Nobody Knows – Kritik

Eine Siedlung in Tokio: Als eine alleinerziehende Mutter ihre vier Kinder zurücklässt, beginnt für die Heranwachsenden ein Überlebenskampf. Der beim Filmfestival von Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnete Nobody Knows besticht vor allem durch das natürliche Spiel seiner jungen Akteure und eine poetisch-realistische Erzählweise, die das Leben mit all seinen Facetten zelebriert.

Nobody Knows

Vier Kinder leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem kleinen Tokioer Apartment. Da der Vermieter keine Kinder in der Wohnung zulässt, müssen sie sich versteckt halten. Außer Akira, dem Ältesten, darf niemand von ihnen vor die Tür gehen, eine Schule haben sie nie besucht. Als die noch junge Mutter ihre Kinder zugunsten eines Liebhabers einsam zurücklässt, beginnt für die vier ein Überlebenskampf.

Die von einer wahren Begebenheit inspirierte Geschichte um eine isolierte Gruppe von Kindern, die sich elternlos im Leben behaupten muss, erinnert rein inhaltlich an Filme wie Jack Claytons Jede Nacht um neun (Our Mother’s House, 1967) und Andrew Birkins Der Zementgarten (The Cement Garden, 1993). Formal gesehen gleicht Hirokazu Kore-edas Werk jedoch einem anderen Fixpunkt des Entwicklungsfilms: Francois Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (Les 400 coups, 1959). Wie dieser zeichnet sich Nobody Knows (Dare Mo Shiranai) durch einen hohen Grad an Realismus aus, indem er ein Kindheits-Drama mit zum Teil dokumentarischen Strategien umsetzt. Zu Beginn seiner Karriere drehte Kore-eda zunächst Dokumentarfilme für das japanische Fernsehen – und so verwundert es nicht, dass Momente dieser Gattung sich auch in seinem mittlerweile dritten Spielfilm wieder finden lassen.

Nobody Knows

Kore-eda zwingt seinen Laiendarstellern kein Spiel auf, sondern bringt deren eigene Persönlichkeiten mit ein: „Ich war nicht zufrieden, wenn die Kinder einfach nur machten, was ich wollte. Es ging mir darum, mit der Zeit herauszufinden, was in den Kindern steckt und aus dieser Erfahrung einen Film zu machen.“ Anstatt ihnen vorab ein Drehbuch auszuhändigen, ließ der Regisseur seine jungen Darsteller anhand eines allmorgendlich besprochenen Textes improvisieren. Um sie zudem von der Präsenz der Kamera und des Produktionsapparates zu befreien, arrangierte Kore-eda die Innenaufnahmen mit einem sehr kleinen Team ohne Kunstlicht und drehte die Außenaufnahmen unter Einsatz von Objektiven mit hoher Brennweite aus weiter Distanz. Das Ergebnis ist eine absolut natürliche, unmittelbare Darstellung, der nichts Selbst-Wahrnehmendes oder Schauspielendes anhaftet. Nicht umsonst gewann der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 13-jährige Hauptakteur Yuya Yagira die Auszeichnung als bester Darsteller beim Filmfestival von Cannes 2004.

Trotz der teilweisen Verwendung dokumentarischer Strategien ist Nobody Knows gleichzeitig ein äußerst konstruierter Spielfilm, dessen Narration von einer genau kalkulierten Kreisstruktur dominiert wird. Immer wieder kehren wir an die gleichen Orte zurück – das Apartment, der Laden, der Spielplatz und die anderen Örtlichkeiten erscheinen dabei jeweils in neuem Licht. Die Dinge ändern sich im Laufe der Zeit wie die vier Jahreszeiten, die dem Film als Hintergrundfolie dienen. Nobody Knows setzt im Herbst ein, endet im Sommer – er beschreibt den ewigen Kreislauf des Lebens, den Zyklus des Werdens und Vergehens, die Wandelbarkeit allen Seins.

Nobody Knows

Auch die Bildsprache hat nichts von der Beliebigkeit anderer dokumentarisch angehauchter Dramen, die Einstellungen sind sorgfältig durchdacht und präzise komponiert – ohne dass sich das Visuelle dabei jemals in den Vordergrund spielt. Der Ikonographie des Films ist jeder Selbstzweck fremd, stattdessen erfährt sie stets eine Motivation im Kontext der Erzählung. Kore-eda gelingen zum Teil Bilder von einer - im positiven Sinne - schlichten Poesie, etwa das einer Rechnungsmahnung, die als Malpapier benutzt wird und ganz beiläufig zur Metapher für die Konfrontation der Kinder- mit der Erwachsenenwelt wird, oder das eines Nagellackfleckes auf dem Boden, der trotz der physischen Abwesenheit der Mutter an ihre gespenstische Allgegenwart erinnert und ihren Verlust für die Kinder umso spürbarer macht. Bilder wie diese beinhalten ganze Dramen.

Wie leicht wäre es gewesen, der Tragik und „Schwere“ des Stoffes zu verfallen! Nobody Knows ist jedoch kein düsterer Film. Sein Grundton bleibt stets optimistisch. Dies liegt daran, dass Kore-eda seinen Film vorwiegend aus der Perspektive der Kinder erzählt, die die Welt mit neugierigen Augen wertfrei entdecken. So bewirkt der Verlust der Mutter in den Kinder-Figuren, wie im Zuschauer nicht nur ein Gefühl der Traurigkeit. Stattdessen bietet er auch nicht gekannte Möglichkeiten für die Elternlosen, die ihre Umgebung nun auf anarchisch-kindliche Weise erkunden und erleben können. Die Welt wird ihnen zu einem grenzenlosen Abenteuerspielplatz, auf dem sie ihre Lektionen lernen müssen. Entgegen aller Schicksalsschläge, die die Kinder dabei erfahren müssen, versiecht ihr Lebensmut niemals. Somit gerät Nobody Knows zu einem Plädoyer für das Leben an sich, bei dem Kore-eda gekonnt mit dem Melancholischen und dem Heiter-Hoffnungsvollen jongliert und, nach dem Yin und Yang - Prinzip, auf die vitalisierende Polarität der Existenz verweist.

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