Nord

Depressionen können auch Spaß machen. Zumindest für Zuschauer der norwegischen Tragikomödie, in der ein lebensmüder Skiliftwärter zum Roadmovie mit Schneemobil aufbricht und wir lernen, wie man betrunken wird, ohne zu trinken.

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Jomar (Anders Baasmo Christiansen) will zurück in die Psychiatrie. Da kann er Pingpong spielen und muss sonst keinen Finger rühren. Stattdessen steht er reglos an einem Skilift und ein Kind schreit ihm zu, er solle die ebenso reglose Anlage anwerfen. Dafür müsste Jomar aber auf einen Knopf drücken und das ist zuviel Anstrengung für einen Depressiven.

Früher war der dicke Dreißigjährige ein erfolgreicher Ski-Profi, doch seit einem Unfall leidet er unter Höhenangst und Panikattacken und fristet ein trostloses Dasein als antriebsarmer Pistenwärter. Jomars große Liebe ist mit einem anderen durchgebrannt, sein Alltag besteht aus einer Überdosis Schlaf und Alkohol, für Unterhaltung sorgen Fernsehdokumentationen über Tunnelunglücke. Aber dann reißt ihn die Neuigkeit, seine Ex habe einen vierjährigen Sohn von ihm, aus der Lethargie, und Jomar bricht zu einer langen Reise in den Norden auf, um seinen unbekannten Sprössling zu finden.

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Wie die Hauptfigur in David Lynchs Eine wahre Geschichte – The Straight Story (The Straight Story, 1999) benutzt er hierfür eher unkonventionelle Verkehrsmittel. Lynchs Protagonist war mit dem Mähtraktor unterwegs, der Bus-Phobiker Jomar reist mit Schneemobil und später auf Skiern – plus fünf Litern selbst gebrannten Schnaps im Gepäck. Begleitet wird er dabei von einem Country-Musik-Soundtrack, offenbar eine Hommage des Regisseurs Rune Denstad Langlo an die US-amerikanischen Vorbilder seines norwegischen Road- oder vielmehr Pisten-Movies, denn Straßen gibt es in Langlos Spielfilmdebüt kaum zu sehen, sondern vor allem menschenleere Schneelandschaften.

Ein paar Menschen trifft Jomar aber dennoch, und die sind wie bei Lynch alle ein bisschen schräg und gar nicht „straight“. Das größtenteils von Laiendarstellern besetzte Personal besteht in Nord aus schrulligen und wortkargen, aber meist gastfreundlichen Typen, die den schlecht gelaunten Protagonisten von Station zu Station mit etwas mehr Lebensmut und einigen -weisheiten versorgen, darunter eine kreative Methode, mit Tampons, Rasierer und Schmirgelpapier betrunken zu werden. Die Männer erinnern manchmal an die verschrobenen Junggesellen in den Tragikomödien von Langlos norwegischem Regiekollegen Bent Hamer (Kitchen Stories, Salmer fra kjøkkenet, 2003; O’Horten, 2007) oder an die hoffnungslosen Melancholiker eines Aki Kaurismäki (Lichter der Vorstadt, Laitakaupungin valot, 2006), wirken in ihrer Isolation und Eigenbrödlerexistenz aber wesentlich zufriedener.

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Der lakonische Ton und ein genauer Blick für Absurditäten, der ruhige Erzählrhythmus und die überwiegend statischen Kameraeinstellungen ähneln ebenfalls Hamers Filmen. Langlos Selbstwiederfindungstrip eines Sonderlings, der von der persönlichen Depressionserfahrung des Regisseurs inspiriert ist, strahlt insgesamt aber mehr Optimismus als Schwermut aus. Vielleicht liegt das nicht zuletzt an dem vielen munter machenden Weiß der Landschaftspanoramen von Kameramann Philip Øgaard, der für Hamer auch Kitchen Stories fotografiert hat. Nach der anfänglich grauen Tristesse der Innenräume hellen mit Jomars Stimmung auch die beeindruckenden, auf 35 mm gefilmten Außenaufnahmen zunehmend auf.

Unfairerweise leiden die männlichen Depressiven der Filmgeschichte meistens lustiger als ihre weiblichen Gegenstücke. Wie es zurzeit die Protagonistin von Helen (2008) demonstriert, müssen niedergeschlagene Frauen oft für elegische Dramen herhalten und dürfen leider nur selten auch mal tragikomisch krank sein. Die Komik in Nord entsteht häufig dadurch, dass Hauptdarsteller Anders Baasmo Christiansen (Buddy, 2003) den brummig-stoischen Nervenschwachen selbst in den irrwitzigsten Situationen noch mit bierernster Mine verkörpert. Das Drehbuch des Schriftstellers Erlend Loe macht sich keinesfalls über den Zustand der Hauptfigur lustig, sondern verbindet in den besten Szenen Skurriles und Trauriges. Auch Loes Romane sind bevölkert von Figuren, die wie Jomar mit den banalsten Alltagsanforderungen zu kämpfen haben.  

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Als Roadmovie, in dem der Protagonist auf seiner Reise einen entscheidenden Reifeprozess durchläuft, schlägt Langlos mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt keine neue Richtung ein. Es erzählt eine weitgehend vertraute, geradlinige Geschichte mit wenigen Überraschungen. Seine Stärken liegen in der feinen Beobachtungsgabe des dokumentarfilmerfahrenen Regisseurs, den visuellen und narrativen Details seiner Inszenierung, Loes knappen Dialogen und dem minimierten Spiel des Hauptdarstellers. In Nord ragt besonders das Reduzierte heraus.

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Kommentare


Martin Z.

So kurz und knackig wie der Titel ist auch die Handlung des Films. Jomar, ein Liftbetreiber macht sich auf zu seiner früheren Ehefrau und Tochter. Bei Erreichen des Ziels endet die Filmrolle…
Unterwegs triff er sonderbare Gestalten, die ihm auf ihre Art und Weise zu verstehen geben, dass sie ihn mögen: ein Teeny, ein Schwuler und ein alter Mann. Es passiert nichts Spektakulären, wenn man mal von Großvaters unverhoffter Rutschpartie unter die Eisoberfläche absieht, dem das Schneemobil voraussank. Und das ist sonderbar, weil unangekündigt und unkommentiert. Es ist halt so! Der Schnee prägt die Szenerie; ein Feuer und der Schnaps bringen allein Wärme von außen. Menschliche gibt’s nicht. Punkt. Aus. Ende.
Es lohnt auch nicht etwas hineinzugeheimnisen, was nicht drin steckt. Das übliche Gesülze von wegen der Weg ist das Ziel oder von Selbstfindung eines Losers oder gar in der Ruhe liegt die Kraft etc…
Wenn der Abspann läuft, hat man die letzten 75 Minuten bereits vergessen.






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