Nokan

Ein Mann, der als Leichenaufbahrer vielen Menschen im Moment der Trauer hilft, muss seiner Frau seinen Beruf verheimlichen. In einer spezifisch japanischen Form von Sentimentalität erzählt Nokan vom Umgang mit dem Tod.

Nokan

Bei dem Ruf, der diesem Film vorauseilt – Fremdsprachen-Oscar, mehr als sechs Millionen Zuschauer in Japan, viele Preise auf vielen Festivals – ist es vielleicht nötig, zunächst darauf hinzuweisen, dass Nokan – die Kunst des Ausklangs (Departures – Okuribito) in seinem Kern schlicht und einfach ein Film über ein Handwerk ist. Viel mehr ist er das als eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte, eine Geschichte über Einsamkeit und Trauer. Ein Film über Arbeit also, was man daran erkennt, dass er in diesen Momenten ganz bei sich ist, bei den knappen, sorgfältigen Handbewegungen, den stoischen Blicken, der professionellen Demut.

Dass dieses Handwerk eins des Todes ist, dass die Hauptfigur, ein arbeitsloser Cellist namens Daigo, der in einer in Japan verachteten Tätigkeit ein Auskommen findet, Tote für ihren letzten Tag, für die Trauerfeier herrichtet – das ist zwar zentral für den Film, wird aber von Regisseur Yojiro Takita betont gleichmütig behandelt, ohne jede Gemeinmachung mit der Abscheu des Publikums. Und das alles in einem gleichmäßigen, fast gleichförmigen Rhythmus, auf mutige 130 Minuten gedehnt und klar Bezug nehmend auf die alten Meister des japanischen Kinos und ihre erzählerische Gelassenheit. Das hat nichts von der verschämten Dramatik rund um menschliches Leid in vielen Hollywoodfilmen, aber auch nichts von der agnostischen Abgeklärtheit, mit der eine grandiose Fernsehserie wie Six Feet Under (2001-2005) das Bestattungswesen durchleuchtet hat.

Nokan

Wenn es dann aber um die Geschichten geht, die um diesen Beruf herum gestrickt sind – eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte, eine Geschichte über Einsamkeit und Trauer –, dann gleitet Nokan, in weiterhin äußerst gemächlichem Rhythmus, ab in über-eindeutige Bilder, in länglich-umständliche Erzeugung von Konflikten und allzu leichte Auflösung derselben, und in geradewegs unverhohlenen Kitsch: Da sitzt Daigo dann mit seinem Cello auf einer grünen, satten Wiese vor einer Bergkulisse von wandtapetensprengender Schönheit. Und dann verliert Masahiro Motoki, der Darsteller des Leichen-Herrichters, auch seinen Stoizismus und neigt zu übertriebenem Spiel. Einmal glotzt er so starr mit aufgerissenen Augen in die Kamera wie in einem Slapstickfilm.

Statt einem Thema wie der Trauer um Verstorbene die wohl angebrachte Stille zu gewähren, erklingt immer wieder eine sentimentale Mischung aus Klavier- und Streichermusik, als gälte es, einem Film, dem die Traurigkeit aus jedem Korn Zelluloid spricht, noch ein blinkendes Schild in die Hand zu geben. Die betont langsam verklingenden Akkorde sind dabei natürlich nichts weniger als eine Ton gewordene Metapher für das Abschiednehmen.

Nokan

All das steht, wie gesagt, bedauerlicherweise im Widerspruch zur sehr realistischen und genau beobachtenden Schilderung eines Handwerks, dessen gesellschaftliche Bedeutung allzu oft verleugnet wird. Die kühle Anteilnahme, mit der Daigo und sein Chef den Angehörigen Verstorbener gegenübertreten, ist das genaue Gegenteil der filmischen Erzählstrategien, die hier über weite Strecken am Werk sind und so unbedingt ein Gefühl erzeugen wollen, das sich doch längst eingestellt hat.

So behutsam Nebenfiguren eingeführt und mit Leben gefüllt werden, etwa der von Ikuei Sasaki äußerst charismatisch gespielte Chef, mit seiner auf Lebensüberdruss gründenden Gutmütigkeit, oder Yuriko Uemura als seine unbestimmt traurige Sekretärin, so überdeutlich an Symbole gekettet wird die Geschichte Daigos und seines Vaters erzählt. Das ist dann auch der emotionalste Moment des Films, wenn nämlich die Professionalität aneinander gerät mit der eigenen Betroffenheit.

Nokan

Regisseur Yojiro Takita, dessen Filmografie bereits mehr als 40 Titel listet, der es mit Nokan aber zum ersten Mal in die deutschen Kinos geschafft hat, ist von Haus aus ein Genre-Regisseur. Zu seinem Oeuvre zählen viele typisch japanische Softcore-Streifen (pink eiga heißt diese Art von Film), darunter eine erfolgreiche Serie, in der es im Wesentlichen darum geht, wie Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln belästigt werden.

Nokan ist mit Abstand sein erfolgreichstes Werk bisher. Dass er in Japan so viele Zuschauer hatte, rührt daher, dass Takita einen ungewohnt offenen und gleichzeitig tröstlichen Umgang mit dem Tod betreibt und den (japanischen) Zuschauer genau dort abholt, wo er sich befindet: In einem Stadium der Ignoranz gegenüber der eigenen Vergänglichkeit, die sich in offener Feindschaft gegenüber den nokanshi äußert. Nicht nur Nachbarn und Freunde, auch Daigos eigene Frau ist schockiert, als er nicht mehr verheimlichen kann, womit er das Geld der Familie verdient. „Du bist unrein“, sagt sie angewidert.

Die Rezeption in westlichen Ländern kann auf diesen gesellschaftlichen Konflikt als Resonanzraum nicht bauen. Dass der Film trotzdem außerhalb Japans ausgesprochen gut ankommt, zeigt zum einen, wie dankbar auch woanders eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tod angenommen wird. Zum anderen zeigt es vielleicht, wie einfach Nokan es seinem Publikum dann doch leider macht.

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Kommentare


Micky

Ich bin sehr gespannt auf diesen Film. Ich finde die Kultur sehr interessant und die Geschichte verspricht auch sehr viel.






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