Nocturama

Dem Terror kein Gesicht geben. Bertrand Bonello zeigt sich in seinem überragenden neuen Film über eine Gruppe junger hipper Staatsfeinde vor allem an der reinen Bewegung der Zerstörung interessiert.

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Terror. Schon allein das Wort tritt eine Assoziationskette los, die sofort konkrete Ereignisse, Gruppen und Symbole vor unserem geistigen Auge erscheinen lässt. Das können die brennenden Twin Towers sein, die grobkörnigen Fahndungsbilder von NSU und RAF oder die Flagge des IS. Man muss dem Terror kein Gesicht mehr geben, weil er längst viele hässliche Fratzen hat. Der Franzose Bertrand Bonello – bisher nicht unbedingt als explizit politischer Regisseur bekannt – erzählt nun vom Terror, ohne dass das Wort ein einziges Mal fällt. Dabei ist ein Film herausgekommen, der dem Terror scheinbar ein neues, ein schöneres und hipperes Gesicht gibt, der uns tatsächlich aber nur eine Maske zeigt.

Genre ohne Funktion

Nocturama beginnt rasant. Angetrieben von düster pumpendem Minimal-Techno, schwirrt eine auffällig vielfältige Gruppe harmlos aussehender Jugendlicher – männlich wie weiblich, bürgerlich wie proletarisch, weiß wie schwarz und auch arabischstämmig – in die unterschiedlichsten Ecken von Paris aus. Bonello inszeniert das als mitreißende Choreografie einstudierter Unauffälligkeit, hinter der ein nervöses Brodeln zu spüren ist.

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Jeder der Beteiligten tut etwas anderes – parkt zum Beispiel Autos um, putzt eine Reiterstatue am Place de la Bastille, bezieht sichtlich nervös ein Hotelzimmer oder bereitet sich auf ein Treffen mit jemandem vor, der ein Minister sein könnte –, aber sich kreuzende Wege und verschwörerische Blicke verraten, dass alles zum selben großen Ganzen gehört.

Majestätisch schwebt die Kamera (Léo Hinstin) hinter den jungen Leuten, ohne besonders viel von ihrem Vorhaben zu verraten. Das ist zunächst noch spannend, gestaltet sich aber auch zunehmend frustrierend. Denn Bonello überdehnt den Spannungsbogen absichtlich. Er macht uns neugierig auf die Hintergründe der Tat und die Backstorys seiner Protagonisten, hält uns aber konsequent auf Distanz. Nicht nur wegen seiner langen Steadicam-Fahrten erinnert Nocturama in der ersten Hälfte an Alan Clarkes minimalistischen Elephant (1989), der lediglich eine Reihe von Killern auf dem Weg zu ihren Opfern verfolgt. Wie Clarke ist auch Bonello nicht an den sozialen oder psychologischen Ursachen der Gewalt interessiert, sondern an der reinen Bewegung der Zerstörung. Er abstrahiert dabei Genre-Mechanismen so lange, bis sie ihrer Funktionalität beraubt werden.

Die Ahnung von einer komplexen Seelenlandschaft

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An der ausgestreckten Hand verhungern lässt uns der Film trotzdem nicht. Ein paar verstreute Rückblenden zeigen auch vereinzelt, wie der Anschlag vorbereitet wird. Man hängt sehr unrevolutionär miteinander ab, zockt Computerspiele, tanzt zugedröhnt und redet auch mal kurz über den Neuanfang der Renaissance. Obwohl die wenigen Versatzstücke darauf hinweisen, dass die Beweggründe der Gruppe irgendwie links zu sein scheinen und damit gegen große Konzerne und die Dekadenz der westlichen Industrienationen gerichtet, bleiben sie bis zum Schluss uneindeutig.

Schon rein äußerlich passen die Jugendlichen in kein Fahndungsraster. Mit ihren Markenklamotten sehen sie so normal und austauschbar aus, wie man es sich nur vorstellen kann. Bonello hat für seine Terrorgruppe ein Team an aufstrebenden Jungschauspielern gecastet, das so zusammengewürfelt und unauthentisch wirkt, dass die Suche nach realen Vorbildern vergeblich ist. Doch auch wenn die Figuren unscharf bleiben und nur bedingt bestimmte soziale Typen verkörpern: Leblos wirken sie dabei nicht, denn hinter ihren makellosen und unschuldigen Gesichtern verbirgt sich die Ahnung von einer komplexen Seelenlandschaft; in kleinen, nervösen Gesten manifestiert sich ihre innere Zerrissenheit. Jenes Suchende und Ungefestigte, das für Menschen um die zwanzig so charakteristisch ist, wird in diesem Film elementar.

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Der adoleszenten Verwundbarkeit widmet sich Bonello dann ausgiebig im zweiten Teil seines Films – wiederum ohne soziale oder psychogische Erklärungsmuster heranzuziehen. Wo er zuvor noch auf pure Dynamik setzte, herrscht nun beunruhigender Stillstand: Nach den Anschlägen haben sich die Jugendlichen in einem leeren Luxuskaufhaus verschanzt und warten dort auf das Morgengrauen. Nocturama offenbart hier ein gespenstisches, mit populären Brands gepflastertes Reich des Konsums, das von unheimlichen Silhouetten und gesichtslosen Schaufensterpuppen beherrscht wird. Irgendwo zwischen Selbstüberschätzung, Lethargie und Paranoia sind die Protagonisten plötzlich in einer Warenwelt gefangen, die sie mit ihren Produkten verführt wie eine schwarze Witwe ihr Männchen.

Terrorismus mit den Mitteln des Kinos

Bonello hat bisher noch mit jedem Film bewiesen, dass er ein Meister der Verpackung ist. So stylish er seine Tableaus arrangiert, so glänzend poliert er auch seine Bilder. Auch diesmal lässt der Regisseur der Schönheit von Körper, Mode und Dekors wieder ausreichend Raum, um sich entfalten zu können – und erinnert in seiner visuellen Opulenz tatsächlich an maßlose Ästheten des italienischen Genrekinos wie Dario Argento und Lucio Fulci. Dass sich Nocturama selbst der Versuchung hingibt, erweist sich schließlich als seine große Stärke. Er verfällt nicht in platte Systemkritik und stellt sich erst recht nicht selbstgefällig über seine Figuren, sondern weiß um die Verführungskraft des Materiellen. Der Kapitalismus mag den Jugendlichen das Leben aussaugen, aber er ermöglicht es ihnen auch, sich auf vielfältige Weise auszudrücken, ihre geheimen Träume und Sehnsüchte in ihrer eigenen Fiktion auszuleben. Um sich die Zeit zum Morgengrauen zu vertreiben, werfen sie sich schon bald in Schale, schminken sich und performen Popsongs, bis sie erschöpft zusammenbrechen.

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Aus diesem albtraumhaften Schlaraffenland, in dem lediglich zwei Obdachlose noch einen Anker zur Wirklichkeit darstellen, befreit sich Bonello schließlich selbst mit einem terroristischen Akt – nur eben mit den Mitteln des Kinos. Wo er zu Beginn noch auf elegante Parallelmontagen setzte, die das Geschehen klar strukturierten, da sprengt er während des letzten Gefechts die filmische Ordnung. Immer wieder springt Nocturama dabei zum selben Schusswechsel zurück, zeigt ihn so lange aus unterschiedlichen Perspektiven, bis wir glauben, uns in einer apokalyptischen Endlosschleife zu befinden. Die Gesichter des Terrors sind dabei schon fast wieder verblasst, weil sie ohnehin nie Kontur hatten. Indem Bonello sich dem Individuellen so konsequent verweigert hat, ist er zum Kern des Terrors vorgedrungen, zu einer Ausweglosigkeit, die naheliegend ist, wenn Menschen gegen ein System kämpfen, das sie selbst repräsentieren, und somit jede faktische Explosion unweigerlich zu einer persönlichen Implosion führen muss.

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