No Man's Land

No Country for Young Women

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Schwere Stiefel schlagen auf dem Asphalt auf. Die Kamera liegt am Boden, filmt aus der Untersicht, zeigt vom Stiefelträger nur die Beine. Mit langsamen Schritten nähern sie sich. Eines der Beine wird von Metallstäben gestützt. Ringsherum nur Wüstensand, Felsbrocken und Sonnenflimmern auf der Straße. Schwere Gitarrenriffs erklingen, eine einzelne Trompete spielt eine langsame Melodie. Westernstimmung in Chinas Nordwesten, der fast genauso aussieht wie der Südwesten der USA. Hier, in der Rebellenregion Xinjiang, dem wilden Westen, herrscht kein Gesetz außer dem Recht des Stärkeren.

„Eine Geschichte über Tiere“

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Das muss in einer langen Nacht auch Pan Xiao (Zheng Xu) erfahren. Pan ist ein junger, arroganter Anwalt, der in dieses No Man’s Land (Wu ren qu) reist, um sich mit einem Prozess einen Namen zu machen. In seiner big-city-boy-Hybris meint er, es als Mann des Rechts mit den lokalen Gangstern aufnehmen zu können. Auf dem Rückweg in die Stadt hat er deshalb den Gestank fremden Urins in seinem Auto, einen riesigen Riss in der Windschutzscheibe – und bald auch einen bewaffneten Schwerverletzten auf der Rückbank. Eben plädierte er vor Gericht noch für Recht und Ordnung, nun zündet er einen LKW an, begeht Fahrerflucht und versucht, einen Menschen zu verbrennen. Kein Wunder, dass ihn bald vier verschiedene Parteien durch die Wüstennacht jagen.

Es wird viel geschlagen, gerammt und geschossen in diesem Männerfilm. Wie einsame Wölfe ziehen die Outlaws in ihren brachialen Trucks durch die unendlich weiten, in sonnenüberfluteten Sepia-Bildern eingefangenen Wüstenlandschaften. Hier herrscht der Kampf aller gegen alle, jeder ist jedem anderen ein Wolf. „Dies ist eine Geschichte über Tiere“, heißt es ganz am Anfang – eine Geschichte über die Bestie im Menschen, genauer: im Mann. Die einzige wichtige Frau des Films ist bezeichnenderweise eine Hure.

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Regisseur Hao Ning gelingt mit No Man’s Land ein präzise konstruierter Thriller, der geschickt mit verschiedenen Nebensträngen jongliert und immer wieder Karten aus dem Ärmel schüttelt, die er zuvor unauffällig im Plot platziert hat. Spektakuläre Actionszenen, spannende Verfolgungsjagden und gelegentliche humoristische Einsprengsel verdichten sich zu einem starken Genrefilm, der deutlich weniger logische Löcher aufweist als viele vergleichbare US-Produktionen.

Ein verräterisches Ende

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Allerdings wäre ein vom chinesischen Staat mitfinanzierter, reiner Unterhaltungsfilm ohne politische Ambitionen eine recht seltsame Erscheinung im Berlinale-Wettbewerb. Kurz vor Schluss tauchen denn auch einige Indizien auf, die darauf hindeuten, dass die Verhältnisse doch etwas komplizierter sein dürften. Denn gelinde gesagt, „überrascht“ das sentimental-hoffnungsvolle Ende dieses bis dahin äußerst grimmigen Films. Um deutlicher zu werden: Das Finale wirkt, als hätte jemand einen Kampfhund an die Leine gelegt und als Chihuahua verkleidet.

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Das mag an der langen Zensurgeschichte des Films liegen: Eigentlich sollte No Man’s Land bereits 2010 veröffentlicht werden. Die chinesischen Kulturwächter hielten ihn jedoch zurück und verlangten von Regisseur Hao Ning, dass er seiner „sozialen Verantwortung als Künstler“ gerecht werde. Berichten zufolge soll der Film den Zensoren zu gewalttätig und nihilistisch gewesen sein in seiner Darstellung von China als weitgehend rechtsfreiem Raum. Gut möglich, dass das aufgepfropfte Ende dem Versuch geschuldet ist, diese Bedenken zu beschwichtigen, um endlich eine Freigabe zu erhalten. Allerdings ist – zumindest in der Berlinale-Fassung – nicht zu erkennen, dass No Man’s Land überhaupt politische Intentionen hat. Ironischerweise führen also erst die Eingriffe der Behörden dazu, dass man als Zuschauer im Nachhinein versucht, doch sozialkritische Kommentare herauszulesen. Und wer sucht, wird bekanntlich finden – selbst dort, wo es eigentlich nichts zu finden gibt.

Trailer zu „No Man's Land“


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