Number 23

Das Leben eines Hundefängers gerät aus den Fugen, als er ein seltsames Buch zum Geschenk erhält, das zahlreiche Parallelen zu seiner eigenen Existenz aufweist.

Number 23

Noch immer dürfte nicht jedem bekannt sein, dass die 23 langsam aber sicher dabei ist, der 13 als Unglücks- beziehungsweise Schicksalszahl ernsthaft Konkurrenz zu machen. Ausgelöst wurde die Konjunktur der Zahl von Robert Anton Wilsons und Robert Sheas 1975 publizierter Illuminatus!-Trilogie, einem dekonstruktiven Science-Fiction Epos, welches rasch Kultstatus erlangte und sich unter anderem daran versuchte, mittelalterliche Zahlenmagie in die Neuzeit zu übersetzen. Hierzulande stellt wohl Hans-Christian Schmids 23 (1998) die bekannteste Manifestation des numerologischen Phänomens dar. Der Film, eine recht gelungene Mischung aus Achtziger-Jahre-Pastiche und Politthriller, arbeitete die reale Lebensgeschichte des von den Illuminatus-Büchern und der Zahl 23 besessenen Karl Koch auf, der kurz vor dem Fall des eisernen Vorhangs gemeinsam mit anderen Hackern Daten aus westlichen Computersystemen an den KGB verkaufte.

Nun hat die 23 Hollywood erreicht. Ihrer angenommen hat sich mit Joel Schumacher ein klassischer Studiohandwerker mit gelegentlichen Auteur-Ambitionen, dessen Output zwischen vollkommen misslungenen Großproduktionen wie Batman Forever (1995) und kleineren, oft sehr ansehnlichen Filmen im Stile des Vietnam-Ausbildungs-Dramas Tigerland (2000) oder dem kurzweiligen, von Indie-Legende Larry Cohen geschriebenen Nicht auflegen! (Phone Booth, 2002) hin und her schwankt. Eine durchgängige Handschrift sucht man in Schumachers Werk vergeblich, allerdings bleibt festzuhalten, dass der Regisseur stets darauf bedacht ist, das Erzähltempo seiner Filme auf einem konstant hohen Niveau zu halten. „Keep the Plot Moving!“, diese vielleicht wichtigste Regel des klassischen Hollywoodkinos, hat Schumacher verinnerlicht wie wenige andere Regisseure der Gegenwart.

Number 23

So verwundert es nicht, dass Number 23 (The Number 23) einen grundlegend anderen Ansatzpunkt wählt als Hans-Christian Schmids Werk, das vor allem damit beschäftigt ist, in ruhigen Bildern die zeittypische Atmosphäre zu evozieren. Schumacher dagegen konstruiert um das 23-Mysterium einen abwechslungsreichen Paranoia-Film in der Tradition jüngerer Neo-Noir Thriller wie Memento (2000) oder Arlington Road (1999). Der Hundefänger Walter Sparrow (Jim Carrey) erhält zu seinem Geburtstag von seiner Frau Agatha (Virginia Madsen) ein geheimnisvolles Buch namens „The Number 23“. Dieses enthält die Lebensgeschichte des Detektivs Fingerling und weist erstaunliche Parallelen zu Sparrows eigenen Erinnerungen auf. Und auch die titelgebende Zahl spielt nicht nur in den Erlebnissen des möglicherweise gar nicht so fiktiven Fingerlings, sondern auch in Sparrows eigener Umwelt eine zunehmend wichtigere Rolle.

Wie so viele Neo-Noirs befindet sich auch Number 23 auf der Suche nach einem passenden Setting für seine verworrene, von Rückblenden durchsetzte Erzählung. Zwar beginnt der Film in einer verhältnismäßig realistisch dargestellten bürgerlichen Kleinstadtszenerie, doch sobald das mysteriöse Buch auftaucht, beginnt diese sich zu transformieren. Schumacher situiert seine Geschichte in einer Art neoromantischem Paralleluniversum voller nebelverhangener Seitenstraßen, fahl leuchtender Reklameschilder, heruntergekommener Hotels und – der Klischees vielleicht eines zu viel – von dichtem, hohem Gras bewachsene Friedhöfe. Die Passagen, die Fingerlings Leben schildern, übersteigern diese Schauerroman-Klischees von Anfang an ins Surreale. Die Spannung zwischen der biederen Mittelschichtswelt Walters, Agathas sowie ihres gemeinsamen Sohnes Robin (Logan Lerman) und dem fantasmatischen Setting der Fingerling-Episoden, sowie die zunehmende Konvergenz beider stilistischer Systeme mit Fortschreiten der Handlung ist zwar narrativ motiviert, wird jedoch filmisch nicht souverän aufgelöst, da das Verhältnis zwischen den verschiedenen Ebenen nie angemessen thematisiert wird.

Number 23

Number 23 versucht, seine wenig konsequente Struktur durch den Einsatz vermeintlich moderner stilistischer Mittel, wie Handkameraeinsatz, dynamischer Schärfeverlagerung und rasanter Montage zu stabilisieren. Doch Schumacher ist kein Tony Scott, in dessen Händen sich diese und ähnliche Techniken zu einem harmonischen Gesamtbild fügen, und manchmal, wie in den jeweiligen Anfangssequenzen von Man on Fire (2004) und Déjà Vu (2006), gar eine neue, synästhetische Erfahrungsform zu erschließen scheinen. Number 23 sieht zwar stellenweise ebenfalls großartig aus, in einer ausgedehnten Episode beispielsweise, die mithilfe einer langen Plansequenz die Jugend Fingerlings in einer bonbonfarbenen Märchenwelt nachstellt, doch mindestens ebenso oft stiftet Schumachers Kamerawirbelei nichts als Verwirrung und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf die logischen Schwächen des Plots, anstatt über sie hinwegzutäuschen.

Number 23 hat neben diesen stilistischen Unsicherheiten noch viele andere Probleme, sowohl was die Besetzung angeht – Jim Carrey kann, wie in allen seinen Rollen außerhalb des Komödiengenres, seinen Hang zur Hyperexpressivität nicht immer unter Kontrolle halten – als auch in seinem Handlungsaufbau. Letzterer leidet vor allem daran, dass bis zuletzt nicht nur nicht klar ist, was die Bedeutung der titelgebenden Zahl genau ausmacht, sondern auch, welche Rolle sie innerhalb des narrativen Gefüges einnimmt. Die Geschichte, die Schumacher zu erzählen hat, hätte ganz ohne das Mysterium der 23 mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser, funktioniert.

Man kann Number 23 also vieles vorwerfen. Akzeptiert man jedoch die Schwächen des Films und seine absurden Voraussetzungen, bleibt ein durchaus spannender und unterhaltsamer Streifen zurück. Number 23 ist in diesem Sinne ein klassischer amerikanischer Genrefilm, mit allen Stärken und Schwächen, die diese Gattung seit vielen Jahrzehnten auszeichnen. Schumachers Werk ist weit weniger gelungen als vergleichbare Filme der letzten Jahre wie Firewall (2006) oder Déjà Vu, aber auf seine etwas krude Art beweist auch Number 23, dass der im Star- wie im Studiosystem verwurzelte Genrefilm noch lange kein Auslaufmodell darstellt.

Kommentare


Philip

Wow, das war die deutlichste Kritik, die ich hier gelesen habe. Ist der Film eigendlich immer noch unter 10% auf rottentomatoes?

Grüße


renö

Ich fand den Film klasse..da gibts nix zu mekcern...spannend interessatn fesselnd und am ende auch FETT!!! daumen hoch


diamond

voll klasse der film echt sehenwert find ich ich mag jim carrey als schauspieler sonst überhaupt nicht aber er ist wirklich ein toller schauspieler der nicht nur die maske drauf hat....daumen hoch


Marc

Ein Meisterwerk, dass seines Gleichen sucht.
Fernley Phillips (Der Drehbuchautor - weiß ich natürlich auch nur, da es im Vorspann steht...) Hat damit gnadenlos sein Talent bewiesen (bis auf eine Stelle im Plot, die anzuzweifeln ist. Möcht ich hier aber (noch) nicht schreiben ;))
Kennt jemand "You Want Me To Kill Him?"? Stammt auch aus seiner Feder (ergooglet) und macht mich jetzt richtig neugierig...

Gruß,
Marc


Marco

Hab mir den Film trotz schlechter Kritiken, welche auf anderen Seiten zu lesen waren den Film angesehen. Wollte mir selbst ein Bild davon machen und kann zu dem Film kann ich nur sagen: Geniales Drehuch, super Spannend von Anfang bis zum Ende (und das Ende zur letzten halben Stunde ist absolut genial). Den Film muß man einfach gesehen haben.


bachinger m.

also ich finde den film gut und auch carrey herausragend das thema ist intressant und gut dargestellt ,,natürlich kann carrey es nicht lassen etwas komisch zu sein aber er spielt sehr intensiv hätte noch schwärzer sein können ,trotzdem cooler film






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