Non-Stop

Ein Mikrokosmos ohne Vertrauen. Liam Neeson muss sich in einem Flugzeug mit Post-9/11-Paranoia herumplagen.

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Das Actionkino lebt von seiner Dynamik. Das vielleicht archaistische Moment des Genres ist die Verfolgungsjagd, die sich über ein ständiges In-Bewegung-Bleiben definiert. Eine Partei hetzt einer anderen hinterher, bis diese irgendwann durch ein Schlupfloch im meist urbanen Nirgendwo verschwindet. Umso größer ist die Herausforderung für einen Actionfilm, wenn diese Schlupflöcher zugekittet sind. Non-Stop etwa spielt fast ausschließlich im Inneren eines Flugzeuges. Täter, Opfer, Jäger und Gejagte, sie alle sitzen hier auf engstem Raum fest. Der alkoholkranke Air Marshal Bill Marks (Liam Neeson), der für Ordnung sorgen soll, ist aber trotzdem orientierungslos. Eine anonyme Nachricht auf seinem Diensthandy informiert ihn darüber, dass alle zwanzig Minuten ein Gast sterben muss, sollten nicht schnellstmöglich 150 Millionen Dollar überwiesen werden. Wer der Erpresser und wer das nächste Opfer ist, bleibt jedoch erst einmal ein Geheimnis.

Mitreißendes Genre-Kammerspiel

Nachdem der Spanier Jaume Collet-Serra zuletzt in Unknown Identity (Unknown, 2011) durch Berlin wütete und dabei unter anderem das Hotel Adlon in Schutt und Asche legte, beschränkt er sich in seinem neuen Film auf ein nicht minder mitreißendes Genre-Kammerspiel. Der Schwerpunkt hat sich dabei von Explosionen und Verfolgungsjagden auf eine eher psychologische Spannung verlagert. Von den engen Grenzen des Schauplatzes sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen. Was die Handlung angeht, gibt sich Collet-Serra auch diesmal äußerst abenteuerlustig.

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Es ist bekannt, dass sich der Realismus nicht so recht mit dem Genrekino verträgt. Filmen wie Non-Stop werden von manchen Zuschauern immer wieder ihre Plotlöcher vorgehalten. Dabei reduziert die Absicht, ständig hundertprozentig plausibel sein zu müssen, nur die Möglichkeiten der Illusionsmaschine Kino. Collet-Serra pfeift auf solche Einschränkungen noch mehr als andere Actionfilme. Für ihn muss eine Wendung nicht in erster Linie glaubwürdig sein, sondern den Zuschauer verunsichern und überraschen. Alles, was man davor gesehen hat, muss plötzlich wieder infrage gestellt werden. Kann man dem Piloten wirklich trauen? Sind die stille Stewardess Nancy (Michelle Dockery) und die geschwätzige Sitznachbarin Jen (Juliane Moore) wirklich nur hilfsbereit, oder ist das alles Kalkül? Im Nachhinein muss man sich über die ein oder andere Ungereimtheit keine Gedanken mehr machen. Dieses durch und durch ökonomische Kino lebt nur für den Moment.

Der Feind in den eigenen Reihen

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Mit Marks steht ein angeschlagener Held im Mittelpunkt, der sich gegen alle Widerstände behaupten muss. In dieser Hinsicht wirkt Non-Stop mitunter wie einer Variation seines Vorgängers. Wie in Unknown Identity spielt Neeson einen von lauter Verschwörungen erschütterten Einzelgänger, der niemandem traut. Dabei zeigt Collet-Serra, dass das Actionkino auch mit Hauptdarstellern jenseits der sechzig noch etwas anzufangen weiß. Zumindest solange sie im Nahkampf noch die letzten Reserven jugendlicher Kraft mobilisieren können. Interessant ist jedoch auch, in welchem Umfeld Neeson auf Verbrecherjagd geht. Das Flugzeug ist ein Mikrokosmos, der wie ein Querschnitt durch die Gesellschaft wirkt oder zumindest jenes Teils von ihr, der sich einen Langstreckenflug von New York nach London leisten kann. Wenn die Passagiere schließlich mitbekommen, dass etwas faul an Bord ist, erhebt auch die Post-9/11-Paranoia wieder ihr hässliches Haupt. Sobald sich die Fluggäste nicht mehr sicher fühlen, sinkt auch die Scheu davor, einen wegen seiner Takke offensichtlich muslimischen Fluggast unter Terrorismusverdacht zu stellen.

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Gerade bei der Darstellung dieses aggressiven Misstrauens zeigt sich, dass Non-Stop auch mehr kann als nur gepflegtes Entertainment. Nach Roland Emmerichs White House Down (2013) könnte man fast versucht sein, eine neue liberale Tendenz im politisch doch eher reaktionären Actionkino auszumachen. Denn während die Rolle des Bösewichts gerne von früheren oder aktuellen politischen Feinden der USA besetzt wurde, die ihre größenwahnsinnigen Forderungen mit hartem Akzent stellten, kommt die neue Gefahr aus den eigenen Reihen. Nicht wegen seiner Migranten muss sich Amerika Sorgen machen, sondern wegen übereifriger Patrioten. Die können auch nur deshalb so frei agieren, weil im Zweifelsfall doch immer das Fremde verdächtigt wird. Sogar vor Marks machen die rassistischen Vorurteile keinen Halt. Der ist nämlich nicht nur wegen seiner Alkoholsucht unglaubwürdig, sondern wird wegen seiner Herkunft auch gleich als möglicher IRA-Terrorist gebrandmarkt. Solche scharfen Beobachtungen hätte man einem Film, der sich auf vermeintlich geistlose Unterhaltung konzentriert, nicht unbedingt zugetraut. Da lässt es sich dann beispielsweise auch leichter verschmerzen, dass der schicksalsgebeutelte Air Marshal ungeachtet seines Berufs unter Flugangst leidet.

Trailer zu „Non-Stop“


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