Norte

Ein unreligiöser Moment der Transzendenz. Lav Diaz verfilmt Dostojewski.

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Kurz bevor der neue Film von Lav Diaz am Ende seiner Geschichte angekommen ist, kommt es zu einem magischen Moment: Schlafend liegt Joaquin (Archie Alemania) in seinem Bett, löst sich langsam vom Boden und beginnt in der Luft zu schweben. Normalerweise wird die Levitation vor allem Auserwählten in der christlichen Mythologie zugeschrieben. Hier ist es jedoch ein einfacher Arbeiter, der beinahe alles Leid erlebt hat, das einem Menschen widerfahren kann. Der Schmerz, der zur Konstante in seinem Leben geworden ist, hat ihn nicht an der Welt verzweifeln, sondern das Diesseits überwinden lassen. Jeder Rückschlag, den er erfahren musste, und jede Grausamkeit, die ihm angetan wurde, konnte ihm in seinem Glauben an das Gute im Menschen nicht erschüttern. Armut und Verlust machen ihn nicht zum Resignierten, sondern zum Heiligen.

Ein Gefühl der Schwerelosigkeit überkommt einen beim Sehen von Norte (Norte, hangganan ng kasaysayan). Langsam wird man eingesogen in diesen wunderbaren Kinomoment und kann sich vom ruhigen Erzählrhythmus durch ein Epos über Schuld, Vergebung, Recht und Gerechtigkeit tragen lassen. Auch neben der bereits erwähnten Szene verliert der Film dabei buchstäblich immer wieder die Bodenhaftung, etwa wenn die Kamera während einer Traumsequenz über eine scheinbar endlose Slumlandschaft schwebt. Es sind aber auch unterschwelligere Bewegungen wie Fahrten und leichte Schwenks, die dazu beitragen, dass das Seherlebnis zu einem einzigen Fluss wird, der zwar auch kontemplativ, vor allem aber überraschend narrativ ist. Und in Farbe, was bei einem Regisseur, der seine letzten Filme konsequent in Schwarzweiß gedreht hat, durchaus erwähnenswert ist.

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Die Leichtigkeit des Films ist schon deshalb bemerkenswert, weil er sich einer brutalen Geschichte annimmt und zudem recht theorielastig beginnt. Gleich in der ersten Szene sehen wir den Jurastudenten Fabian (Sid Lucero), der mit zwei Freunden am Diskutieren ist. Es geht um verschiedene Weltsichten wie Anarchismus und Existenzialismus und um das Verhältnis zwischen Individuum und Masse. Fabian ist der Meinung, man müsse Gerechtigkeit im Notfall auch mit Gewalt durchsetzen. Später spricht er bei einem Ausflug mit seinen Kommilitonen über philippinische Nationalhelden wie José Rizal, deren Revolutionen gegen die Unterdrückung in der  Gegenwart ihresgleichen suchen. Als eine Mischung aus Weltverbesserer und selbsterklärtem Übermenschen à la Cocktail für eine Leiche (Rope, 1948) trifft der destruktive junge Mann eine folgenschwere Entscheidung: Eine reiche Frau, die in seiner Straße gewissenlos die Armen ausbeutet, soll zum symbolischen Opfer seiner Ideale werden. Letztlich schadet er mit diesem Mord aber jenen, denen er eigentlich helfen wollte. Während er selbst von Schuldgefühlen zerfressen wird, kommt der Familienvater Joaquin an seiner Stelle ins Gefängnis.

Mit seinen über vier Stunden Laufzeit ist Norte ein langer Film, allerdings nicht im Vergleich mit älteren Arbeiten von Lav Diaz. Seit seinem fast dreizehnstündigen Evolution of a Filipino Family (Ebolusyon ng Isang Pamilyang Pilipino, 2004) bewegt sich der philippinische Regisseur langsamen Schrittes auf Spielfilmlänge zu. Es ist erstaunlich, wie er in derartigem Ausmaß Szenen von unterschiedlicher Beschaffenheit vereint, ohne dass der Film etwas von seiner Einheitlichkeit einbüßen würde. Ein ganz eigener Rhythmus entwickelt sich, wenn handlungszentrierte Passagen, dokumentarisch wirkende Beobachtungen und übernatürliche Augenblicke geschmeidig ineinander gleiten. Besonders faszinierend sind dabei jene Momente, in denen sich Diaz dem Innehalten und Hadern der Figuren ausführlich widmet. Da spielt sich ein Denkprozess in ihrem Inneren ab, der nicht durch Dialoge nach außen getragen wird und der sich durch eine spätere Handlung nachvollziehen lässt oder auch nicht.

So wie das Erzählen in Norte nicht immer im Zentrum steht, verhält es sich auch mit den Figuren. Die häufigen Totalen binden die Menschen fast immer in weite Räume und Landschaften ein. Man spürt hier regelrecht, wie die Bilder atmen. Interessant ist dabei der Vergleich mit Diaz’ Landsmann Brillante Mendoza, der seine Darsteller ebenfalls in einer Umgebung platziert, die unabhängig von ihnen zu existieren scheint. Doch wo Mendoza auf eine dokumentarische Handkamera setzt, an der die Welt vorüberzieht, entfaltet sich in Diaz’ Bildern langsam das Leben. Selbst wenn die Bilder statisch sind, scheinen sie mit jedem Pixel zu pulsieren.

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Obwohl Diaz’ Film eine einnehmende sinnliche Qualität besitzt, bleibt er der sozialen Realität und Geschichte seines Landes stets eng verbunden. So ziehen sich nicht nur die extremen Klassenunterschiede und das Motiv der Ausbeutung durch den ganzen Film, auch die weitverbreite Arbeitsmigration und das Christentum als Anlaufstelle für geschundene Seelen werden thematisiert. Bei seinen beiden auf extreme Gegensätze zugespitzten Protagonisten macht Diaz keinen Hehl daraus, wen er bevorzugt. Während sich Fabian wie ein verzogenes Kind von seiner Schuld befreien möchte, sein Ventil aber nur in der Zerstörung findet, verliert Joaquin auch im Gefängnis seine Menschlichkeit nicht. Ein Gangster malträtiert ihn und andere auf grausame Weise, doch wenn der Peiniger, von Krankheit gezeichnet, zum leichten Opfer wird, schenkt Joaquin ihm in einer sehr berührenden Szene nicht weniger als seine Liebe. Die gewalttätige Revolution ist in Norte eine Sackgasse, die Opfer letztlich doch immer die Unterprivilegierten. Joaquin wird zum Märtyrer der Mittellosen. Dabei greift Diaz zwar streckenweise christliche Elemente auf, in der Institution der Kirche sieht er aber keine Erlösung. Die oder eine Ahnung davon bekommt sein Protagonist stattdessen in einem völlig unreligiösen Moment der Transzendenz.

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