Noah

Den Mythos durch die Technik erneuern: Irgendwo zwischen Altem Testament und Science-Fiction modernisiert Darren Aronofsky den Bibelfilm.

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Die Radikalität, die sich durch Darren Aronofskys Poetik zieht, hat sich noch nie auf den bloßen Gegensätzen ausgeruht; der Kontrast zwischen zwei Extremen interessierte ihn stets weniger als ihr verbindendes Element, die Nähe, die sie zueinander pflegen. Die Differenz zwischen einem verwahrlosten Schlachtross (The Wrestler, 2008) und einer leistungsgetriebenen Ballerina (Black Swan, 2010) besteht nicht in der Brutalität, sondern höchstens in ihrem Ausdruck,  ihrer Performanz, ihrer Entfaltung. Nichts anderes hält die Genesis mit Noah bereit als die Kollision der Gegensätze, ja, der absoluten Gegensätze. Wenn der Schöpfer Bäume gedeihen lässt und damit seinem Propheten das Material für den Bau der Arche zur Verfügung stellt, dann dienen diese eben auch den Barbaren, den Frevelhaften, die daraus ihre Kriegsmaschine schmieden: Die Sünde und die Erlösung, sie sind beide buchstäblich aus dem gleichen Holz geschnitzt; und was ist das Motiv der Sintflut, wenn nicht die Gegensätzlichkeit von Ende und Anfang, die gewaltige Implosion zwischen dem Erlöschen und dem Neubeginn von allem? Es ist die Implosion selbst, die Freisetzung kinetischer Energien, das wuchtige Kräftewalten, das Aronofsky interessiert, lange noch vor jeder theologischen Ethik, die sich erst im Anschluss daran als biblischer Metatext aus dem Spektakel schält.

Durch die Technik denken

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Subtilität und Zurückhaltung sind gewiss keine Modi in Aronofskys ästhetischem Programm; sie waren es in seinen bisherigen Filmen nicht, und noch viel weniger sind sie es nun in Noah. Trotzdem: hier eine Roland Emmerich’sche Gigantomanie (2012, 2009) dessen Katastrophenkitsch und Symbolflut diagnostizieren zu wollen, wäre verfehlt. Es geht nämlich eben nicht – und das ist entscheidend – darum, den alttestamentarischen Stoff mit den Möglichkeiten des Kinos zu bebildern, ihn durch den Fleischwolf der digitalen Attraktionsmaschinerie zu jagen; es geht sehr viel eher darum, den Mythos durch die Technik zu erneuern, ihn durch sie neu zu denken. Wenn Noah die Schöpfungsgeschichte rezitiert, wenn dazu die Erbsünde in drei schnellen Schnitten und grellen Bildern aufblitzt, wenn sich die Erde – Aronofskys typischem Motageformalismus getreu – in Windeseile voll entfaltet, vom Urknall über die Entstehung des Wassers, der Lebewesen, die sich vom Wasser aufs Land, übers Land bewegen, zum Reptil werden, zum Säugetier werden, quer durch alle Zeiten und Räume, dann hat diese Montagesequenz den Widerspruch zwischen kreationistischer und szientifischer Evolutionsgeschichte schlichtweg geschluckt. Aronofskys Kino kann sich das erlauben – wofür der Schöpfer sieben Tage braucht, dafür genügen ihm zwei wirkmächtige Minuten.

Vektoren, Richtungen, Geschwindigkeiten

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Natürlich, man kann solche Verfahren als einfach degradieren. Die Art und Weise, wie sich der Mythos aber in der Wirkung entlädt – und das ist eben mehr als eine bloße Bildersuche, als eine welcher Tradition auch immer verpflichtete Idee des Zeigens und Repräsentierens –, ist dabei nicht nur hochkomplex, sondern streckenweise überaus brillant erfasst. Weder Bibeltreue noch irgendeine religiöse Bildgeschichte können als Maßstäbe gelten, denn Noah formuliert eben keinen Glaubenssatz, sondern schreibt stattdessen eine Theologie der Wahrnehmung. In diesem Sinne ist auch die 3D-Technik nicht einfach bloße Illusionseuphorie; vielmehr schafft gerade diese Technik den Erfahrungsraum, in dem sich alle Metaphysik nach allen Richtungen und letztlich gerade durch die Gesetze der Physik ausdrücken kann und darf. Noch bevor Noah Erzählräume hervorbringt, Räume, in denen sich die biblischen Kausalitäten der Überlieferung nach entfalten, schafft der Film energetische Räume: Bewegungen, Richtungen, Vektoren, Geschwindigkeiten – das sind die Prinzipien, nach denen sich diese urzeitliche Welt organisiert, nach denen sich die Verhältnisse zwischen Menschheit und Gott, die Dynamiken der Natur und des Kosmos einstellen. Wenn die Kamera einem Regentropfen folgt, dem ersten, der die Sintflut anmahnt, der frontal auf die Erde niederkracht, dann ist das eben nicht nur die reine Überschussästhetik des göttlichen Signals, vielmehr erteilt diese damit dem Schöpfer einen Ort, dem Zeichen eine Richtung und dem Symbol eine Kinetik.

Die Sichtbarkeit Gottes

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In diesem Gefüge, das die Verhältnisse von oben und unten, von Nähe und Tiefe nicht nur abbildet, sondern zu Kräften dynamisiert, das das Telos der Heiligen Schrift in Bewegungsenergie umwandelt, sind die großen Gegensätze aufgehängt, und als solches ist es auch ein originär kinematografischer Gedanke. Und bei allem, was sich der Film auf der Ebene des Drehbuches, in dem quasi jeder Satz schon in Hinblick auf den Trailer zurechtgedichtet scheint, oder auf der Ebene der hymnischen Dauerorchestrierung an Vorwürfen gefallen lassen muss, ist es doch bemerkenswert und unvergleichlich, wie die alttestamentarische Überlieferung hier mit dem Kino als einer Kunst der kinetischen Dynamik zusammengedacht wird. Aus einer kümmerlichen Quelle entstehen Rinnsale, sie werden zu Bächen, um sie herum beginnt es zu grünen, aus Knospen werden ausgewachsene Bäume – und all das geschieht nicht einfach nur mit einer omnipotenten Rasanz, einer göttlichen Zeitlichkeit gemäß, die über jede Trägheit der Biologie erhaben ist; was sich hier vollzieht, ist vielmehr ein alle Verhältnisse sprengender Vorgang des Wachstums und Entstehens, der die Kamera nicht unbeeindruckt lässt, sie mit in die Höhe fortreißt, sie in einen Schwindel versetzt und ihr vor Augen führt, dass ihre Linse diesem Schaffensexzess unterlegen ist. Der Schöpfungsakt ist eben keine Frage des Sehens, sondern eine der Wahrnehmbarkeit seiner Unübersichtlichkeit. Das ist vielleicht fast schon der unverfrorene Gag des Kinos, dass es die religiösen Abbildverbote, zumindest aber einmal ein abendländisches, gewissermaßen austrickst: Gott ist kein Bildnis und keine Stimme, aber er ist ein Ort, eine Perspektive, eine Richtung, ein Vektor, eine Kraft – der Wahrnehmung reicht das allemal, mehr Bild braucht es da nicht.

Trailer zu „Noah“


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