NoBody’s Perfect

Schaut mich an! Zwölf contergangeschädigte Menschen gehen in die Offensive und posieren in Niko von Glasows Dokumentation nackt für einen Bildband – mit dem Regisseur als Mr. December.

NoBody’s Perfect

„Zieh dem Kind mal einen Poncho über, man muss das ja nicht sofort sehen“. Doris Pakendorf ist sieben Jahre alt, als sie dieser Satz wie ein Schlag ins Gesicht trifft. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass der eigene Vater sich für ihre kurzen Arme schämt und der Mutter anweist, sie lieber zu verhüllen. Eine Conterganschädigung, die Zuhause akzeptiert ist, könnte bei einem Geschäftsessen mit Vorgesetzen dann doch peinlich werden. Im Gespräch mit Regisseur Niko von Glasow (Edelweißpiraten, 2004) fällt es der erwachsenen Frau heute noch schwer, von dieser frühen Kränkung zu erzählen, die lange Zeit das Verhältnis zu ihrem Körper geprägt hat.          

Pakendorfs Entscheidung, sich unbekleidet und nur mit einem Weinglas zwischen den Zehen ihres linken Fußes ablichten zu lassen, stellt für sie einen Akt der Selbstannahme dar. Für manche der weiteren Modelle bedeutet die Teilnahme an von Glasows Projekt die Herausforderung gängiger Schönheitsvorstellungen einer Gesellschaft, die das von der Norm abweichende Aussehen der „Contis“ häufig mit dreistem Gaffen, mitleidigen Blicken oder betretenem Weggucken quittiert. Zum Ende des Films werden die großformatigen Fotos auf dem Kölner Domplatz ausgestellt, wo sie unterschiedlichste Reaktionen bei den verwirrten, empörten oder beeindruckten Passanten hervorrufen. Die Kommentare reichen von „mutig“ über „erotisch“ bis „geschmacklos“.

NoBody’s Perfect

„Ich bin nicht meine kurzen Arme“, betont eine der Porträtierten. Die arbeitslose Sozialarbeiterin Sofia Plich will nicht ausschließlich wegen ihrer Conterganschädigung interessant gefunden werden. Beim Anblick ihres Bildes befürchtet sie vor allem, alt auszusehen. Die zwölf deutschen und britischen Mitwirkenden weigern sich, von der Umwelt auf ihre kürzeren Gliedmaßen reduziert zu werden und lassen sich selbst in Berufen wie Gärtner, Malerin oder Dressurreiterin so wenig wie möglich von ihnen einschränken.

Im Gegensatz zum Regisseur, der sich seit jeher gehemmt fühlt, in Badehose am Strand zu liegen, hatte die Politikerin Kim Morton nie ein Problem mit ihrem Körper. Ihr Sohn findet das Vorhaben der Mutter, als Nacktmodell zu posieren, allerdings „widerlich“ – nicht wegen ihrer kurzen Arme und Beine, wie Morton zunächst annimmt, sondern weil’s eben die Mutter ist. Von Glasows Dokumentation möchte keine „Mitfühlorgie“ sein, wie es der Schauspieler Mat Fraser ausdrückt. Er sorgt sich lediglich um die Kondition seines entblößten Bauches und denkt gar nicht daran, seinen Anteil der Bildbandeinnahmen zu spenden: „Wieso muss alles, was mit Behinderung zu tun hat, zur Wohltätigkeitsveranstaltung werden?“ 

NoBody’s Perfect besteht größtenteils aus Interviews, die der Regisseur mit den Protagonisten und einigen ihrer Angehörigen führt. Hier und da werden Archivaufnahmen aus der Kindheit eingefügt, Szenen aus dem privaten oder beruflichen Alltag der Porträtierten sind eher rar gestreut. Vereinzelt schaut man Kim Morton beim Putzen oder Bianca Vogel beim Dressurreiten zu, doch meistens wird geredet: über Arbeit und Familie, Vor- und Nachteile der Behinderung, das Verhältnis zum eigenen Körper und das zum anderen Geschlecht. In erster Linie lebt der Film von den einnehmenden Persönlichkeiten und oftmals humorvollen Ansichten der Befragten.

NoBody’s Perfect

Teilweise setzt von Glasow in seiner Inszenierung fragwürdige Schwerpunkte oder wirkt im Auftreten etwas sehr darum bemüht, dem Auftrag des WDRs gerecht zu werden, einen „(…) witzigen Dokumentarfilm“ über Conterganbehinderte abzuliefern. Von den konträren und hoch spannenden Passantenreaktionen auf dem Kölner Domplatz hätte man sich mehr gewünscht. Stattdessen verschwendet der Regisseur gleich zwei Szenen daran, wie der Astrophysiker Stefan Fricke einst Frauen in einer Diskothek an die Brüste gefasst hat und von dem Gärtner Theo Zavelberg deshalb vor die Tür gesetzt wurde. Man grübelt hier vergeblich, welchen Zweck diese lapidar behandelte Episode erfüllt. Und soll sexuelle Belästigung mit kurzen Armen vielleicht lustiger sein als mit langen? Von Glasow schlägt dem Busengrapscher vor, seine Anmachstrategie zu ändern und springt abrupt zur Frage „Hast du schon mal an Selbstmord gedacht?“.   

NoBody’s Perfect versteht sich auch als Anklage der Grünenthal GmbH, die für die tausenden Geschädigten und Toten durch Contergan verantwortlich ist und das Schlaf- und Beruhigungsmittel für Schwangere 1961 nicht sofort vom Markt genommen hat, nachdem sie von dessen schwerwiegenden Nebenwirkungen wusste. Eine Entschuldigung hat es nie gegeben, die verhältnismäßig geringe Entschädigungszahlung ist längst verbraucht. Heute erhalten die Opfer nur noch eine besonders für Pflegebedürftige äußerst ungenügende Rente vom Staat. Von Glasows Versuche, ein Mitglied der Eigentümerfamilie Wirtz zu einem Treffen vor der Kamera zu bewegen, scheitern. Also hinterlässt der Regisseur sein vergrößertes Nacktfoto vor dem Aachener Firmentor als erinnernden Gruß und geht mit neuem Selbstbewusstsein endlich an einen Strand.

Trailer zu „NoBody’s Perfect“


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