Nothing personal

Liebe ist eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit. Nothing personal erzählt die Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe in einer filmisch leider vorhersehbaren Form.

Nothing personal

Über Liebe zu sprechen ist nicht einfach und davon zu erzählen eine heikle Angelegenheit. Bei dem, was sich zwischen zwei Menschen entwickelt, lässt sich vieles nicht in Worte fassen. Das Ungesagte, dieses „Dazwischen“ in einem Film glaubhaft und nachvollziehbar darzustellen, ist eine Wette gegen alle süßlichen Klischeebilder. Wenn es zwischen zwei Menschen „ernst wird“, fallen viele leere Worte, und gerade ein filmischer Blick sagt dabei nicht unbedingt tausendmal mehr.
Anne und Martin haben in dieser Geschichte keine Beziehung, sondern eher ein (Arbeits-)Verhältnis. Weder körperlicher noch geistiger Kontakt verbindet die junge Rebellin und den eremitischen Intellektuellen in der malerisch irischen Einsamkeit, denn ihre Abmachung ist einfach und archaisch: Arbeit gegen Essen. Keine Fragen, kein  persönlicher Kontakt. Da besteht wenig Gefahr für leere Worte, umso mehr strapaziert eine solche Geschichte dafür die visuelle Erzählweise. Antoniaks Film spart bewusst an Worten. Was sich zwischen Anne und Martin entwickelt, soll auf visueller Ebene stattfinden. Die Bilder sollen das Ungesagte zeigen und dabei alle romantisierende Oberflächlichkeit meiden.
Um ästhetischen Plattitüden aus dem Weg zu gehen, flüchtet sich dieser Film aber in die Ecke einer puristischen, vermeintlichen Avantgarde und ergeht sich in der Bildsprache des Arthouse-Kinos, die längst klassisch geworden ist. Lange Einstellungen und eine impressionistische Farbdramaturgie sind längst nicht mehr so revolutionär und besonders, wie der Film sie gerne hätte. Aus lauter Furcht vor dem Mainstream stürzt sich Nothing personal in den langen ruhigen Fluss einer abgedroschenen Bildästhetik, und so ist dieser gestalterische Wille zum „Besonderen“ hier mehr das Klischee vom Anti-Klischee als eine wirkliche Innovation.
Dabei werden inhaltlich trotz des Windes über der wilden irischen Heide die romantischen Klippen der Beziehungsgeschichte geschickt umschifft.

Nothing personal

Eine junge Frau bricht auf, um alles hinter sich zu lassen. Kurze Jump Cuts bewegen sie durch die kahlen Räume ihrer leeren Wohnung, und im Zeitraffer sehen wir gierige Hände draußen vor dem Fenster in den Sachen wühlen, die Anne loswerden will. Nur mit Zelt, Rucksack und dem Nötigsten im Gepäck beginnt sie ihren Weg von Holland nach Irland. Das klingt schon mal gut nach dem Ruf der Straßen, nach Aufbruch und Rucksack-Rebellion, und Annes rotes Haar weht auch sehr elegisch im Wind. Mit emanzipatorischer Garstigkeit weist sie dann die Hilfe der Familie ab, die auf dem Rastplatz eine Pause vom gemeinsamen Sonntagsausflug nimmt. Statt deren selbstgeschmierte Brote anzunehmen, wühlt Anne lieber im Mülleimer. Ihr wirkliches Gegenüber findet Anne dann in Martin, der ein schnuckliges Steinhäuschen in der irischen Einsamkeit bewohnt. Und wie Intellektuelle so sind, ist er natürlich einsam, brütet ein wenig weltgeschmerzt vor sich hin, arbeitet nicht, kann aber dafür gut kochen und hat immer eine gute Flasche Wein im Schrank.
Die Geschichte dieser zwei unterschiedlichen Menschen hält sich an eine Menge Klischeevorgaben und ist so sehr auf die Unwahrscheinlichkeit einer Annäherung zwischen ihnen konstruiert, dass sie sich darin erschöpft. Bei den Gräben, die dieser Film zwischen Anne und Martin anlegt, wird das Zusammenkommen recht vorhersehbar und der Antagonismus zwischen den beiden zum Selbstzweck. Da bleibt wenig Platz für das, was eine Liebesgeschichte erst spannend macht: die Unsicherheit und das Ungesagte.

Nothing personal

Die Bedeutungsunsicherheiten finden sich nicht in den Bildern, sondern in den Dialogen. Lotte Verbeek verkörpert das Geheimnisvolle und Undurchsichtige an der Figur der Anne glaubhaft, und Stephen Rea gelingt das Spiel zwischen Genervtsein und Zuneigung zu der jungen Frau, mit der er nichts so richtig anzufangen weiß. Zwischen den beiden ergibt sich in den kurzen Sätzen, die sie beim Essen miteinander wechseln, und der vorsichtigen Annäherung nach einem durchzechten Abend im Pub eine Spannung, die aus der Ambivalenz der Bedeutung besteht. Aus den leeren Worten ergibt sich ein Sprachspiel, bei dem man nie weiß, was ernst und was ironisch ist, was Taktik und was Emotion.
Hier kommt die Annäherung zustande, über die der Film erzählen will, denn hier funktioniert das puristische Formprinzip und lässt wenig Worte mehr sagen als die vielen schönen Bilder.Was auf ästhetischer Ebene vor lauter Formwillen einfach und schematisch geraten ist, wird durch die Gegensätzlichkeit der Figuren interessant. Anne und Martin haben sich gar nicht so viel zu sagen, und aus dieser Leere in den Sätzen, die die beiden wechseln, ergibt sich etwas, das man nicht in Großaufnahmen von Annes ersterbendem Lächeln zu zeigen brauchte. Der Kampf um Sinn und Bedeutung bleibt ein Dilemma von „Sagen“ und „Zeigen“, in der Liebe wie im Kino.

Kommentare


Martin Zopick

Der Titel zielt in die falsche Richtung, denn dieses Zweipersonen-Drama ist nur allzu persönlich. Eine äußerst herbe, karge Story, die fast ohne Dialoge auskommt. Der Tramp Anne (Lotte Verbeek) (erinnert stark an Agnès Vardas ‘Vogelfrei‘, dessen Klasse aber nicht annähernd erreicht wird.) macht einen Boxenstopp beim Außenseiter Martin (Stephen Rea). Keine Fragen, keine Namen, Arbeit gegen Essen. Wie die beiden kantigen, wortkargen Typen sich näherkommen wird in fünf Kapiteln eindrucksvoll erzählt. Aber bereits die Überschriften treffen nicht immer oder nur teilweise auf den Inhalt zu. Dafür entschädigen die großartigen, weitläufigen Landschaftsaufnahmen.
Die Endphase gerät etwas pointilistisch: unkommentierte Szenen werden wie auf einer Perlenschnur an einander gereiht: Martin besichtigt eine Wohnung, stirbt plötzlich, Anne packt ihn in das ‘Wonnelaken‘ und checkt in einem Hotel ein…Ende!
Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten für diesen individualistischen kleinen Film, von dem nur die Bilder einer Landschaft und zwei Gesichter bleiben. Die Unmöglichkeit ihrer gemeinsamen Existenz bricht schicksalhaft über die beiden eigenartig Verliebten herein. Sie ist von ihrem selbst vorgegebenen Weg abgewichen, er hat sich voller Hoffnung auf einen neuen begeben. Beide haben verloren.






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