Nocturnal Animals

„When someone loves you, you have to be careful with it!“ Mit einem Rachethriller als Metapher widmet sich Tom Ford einem überwältigenden Trennungsschmerz – und ist dabei auf hinterhältige Weise parteiisch.

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Jeder kennt diesen Moment aus dem Kino: Jemand beginnt ein Buch zu lesen, und der Film nimmt das zum Anlass, die Tür zu einer weiteren Fiktion zu öffnen. Meistens gibt es zwischen den beiden Erzählebenen dann eine Verbindung. Aber nicht immer ist sie auf den ersten Blick ersichtlich. So auch nicht in Tom Fords zweitem Spielfilm Nocturnal Animals. Die erfolgreiche, aber doch nicht so recht glückliche Galeristin Susan (Amy Adams) bekommt darin eines Tages Post von ihrem Exfreund Edward (Jake Gyllenhaal). Neben einer Nachricht mit der Bitte um ein baldiges Treffen enthält der Umschlag auch das Manuskript von Edwards neuem Roman – der ganz allein seiner früheren Freundin gewidmet ist. Während sich Susan in ihrer steril designten Wohnung der Lektüre widmet, führt Ford uns in einen anderen Film, der davon erzählt, wie eine junge Familie im texanischen Niemandsland in die Hände brutaler Hillbillys gerät. Und je auswegloser die Lage der Gepeinigten wird, desto drängender beginnt sich Susan zu fragen, was das denn nun alles mit ihr zu tun haben soll.

Ein konsequentes Missverhältnis

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Nocturnal Animals gibt sich zwar geheimnisvoll wie eine Detektivgeschichte, verrät aber selbst schon bald, worauf er eigentlich hinauswill (einige plakative, im Hintergrund platzierte Kunstwerke helfen uns dabei). Zwischen der Film-noir-haft inszenierten Gegenwart, fragmentarischen Rückblenden, die Susans und Edwards Beziehung Revue passieren lassen, und dem Western-Setting aus dem Roman sammeln sich mit der Zeit die Trümmer einer gescheiterten Liebe an. Dabei setzt der Film auf ein Spannungsverhältnis, das sich aus zwei gegensätzlichen Positionen speist: Auf der einen Seite haben wir die Story einer kämpferischen jungen Frau, die sich für ihren sensiblen Freund von der herrischen Mutter emanzipiert – nur um ihn dann wenig später zu verlassen. Auf der anderen Seite einen straighten Rachethriller, der zwar äußerlich unterschiedlicher kaum sein könnte, sich aber recht schnell als Metapher für Edwards gebrochenes Herz offenbart. Was den Reiz von Fords Film ausmacht, ist nicht die bloße Gegenüberstellung zweier Perspektiven, sondern dass er sich ihnen mit völlig unterschiedlichen Erzählformen widmet. Dadurch entsteht ein Missverhältnis, das schon deshalb konsequent wirkt, weil Trennungsschmerz in den meisten Fällen auch nicht gleichmäßig verteilt ist.

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Dass Ford dem dramatisch überhöhten Leid Edwards so viel Zeit widmet, lässt seinen Film auf den ersten Blick wie die Rachefantasie eines gehörnten Mannes erscheinen (auch wenn der tatsächliche, als Höhepunkt inszenierte Moment der Vergeltung eher wie ein pubertärer Streich wirkt). Doch gerade der Roman-im-Film erweitert diese Lesart um eine weitere Facette: Er ist nicht nur eine Abrechnung, sondern auch Ausdruck eines gequälten Minderwertigkeitskomplexes. Während Susan zur Zeit der Beziehung anscheinend alles gelingt, was sie sich in den Kopf gesetzt hat, scheitert der grüblerische Edward schon daran, einem klassischen männlichen Rollenbild zu entsprechen. Sein literarisches Alter Ego (der Familienvater, ebenfalls von Gyllenhaal gespielt) ist dementsprechend auch zu schwach und konfliktscheu, um seine Frau und seine Tochter aus den Krallen der Rowdys zu befreien. Und als er sich endlich entschließt, Rache zu nehmen, braucht er dafür einen kettenrauchenden, unterkühlten Cowboy-Cop (Michael Shannon), der jene archaische Männlichkeit verkörpert, die ihm selbst fehlt.

Lehrbuch mit unlauteren Methoden

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Doch obwohl Nocturnal Animals beide Protagonisten ambivalent zeichnet, ist er am Ende doch auf etwas hinterhältige Art und Weise parteiisch. Die verschiedenen Erzählebenen sind nämlich auch sehr unterschiedlich effektiv. Während der Film gegenüber Susan fast konsequent kühl bleibt, nähert er sich Edwards Gefühlsleben zwar nur indirekt, gibt ihm letztlich aber die besseren Argumente: all den spektakulär ausagierten Schmerz und Verlust, kurzum die überwältigende Kraft der Emotionen. Auch Susan kommt erst durch die Fiktion zur Erkenntnis, wie sehr sie ihren Exfreund damals verletzt hat. Das kann man zwar auch als eine Feier auf die Kraft der Kunst sehen, aber der gesamte Roman-im-Film wirkt dadurch wie ein Lehrbuch, das selbst unlautere Methoden in Kauf nimmt, um sein pädagogisches Ziel durchzuprügeln. Vergleicht man die Wohlstandsprobleme einer Galeristin mit der Verzweiflung eines Mannes, der gerade seine Familie verloren hat, muss man nicht lange überlegen, wem man sein Mitleid schenkt.

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Kommentare


ule

Gyllenhaal ist m.E. ein Garant dafür, dass ein Film eine gewisse Qualitätsebene nicht überschreiten wird. Die einzige Ausnahme ist vielleicht "Donnie Darko", aber da kannte Jake noch niemand. Der Film hier bleibt leider trivial, vorhersehbar, was schade ist, da Ford mit "A Single Man" m.E. den perfekten Konsens zwischen Hollywood und Arthouse hingelegt hat. Nocturnal Animals hingegen ist ein Bluff, der nur funktionieren kann, wenn sich der entsprechende Zuschauer in eine persönlich gespeiste Manipulationsfalle begibt, die das eigene Leben bitter reflektiert.






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