schwierigen Thematik auffiel. Schon dieses recht erfolgreiche period picture rechtfertigte die eigenen Infantilisierungsstrategien mit gebrochenen und ironischen Momenten. Doch wenn am Todesstreifen Rolling Stones-Alben vor der Erschießung retten, die Jugend im totalitären Staat letztlich einfach cool und schräg war und sich am Ende alles in Wohlgefallen und Musicaleinlagen auflöst, weckt das durchaus gespaltene Reaktionen beim Betrachter.

Auch NVA arbeitet mit ironischen Brüchen, vor allem in Form des dezidiert romantischen Duktus der Hauptfigur Henrik (Kim Frank), ohne allerdings jemals Bissigkeit in Form von Satire oder Zynismus zu entwickeln. Parallel dazu wird ein Ausbildungsszenario entworfen, das ernsthafte Problematiken wie Demütigung, Isolation, sowie Willfährigkeit aufwirft und selbst den Klassiker dieses Genres, Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987), zitiert.

NVA

Natürlich werden Henrik und sein forscher Kumpel Krüger (Oliver Bröcker) von den alteingesessenen Stubenkameraden schikaniert. Bis auch die sich, ohne ersichtlichen Grund, humanistisch wandeln und – wieder die Affinität zum Musical – bei „My Bonnie is over the Ocean“ zum Chor verschmelzen. Deutlich aus diesem Rahmen fällt jedoch die ernsthafte Episode, in der Rekrut Krüger nach einer Gehirnwäsche als vermeintlich gebrochener Mann zurückkehrt. Man vermutet eine Auflösung im Gag, stattdessen findet der Gefolterte in den Armen einer Frau Erlösung. Das ist weder komisch, noch tragisch und will sich nicht in den Rhythmus und Ton des Gesamtfilms einpassen. Wenig später bereits grinst Krüger denn auch wie zuvor und kehrt dem System den Rücken.

Eine Rebellion hat stattgefunden. Eine Rebellion gegen liebenswerte Schwachköpfe, denn so sind die Vorgesetzten ausnahmslos gezeichnet. Interessanterweise kann sich Held Henrik dabei erst zum Protest durchringen, als das politische System außerhalb der Kasernenmauern bereits gescheitert ist. Immerhin er selbst hält sich dadurch für mutig.

NVA

Dem Zuschauer ist diese Filmfigur zu jenem Zeitpunkt bereits völlig egal, denn sie hat, wie alle anderen handelnden Personen, nichts mit den Bürgern gemein, die im Film als historische Hintergrundschablonen in Nachrichtenform herbeizitiert werden. Diese Melange aus skurrilem Filmkosmos und historischer Faktizität mißlingt.

So bleibt NVA ein Film, der behauptet, von der DDR und seinen Menschen zu sprechen und der sich darüber hinaus als witzige Komödie ausgibt. Das entspricht so sehr der Wahrheit wie Walther Ulbrichts Aussage: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Aber vielleicht sollte man den Film einfach gar nicht beachten. Schließlich promotet er vor allem sein Computerspiel, das Buch und einen Soundtrack. Vielleicht dürfen wir uns ja auch noch auf ein Theaterstück freuen...

Filmkritik von Sascha Keilholz

Veröffentlicht am 24.09.2005

Kommentare zu NVA

der salzwasserbarsch 01.10.2005 13:31

ja das kann ja schon sein sein das der film nicht tiefgründig oder ein treffendes zeitdokument. aber ich glaube der film erhebt gar nicht diesen anspruch und nette abendunterhaltung ist alle mal. ja ich hab`s jetzt sicher allen gezeigt

Gedient in der NVA 04.10.2005 09:40

Was der Rezensent nicht versteht: eine humane Wandlung der EKs findet in dem Moment statt, in dem Krüger seinen Abschied nimmt, um in die Strafeinheit Schwedt zu kommen. Dieses Thema war so angstbesetzt, dass selbst der härteste EK einem Soldaten, dem solches bevorstend, etwas Mitleid und Aufmunterung gegeben hätte. Mir jedenfalls erschien diese momentane Wandlung schlüssig.

verstehtsnicht 07.10.2005 23:52

versteh die Zusammenfassung nicht...der Film sollte auch aus meiner Sicht keine Darstellung des damaligen Alltags sein, weder aus der NVA, noch der der DDR-Bürger...es wäre doch sonst auch eher ein Dokumentationsfilm gewesen...Ich finde die spielerische Art und Weise, wie mit dem Thema DDR umgegangen wird, gut. Nur so lässt sich doch die Vergangenheit aufarbeiten, ohne in Tränen auszubrechen...Wer die Wahrheit kennt/erlebt hat, wird schmunzeln können...oder sich erinnern...ich fand den Film gar nicht mal so schlecht...

enttäuschte kinogängerin 11.10.2005 23:19

Tut mir leid, das ist der grösste Schrott, den ich mir dieses Jahr angetan habe, ich staune immer, dass solche filme vom staat gefördert werden, ich habe mich schrecklich gelangweilt, wo war die story, wo die pointen? ein flachwitz jagte den nächsten, alles schon tausendmal gesehen und gehört, ich bin bitter enttäuscht und als ossi kann ich nur sagen, diese ddr-komödien hängen mir wirklich zum halse rum, also bitte liebe filmemacher verschwendet weder unser geld noch unsere zeit!!!!

Mell 20.10.2005 15:46

Ich denke, dass diese Kritik mal wieder zeigt, wer sie geschrieben hat... Ich glaube nicht, dass es ein ehemaliger DDR Einwohner war! Wenn, dann muss dass schon eine sehr pessimistischer Mensch sein! Ich finde solche Filme, wie übrigens auch die Sonnenallee, super, denn so schlecht ging es uns nicht damals. Man sollte das Thema nicht überbewerten!!!
Wieso sollte immer auf die Tränendrüse gedrückt werden, die DDR war nicht so schlecht und tragisch? Sicher für einige schon, aber die Mehrheit hat gut gelebt da... Das war nämlich bei Good Bye Lenin das Problem. Super Film-ganz klar, aber zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt!

Komödien sollen im Übrigen nicht tiefgründig sein, sondern locker, leicht, lustig!!!

Teilnehmer 21.10.2005 11:25

Ein nettes Filmchen, wie ich finde. Ja, es ist eine Komödie, man kann schmunzeln und durchaus lachen, wozu auch für Ex NVA-ler der hohe Wiedererkennungswert beiträgt. Vielleicht ist es aber auch nur für Kinogänger interessant, die irgendwie damit Berührung hatten, sei es als Besucher in spartanisch eingerichteten Besucherräumen oder als Briefempfänger. Sicher, die Offiziere/Unteroffiziere sind durchweg als schräge Typen gezeichnet und es gab andere aber viele habe ich wiedererkannt!

Danke Herr Haußmann, sehr gut beobachtet.

Andreas 23.10.2005 18:43

Militärklamotte
Dem Film gelingt es nur in sehr wenigen Momenten, hintergründigen Witz zu entwickeln und den Alltag von Rekruten im Allgemeinen bzw. von NVA Soldaten im Besonderen in satirischer Form darzustellen. Hingegen werden ernste Themen wie Unterdrückung und staatliche Gewalt in den Film aufgenommen, was sicher zu begrüßen ist. Jedoch wirken diese Szene zu gewollt und fügen sich nicht in die Atmosphäre des Films, der ansonsten zu sehr Klamotte ist.

Rudolphus 26.12.2005 15:28

Also ich fand den Film richtig super!
Wenn ich mir dagegen KING KONG oder irgend nen anderen Action Shice angugg kommt mir die Galle hoch. Ich habe sehr lachen müssen, echt ein super Film. Ich mag solche

Frank (Sachsen-Anhalt) 21.04.2006 23:45

Er versucht erst gar nicht etwas zu verstehen. Ein Glück für ihn, das der Verfasser in Hamburg geboren ist. Er hätte natürlich die DDR, (der ich keine Träne nachweine) sofort in seinem ersten Schuljahr komplett gestürzt. Den Film finde ich einfach genial und ich bin kein Fan von Sonnenallee & CO.

PWe 02.06.2006 16:40

Ich hatte eine Komödie erwartet. Aber für mich war es keine.
Zu der Wendezeit habe ich meinen Wehrdienst in der NVA abgeleistet. Viele Dinge habe ich dort wieder entdeckt. So war der Film eher ein Abstecher in die Vergangenheit. Sicher gibt es einige Begebenheiten die Witz haben, aber Lachen konnte ich nie.
Ich finde den Film trotzdem wertvoll und habe ihn mir als DVD gekauft.

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DVD von NVA

 

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Berlinale im Dialog

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Film-Angaben

Titel: NVA

Deutschland 2005

Laufzeit: 98 Minuten

 

Regie: Leander Haußmann

Drehbuch: Thomas Brussig, Leander Haußmann

Produktion: Claus Boje, Detlev Buck

Darsteller: Kim Frank, Oliver Bröcker, Detlev Buck, Jasmin Schwiers, Philippe Graber, Robert Gwisdek, Ignaz Kirchner, Uwe Dag Berlin, Annika Kuhl, Katharina Thalbach

 

Kinostart: 29.09.2005

 

DVD-Angaben

Titel: NVA

Vertrieb: Universum Film

Bild: 2,35:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte

Altersfreigabe: ab 6 Jahren

Spieldauer: 94 Minuten

 

Extras: Kinotrailer, Kinoteaser, Bildergalerie

 

Verleih ab: k.A.

Verkauf ab: 15.05.2006

 

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... von Leander Haußmann

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