Northern Star

Wütend auf die Welt, einsam und entschlossen: Northern Star zeichnet ein ungewöhnlich reiches Portrait einer 18-Jährigen auf der Flucht vor sich selbst und ihrer alleinerziehenden Mutter. Schon allein die wenigen, oft wortkargen Szenen zwischen Mutter und Tochter lohnen den Kinobesuch, obwohl den Hauptteil die explizitere aber nicht minder ausdrucksstarke aufkeimende Liebe zu einem Jungen einnimmt.

Northern Star

Gibt es an deutschen Filmhochschulen ein Film-Rezept? Immer wieder sieht und hört man von ähnlichen Filmen – in Koproduktion mit dem Fernsehen und meist auch auf die mitternächtliche Ausstrahlung ausgerichtet. Authentizität ist das Schlagwort, raue Sozialportraits sollen es sein, Filme die die kalte Wirklichkeit der deutschen Kleinstädte zeigen und zwischenmenschliche Probleme ungeschönt vorführen. Spätestens wenn man neben der Beschreibung der Stimmung und erhofften Wirkung auch noch den Plot von Northern Star hört, läuten die Alarmglocken des geübten Kinogängers. Und dann das: Felix Randaus Film jagt einem Ironie und Sarkasmus, die man sich als Schutz vor immergleichen Filmen ganz zu Recht angewöhnt hat, aus.

Die 18-jährige Außenseiterin Anke (Julia Hummer) flüchtet von zu Hause und findet eine Herberge bei dem reichen charismatischen Ulf (Nic Romm), der gerade seinen Vater verloren hat. Das Außenseitersein in der Kleinstadt sowie das Auskommen mit der materiellen und vor allem mentalen Familienerbschaft sind das Zentrum der Inszenierung. Der Regisseur und Autor Felix Randau, Absolvent der Berliner Filmhochschule dffb, überrascht bei diesem doch eher banalen Plot mit einer unglaublichen Tiefe und eindringlichen Szenen.

Northern Star

Die Prägung Ankes und der Film nehmen ihren Ausgang im Selbstmord des Vaters. Grausam und zärtlich zugleich ist der Abschied des Mannes, als er beim Versteckspielen mit seiner fünfjährigen Tochter langsam ins Meer geht. Mit ihrer Mutter hält Anke es nicht mehr aus. In jedem Augenblick scheint die Abwesenheit jenes Dritten über ihrer Beziehung zu schweben. Die Gespräche ergeben keine Diskussion - auf der Schwelle zu einem wahren Austausch wählt die Mutter meist das Schweigen. Mit einem immer angemessenen und sehr zurückhaltenden Spiel gibt Lena Stolze (u.a. bekannt aus Die Weiße Rose, 1980 und Das Schreckliche Mädchen, 1990) dieser Figur Tiefe und Wahrhaftigkeit. Das Drehbuch gibt ihr alle Möglichkeit dazu, die Ohnmacht und die vielen durch die Tochter zugefügten Verletzungen eindrucksvoll zu vermitteln. Die Mutter duldet, weicht aus und schweigt. Anke provoziert sie, fordert sie heraus und geht an ihre Grenzen. Erst in der späten Überschreitung, kommt es letztlich doch noch zur Reaktion: Nach Flucht und Rückkehr – vom neuen Freund ihrer Mutter, dem verheirateten Pfarrer ihrer Gemeinde, will sie sich nicht verjagen lassen – setzt die Mutter Anke vor die Tür. Erst nach und nach werden die einzelnen Schichten deutlich und Ankes zusammengesetztes Bild des verstorbenen Vater nimmt Konturen an. In ihrem Zimmer hängen noch lauter Devotionalien – Elemente einer Erinnerungskonstruktion.

Northern Star

Die aufgestaute Energie der Introvertierten entlädt sich schließlich, als sie gemeinsam mit eben jenem neuen Freund Ulf das bunkerartige Büro seines verstorbenen Vaters verwüstet. Mit diesem Gewaltakt begründen sie ihre Leidenschaft - ein scheinbar selbstverständlicher Anschluss. Aus der Gelegenheit entstanden, nimmt die beginnende Liebesbeziehung der zwei dann auch den Hauptteil des Films ein. Ulf möchte nach dem Tod seines Vaters eine Reise unternehmen, Anke will das nutzen und ihn auf dem geerbten Boot begleiten. Die Ambivalenz ihrer Gefühle und die Angst vor Enttäuschungen lassen die von Julia Hummer (Absolute Giganten, 1999; Die Innere Sicherheit, 2000) glänzend gespielte Anke immer wieder unberechenbar erscheinen. Nic Romm füllt mit seiner Kantigkeit und Ausdruckskraft, vor allem dank seiner physischen Präsenz, ihren Konterpart mit Leben. Ulf scheint zwar sozial integriert, wehrt sich aber genauso gegen emotionale Verpflichtungen. Wie auch in der Beziehung zur Mutter bleibt zwischen Anke und Ulf vieles nur Andeutung und die eigentlich unausweichlichen Auseinandersetzungen lösen sich etwas oberflächlich, wenn auch glaubwürdig auf. Die Figuren bleiben dabei glücklicherweise dem Klischee fern, nicht zuletzt aufgrund des gelungenen Drehbuchs Randaus, das mit den Erwartungen des Zuschauers spielt und die Szenen nicht zu lange andauern lässt.

Das natürliche Ende sich einstellend, möchte man die sich entfernenden Figuren aufhalten, doch noch bevor man sich von der Geschichte hat lösen können kommt der Abspann. Die Katharsis bleibt aus. Der Zuschauer bleibt alleine zurück. Welch ein Glück.

Nach Kritikererfolgen wie Gegen die Wand, Die Spielwütigen und Flammend’ Herz - alle drei auf der Berlinale ausgezeichnet – zeigt der vor einem Jahr gegründete Verleih Timebandits somit erneut ein Gespür für einen mutigen, seinem Wesen nach ganz eigenen Deutschen Film.

 

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