Nostalgie des Lichts

Patricio Guzmán wirft mit seinem Dokumentarfilm – mehr einem Essay über unsere Formen, mit Vergangenheit umzugehen – einen Blick in die chilenische Wüste.

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Die chilenische Atacamawüste gehört zu den trockensten Regionen der Erde; die Luft ist durch die besonderen klimatischen Bedingungen dieser Gegend jedoch so klar, dass sich hier, in Höhen von mehr als 2.000 Metern über dem Meeresspiegel, zahlreiche astronomische Forschungsstationen mit ihren Teleskopen angesiedelt haben, die sich bemühen, die Entstehung des Kosmos und die physikalischen Grundlagen unserer Existenz zu erforschen.

Zugleich führen die lebensfeindlichen Umstände in dieser Wüste dazu, dass organische Materie nicht so leicht zersetzt wird wie anderswo, da hier nur wenige Mikroorganismen überleben; von dort stammen die Funde der ältesten bisher bekannten Mumien, dort suchen aber vor allem auch heute noch Hinterbliebene nach Überresten der Opfer des Pinochet-Regimes.

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Es sind diese beiden Stränge der Vergangenheitssuche – der eine mit großen Menschheitsfragen befasst, aber ohne große emotionale Verwicklungen, der andere ganz grundlegend menschlich und unterlegt mit Trauer, Schmerz und Verzweiflung –, die der Chilene Patricio Guzmán für seinen filmischen Essay Nostalgie des Lichts (Nostalgia de la Luz) verflicht. Er sucht die Verbindung dabei nicht nur über den Ort herzustellen, an dem die Bemühungen stattfinden, sondern entwickelt ein Gewebevon Bedeutungen, das letztlich auf die Frage zuläuft, warum wir uns überhaupt mit astronomischer wie persönlicher Vergangenheit beschäftigen – und warum wir mit unserer Suche nicht aufhören können.

Der bewegendere und auch interessantere Teil von Guzmáns Film betrifft dabei das Schicksal der beiden Frauen Victoria und Violeta, die nach verschwundenen Angehörigen suchen. Dieser Schwerpunkt muss nicht verwundern, denn obgleich der Regisseur erläuternd beschreibt, dass Astronomie nicht nur ein in Chile generell verbreitetes Hobby sei, sondern auch er sich stets viel damit beschäftigt habe, so ist doch die konkrete Auseinandersetzung mit der Diktatur und Herrschaft (1973–1990) von Augusto Pinochet gerade mit Blick auf Guzmáns Karriere als Filmemacher so etwas wie ein Lebensthema.

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Guzmán wurde nach dem gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende gerichteten Militärputsch Pinochets verhaftet und gefoltert, bevor er nach Kuba, schließlich nach Spanien und Frankreich emigrierte. Er hat seitdem bereits mehrere Filme gemacht, die sich mit Erinnerung und Politik in Chile oder dem gegen Pinochet in Europa angestrengten Gerichtsprozess beschäftigen. Sein Blick darauf ist in Nostalgie des Lichts deshalb auch klar und im positiven Sinne parteiisch, dabei aber gleichwohl distanziert und vor allem reflektiert.

Es geht in den Gesprächen des Films zu keinem Zeitpunkt um Wiedergutmachung oder Rache, sondern für die Frauen wie Victoria und Violeta – diese Suchenden in der Wüste sind alles Frauen – vor allem darum, die Vergangenheit abschließen und ihre Vermissten wortwörtlich begraben zu können. Unter Pinochet wurden Tausende Menschen umgebracht, und einige der Opfer wurden direkt in der Atacama ermordet, ihre Überreste dann aber zum Teil wieder zu unbekannten Orten fortgebracht. Guzmán lässt die Frauen von ihrer Suche erzählen, von den Momenten, in denen tatsächlich Knochen und Kleidungsstücke gefunden werden und die damit Erlösung und Verzweiflung zugleich bereithalten.

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Parallel dazu lässt der Film einen Archäologen zu Wort kommen, der sich ausführliche Gedanken dazu gemacht hat, wie mit der Erinnerung auch politisch umgegangen werden könnte; mit einem Architekten, der fünf Konzentrationslager des Pinochet-Regimes überlebt und sich ihre Grundrisse eingeprägt hat, und schließlich mit Astronomen unterschiedlichen Alters, die über ihre Leidenschaft für die Wissenschaft sprechen, aber auch über die Berührungspunkte, die sich zwischen ihrer Arbeit und der Suche draußen in der Wüste ergeben.

Immer wieder mischen sich dabei die Motive: Die Astronomie bot für manche Insassen der Lager einen Ausweg, um in der Gefangenschaft nicht den Verstand zu verlieren; und eine der verzweifelten Frauen wünscht sich ein Teleskop, mit dem sie in den Boden der Wüste hineinblicken könnte, um in diesem wie das Weltall unüberschaubar großen Terrain endlich die wenigen Knochen zu finden, nach denen sie sucht.

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Guzmán unterstützt das durch die Wahl seiner Bilder, die in den Strukturen des Weltalls und der Wüste mit ihren Hügeln, den Rinnen im Sand und eigenartigen Salzgebilden immer wieder neue Ähnlichkeiten finden, eine anorganische Ästhetik, die den menschlichen Interessen und Leiden wie gleichgültig gegenübersteht; er liefert damit in seinen Bildern aber vor allem die Verbindung, die seine Gesprächspartner immer wieder betonen: Dass etwa das Kalzium, dessen Entstehung man dank der Teleskope schon für die Momente unmittelbar nach dem Urknall annehmen könne, immer noch da sei, jetzt in den eigenen Knochen oder jenen, nach denen in der Wüste gesucht wird.

Unterschwellig aber bricht in Nostalgie des Lichts dann doch wieder hervor, welche Suche für die Suchenden die Schwerere ist: Denn die Astronomen sprechen zwar von ihrem Verständnis für die Frauen in der Wüste, sie glauben sich zumindest in diese hineinversetzen zu können; aber Victoria und Violeta kämen anscheinend nicht einmal auf die Idee, verstehen zu wollen, was in den Sternwarten vor sich geht. Zu sehr wirken sie gefangen in ihrer Suche, in den Verbrechen, die ihnen in der Vergangenheit angetan wurden.

Die junge Astronomin Valentina, deren Eltern unter Pinochet ermordet wurden, scheint wie ein Bindeglied zwischen beiden Gruppen zu sein – aber auch sie, die sich mit weniger belasteten Menschen umgibt und ihrem kleinen Kind zuwendet, wird ihre Familiengeschichte nicht los.

Trailer zu „Nostalgie des Lichts“


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Kommentare


Susanne Meier

Der Film hat sehr schöne Bilder und Aufnahmen, aber die Story enttäuscht. Die Astronomie als Ersatzreligion - die Gleichstellung des Menschen mit einer unbelebten Materie durch die wissenschaftlich etwas sehr "abgehobene" Brille bietet keine Lösungsansätze, geschweige denn dass dadurch Trost vermittelt wird. Eine sachlich informative Dokumentation über Chile hätte mehr Hintergrundwissen liefern müssen und vielleicht damit etwas in den Köpfen der Chilenen bewegt. Die Offenbarung "Kalcium gäbe es im Kosmos wie auf der Erde" ist zu wenig und wird durch eine Militärdiktatur den politisch Ermordeten nicht gerecht. Die Inszenierungen wirken teils kitschig, überzogen und einfältig. Schade!


Edouard Pomaroli

Ich habe den Film gesehen, und Leute mit ein wenig Hintergrund-Wissen über Chile und die Diktatur von Pinochet, können den Film schon als ein guter Beitrag zur Information über diese Zeit sehen.Es ist halt kein reiner Dokumentar-Film,da gibt es bessere über Chile.Mir hat Nostalgie des Lichtes gefallen.






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