Nur Gott kann mich richten

Filmfest Hamburg 2017: Viele Gangster gegen eine Frau. Özgür Yildirim hat sich ins Zeug gelegt, nicht nur die Geschichte von strauchelnden Männern zu erzählen. Und wenn Birgit Minichmayr im Bild ist, hat Moritz Bleibtreu ohnehin keine Chance.

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Nur Gott kann mich richten, schon klar: Dieser Film will von schnöden Menschen nicht leichtfertig verurteilt werden. Immerhin schaut dieses Gangsterdrama auf die Straßen, und das ist bekanntlich der Ort, an dem ganz eigene Gesetze herrschen. Recht und Unrecht, Integrität und Loyalität, davon zeugen große Tragödien und kleine Actionreißer, die sich nicht mit der Frage aufhalten, wem gefallen wird, was sie da tun. Weil sie sich selbst genügen, weil aus ihrem Inneren heraus eine solche Einheit erwächst, dass politische Umstände und gesellschaftliche Erwägungen keine Rolle mehr spielen. Ich würde schon gerne glauben, dass Filme so erhaben sein können, aber keine Ahnung, ob das jemals stimmt – immerhin zeigt jedes künstlerische Werk seine Gegenwart, egal wie verzerrt oder fiktiv. Regisseur Özgür Yildirim, der mit Chiko (2008) bekannt wurde und mit Blutzbrüdaz (2011) und Boy7 (2015) zeitgenössische, mediengesättigte Filme gedreht hat, interessiert sich ohnehin dafür, was da draußen so los ist. Und doch steht im Vordergrund der filmische Zusammenhang. Bezugspunkt sind große Mythen, nicht kleine Dramen.

Frauen im Licht

Das Licht hat einen überhöhenden Effekt: Nur Gott kann mich richten inszeniert ein dunkles Frankfurt und ein paar Kleinkriminelle, die sich damit herumschlagen, dass sie lieber keine wären. Hereingebrochen kommen hellste Sonnenstrahlen, vor allem wenn Frauen hineingestoßen werden in die Männerwelt. Schon bald nachdem klar ist, dass Moritz Bleibtreu Hauptdarsteller ist und sein Ricky ein herzensguter Ganove, der sich – ganz bald – zur Ruhe setzen will, entwickelt sich ein zweiter, eigenständiger Erzählstrang. Bei blendendem Gegenlicht steht da Birgit Minichmayr als Diana in der Küche, bemüht sich, wach zu werden und ihre Tochter für die Schule vorzubereiten, aber das Leben ist kompliziert. Sie ist Polizistin, hat sich gerade vom Mann getrennt, und das gemeinsame Kind ist lebensgefährlich krank. Als Versuchsanordnung mag das etwas bemüht klingen – die kleinen Volten und großen Zufälle, die Diana in die Unterwelt zum strauchelnden Ricky führen, werden aber so locker und beiläufig mit der Unausweichlichkeit einer bitteren Komödie hergeleitet, dass sie sich schön fügen in den schon etwas ermatteten Drive der Männerwelt, die sich nicht mehr allzu ernst nehmen kann.

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Unter der schicken Oberfläche des Gangsterfilms schimmert unter Yildirims Regie so einiges durch: Sein Bewusstsein fürs Genre zeigt sich schon darin, dass er weiß, dass sich eine Geschichte wie diese nicht erzählen lässt, ohne die Konventionen darin als Konventionen mitzuerzählen, immerhin durch eine gewisse Distanz zu den Leben-und-Tod-Szenarien, den Träumen vom Neuanfang und dem letzten großen Ding. Noch wichtiger aber ist, dass er die Komödie im Gangsterstoff nur so weit einsetzt, wie sie der filmischen Welt entspringt. Der Humor ist einer, den die Protagonisten sich selbst gegenüber an den Tag legen, und kein ironischer Kommentar eines Autors, der sich über seine Figuren stellt. Das dürfte sogar für die zotigen Momente mit Peter Simonischek (alias Toni Erdmann, 2016) zutreffen, der den dementen Vater der zwei Ganoven-Brüder gibt und die Spießigkeit von Ricky geradezu auszukosten scheint.

Was Bleibtreu nicht verhindern kann

Nur Gott kann mich richten hat einige Lücken und behilft sich mancher Krücken. Eines aber ist fast durchgängig beachtlich: das Schauspielensemble. Selbst Moritz Bleibtreu, der bei diesem Film erstmals auch als Produzent in Erscheinung tritt, kann mit seiner offenen, recht unscharfen Mimik, bei der die Persona nie ganz hinter der Figur verschwindet, die ausdrucks- und facettenstarken Auftritte der anderen nicht schmälern, im Gegenteil akzentuiert er sie noch. Das Gangstermilieu wird durch zwei wie Bleibtreu eher sanfte Gesichter getragen, von Kida Khodr Ramadan (4 Blocks, 2017) und Edin Hasanovic (You Are Wanted, 2017). Hasanovic, der den Bruder von Ricky spielt, stellt in dieser Rolle so viele widerstrebende Energien dar, vom liebenden Freund über den trotzigen Bruder bis zum entschiedenen Alles-Riskierer, dass er allein Motor für jegliche zwischenmenschliche Dynamik in diesem Film sein könnte.

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Minichmayr wiederum, die anfangs etwas willkürlich in das Drama hineingeworfen zu sein scheint, entpuppt sich als dessen größte Stärke. Ihre Diana hat zwar auch vom Plot her viel tragisches Potenzial, von wegen sterbender Tochter, die es zu retten gilt und für die auch das ein oder andere Verbrechen drin sein könnte, aber Minichmayr lotet weniger die Psyche einer Figur aus, als verschiedene Schattierungen von möglichen Präsenzen. Mal ist sie wie zu Beginn ganz Körper, der sich gegen den Alltag sträubt, dann wird sie zur Arbeitsmaschine, die souverän männliche Kollegen links liegen lässt, schließlich gerät sie immer weiter aus ihren gewohnten Bahnen heraus und wirkt, als stünde sie neben sich. Auch deshalb sind die Begegnungen mit den verschiedenen Kriminellen, die auf dem Papier eindeutig und vorhersehbar klingen können, dann doch spannend: Minichmayr spielt mindestens für zwei – für ihre Mutterrolle, die keine Alternative kennt, und für die abgeklärte Polizistin, die alles durchschaut und deshalb gar nicht in der Situation sein kann, in der sie dann aber doch ist. Da mag Bleibtreu ihr als Kontrahent formal gegenüberstehen, das eigentliche Ringen findet in der Frau statt – der Mann ist dafür völlig überflüssig.

Ein einzelner Film muss keine Quoten erfüllen, keine Repräsentation der Gesellschaft bieten und erst recht keine Ausgewogenheit herstellen. Vor solchen Forderungen muss Kunst geschützt werden, weil die Pluralität durch verschiedene Werke nebeneinander, nicht durch eins allein garantiert wird. Özgür Yildirim ist ein Spezialist für Filme, die Männlichkeit (samt Klischees) porträtieren und dadurch jede Menge Reibungsfläche bieten. In Nur Gott kann mich richten legt er den Grundstein für etwas anderes, bei dem sich Plot, Spiel und Gesellschaft lebendig durchkreuzen und dadurch stärker, interessanter werden. Weil Rollen nicht mehr nur nach ihrem dramatischem Potenzial durchdekliniert werden, sondern sich mit physischen und mysteriösen Dimensionen füllen. Vielleicht wäre dann ja auch eine Variante möglich, in der die Frauen sich nicht im Licht beweisen müssen, während den Jungs doch irgendwie nach wie vor die Dunkelheit gehört.

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