No Country for Old Men

Ethan und Joel Coen haben sich zwischen Independentkino und Hollywood als wahrhafte Autorenfilmer etabliert. Mit dem mythischen Thriller No Country for Old Men übertreffen sie nun ihre eigenen Klassiker.

No Country for Old Men

Es ist Nacht in der texanischen Steppe. Llewelyn Moss (Josh Brolin) hört Stimmen in der Ferne. Er dreht sich um und erblickt auf einer kleinen Anhöhe mehrere Silhouetten neben seinem Truck. Plötzlich erstrahlen zwei Scheinwerferfronten von einem mächtigen Wagen, der nun direkt auf ihn zurast. Inmitten der leichenreichen Überreste eines geplatzten Drogendeals setzt eine atemberaubende Verfolgungsjagd den ersten spannungsgeladenen Höhepunkt. Ausgelöst hat sie Moss nicht dadurch, dass er am Nachmittag zuvor einen Koffer mit zwei Millionen Dollar gefunden und entwendet hatte, sondern durch sein schlechtes Gewissen, das ihn in der Nacht dorthin zurück führt.

Ein schlechtes Gewissen kennen seine Verfolger nicht, weder die mexikanischen Drogenhändler noch der skrupellose Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) mit dem kantigen Haarschnitt und undefinierbarem Akzent. Und erst recht nicht der Auftragsmörder Carson Wells (Woody Harrelson), der Chigurh unter Kontrolle halten soll. Gewissensbisse und die Sehnsucht nach einer besseren Welt bleiben den Guten überlassen, auch wenn sie damit nicht immer etwas anzufangen wissen. Auf Moss’ Jäger hingegen ist zu jeder Zeit Verlass. Sie halten sein schier unausweichlich wirkendes Schicksal in ihren Händen. Nachdem Moss seine Frau zu ihrer Mutter geschickt hat, setzt er alles daran, sich und das gefundene Geld zu verteidigen. Mit Chigurh, einer mexikanischen Drogenbande und Wells auf den Fersen reist er gen Mexiko.

No Country for Old Men

Die erste ausgewiesene Romanadaption der Coens, No Country for Old Men nach dem gleichnamigen Buch Cormac McCarthys (2005), überrascht zunächst aufgrund ihrer klaren Plotstruktur vom modernen lonesome cowboy auf der Flucht vor dem verrückten lonesome killer. Doch da wäre noch der von Tommy Lee Jones verkörperte Sheriff Ed Tom Bell.

Schon zu Beginn von Blood Simple (1984), dem Erstling der Coen-Brüder, teilte uns ein abgeklärter Detektiv mit, eins wisse er ganz sicher über Texas: So sehr man sich auch beklage oder um Hilfe bitte, hier sei jeder Mann auf sich gestellt. In No Country for Old Men ist es Sheriff Bell, der aus dem Off die ersten Worte des Films spricht, und auch hier ist es ein weites texanisches Panorama, das sich dem Zuschauer auf der Leinwand eröffnet. Doch Bell sehnt sich nostalgisch zurück in eine gewaltlosere Zeit, als Sheriffs vermeintlich keine Schusswaffen benötigten. Mit der Figur des alternden Bells stellt der im Jahre 1980 spielende Film in Prolog und Epilog eine Reflexion über Gegenwart und Vergangenheit an, über Vergänglichkeit, Gewalt, Alter und Fortschritt. Und bettet den Thriller in eine schwerelose, zugleich sinngebende und verwirrende Meditation.

No Country for Old Men

Ob der alte Mann, Veteran des Zweiten Weltkriegs, zu denjenigen gehört, für die das Land nicht gemacht zu sein scheint? William Butler Yeats Gedicht „Sailing to Byzantium“ (1928), dessen erster Zeile der Titel von Roman wie Film entnommen ist, birgt die zaghafte Hoffnung auf ein ewiges Leben durch das Kunstwerk. Für Bell sind es die Geschichten und Traditionen, die den Einzelnen überdauern, Erzählungen und Lehren, die ein Vater an seinen Sohn weitergibt. Sein Land, „the land of the free, the home of the brave“, wie die amerikanische Nationalhymne es beschwört, ist der Ort, den die Väter errichtet haben, die Grenzen der Zivilisation selbst steckend, ihre Freiheit erkämpfend. Vietnamveteran Moss hat es kurzerhand zu seinem Lebensziel gemacht, sich und seine Frau mit gefundenem Geld in Sicherheit zu bringen. Ohne Umschweife folgt er seinem egoistischen materialistischen Impuls, für eine Gesellschaftsordnung oder allgemeine Werte einzutreten liegt ihm fern. Der fremde, ort- und vergangenheitsungebundene Chigurh ist der Einzige, der mit seinen Prinzipien, der Befolgung allein seiner eigenen Regeln, noch wirklich selbst bestimmt ist. Und darüber eine ungemeine Faszination ausübt, im Gegensatz auch zu seinem Gegner Wells, dem käuflichen amerikanischen Killer.

No Country for Old Men stößt eine Vielzahl von Diskursen an, vom Kapitalismus über amerikanische Gründungsmythen bis zum Bild von Männlichkeit. Die Deutlichkeit, mit der diese verhandelt werden, transzendiert nachdrücklich die Grenzen des Thriller- und Actionkinos. Mindestens zum gleichen Teil rührt seine fesselnde Wirkung aber auch gerade von der Einhaltung der Genreregeln. Die klassischen Erzählmuster gehen vollends auf, einen geradlinigeren Plot, aufregendere Verfolgungsjagden, mutigere Verfolgte, schonungslosere Jäger und abgeklärtere Ordnungshüter hat es im amerikanischen Actionthriller lange nicht gegeben.

No Country for Old Men

Die Präzision, mit der Joel und Ethan Coen zusammen mit Kameramann Roger Deakins ihre Figuren zeichnen, verschlägt einem die Sprache. Die wortkargen Männer teilen im Laufe des Films keine einzige Einstellung. Jeder steht für sich, obwohl ihr Schicksal von den anderen abhängt. Mit einem Bolzenschussgerät und Feuer legend bahnt sich Chigurh seinen Weg, gleichermaßen stoisch wie effizient. Der fliehende Moss scheint trotz der drohenden Gefahr jederzeit Herr der Lage zu sein, er weiß seine Frau und die Situation gleichermaßen zu handhaben. Das patriarchale Weltbild der Helden, in dem Frauen eine untergeordnete Rolle spielen, weiß No Country for Old Men sehr genau in den wenigen Szenen mit weiblichen Figuren darzustellen, doch zeigt zugleich, wie unglücklich die Männer in ihren Beziehungen sind. Bell verrichtet mit trockenem Humor und gelassener Erfahrung seine Arbeit und speist seine Frau ebenso lakonisch ab. Ob im Büro oder Zuhause, er braucht nichts mehr zu erklären, als wenn in jedem seiner Sätze die abertausenden vorhergehenden seines langen Lebens unterschwellig mitklängen. Ein paar Worte genügen, um alles auszusagen.

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Kommentare


Martens

Die allgemeine Euphorie um den neuen Film der Coen-Brüder ist mir unverständlich; eine weitere Zelebrierung des depressiv-heruntergekommenen Selbstbildes der USA. Was will dieser Film eigentlich? Die intelligente und philosophisch ausgefeilte Kritik von Herrn Jaeger zeigt, wie aufmerksam er den Film verfolgt hat - leider macht sie den Film nicht besser. Javier Bardem hat zwar seinen Oscar völlig verdient, aber das macht den Film auch nicht sinnvoller (was ja auch nicht Bardems Aufgabe war.) Ich sass am Ende nur da und habe mich gefragt, was ich nun von diesem Film hatte - nichts, ausser der Einsicht, dass es für manche Leute sicher hilfreich ist, ihre bizarren Gewaltphantasien filmisch zu verarbeiten. Anzuschauen brauche ich mir diese dann aber nicht.
Den Gebrüdern Coen sollte man statt der Kamera lieber einen Psychiater zur Verfügung stellen.


mi3000

mein gott bin ich dankbar, dass es critic.de gibt.
mein gott ist der spiegel runtergekommen, oder war er schon immer schlecht?
nachdem ich die kritik auf spiegel online unter der rubrik KULTUR durchgelesen hatte, musste ich laut lachen. (überzeugt euch selbst)
als ich früher in der schule scheiße zusammeninterpretiert hatte, bin ich wenigstens im nachhinein dankbar, dass soetwas von meiner deutschlehrerin mit einer 5 quittiert wurde...
wer macht denn bitte den "christian b.." aufmerksam, wie peinlich sein text ist, ich würd ja fast sagen er hat sich im job vergriffen!
nicht böse sein, vielleicht ist der kommentar auch unangebracht, aber das musste ich einfach rausposaunen...


Sebastian

Was für ein überaus, absolut wahnsinnig...durchschnittlicher Film. Für Tommy Lee Jones reicht nichts nichtmal dazu in diesem "Meisterwerk". Ein alter Sheriff, der wie ein geprügelt Hund immer dann auftaucht wenn schon alles längst gelaufen ist und zu guter letzt in den Ruhestand geht. Wirklich der Hit, er bringt die Handlung (die auch in max. 2 Sätzen erzählt ist und nur wenig Spannung zu bieten hat)keinen Dolt weiter. Woody Harrelson hätte man sich auch schenken können. Da bleibt eigendlich nicht viel mehr zu sagen als: für diesen Film ist jeder Oscar zuviel.


Socke

*XXX* Leider ist es bei den Coen-Brüdern wohl automatisch so, dass alle ihre Filme supermegaspitzenklassetoll sind, egal wie langweilig, sinnlos, inhaltsfrei und schwachsinnig dieser Film auch ist. Ich weiss nicht, welche Massstäbe von Kritikern für eine Bewertung eines Filmes angesetzt werden, aber hier hat man das Gefühl, dass nur der Name "Coen" allein schon ausreicht, um von vornherein einen Spitzen-Film zu erwarten.

Dieser Film hat alles, was ein guter Film nicht braucht: einen alles könnenden, voraussehenden und wissenden Killer mit einer selten dämlichen Frisur, keine Musik, strunzdumme Dialoge und absolut sinnlose Charaktere wie z.B. den zweiten Killer. Dazu ist er noch langatmig und lässt einen am Ende mit einem risengrossen Fragezeichen im Kopf hängen, das man sich fragt: "Und nu?" Nach "Hudsucker", "The Big Lebowski" und "O Brother, where art thou?" haben die Coens hier mal so richtig *XXX*. Kann ja mal passieren. Aber diesen Film dann mit 4 Oscars zu bedenken, lässt mich an der Kompetenz der Jury mächtig gewaltig zweifeln.


Martin Z.

Wenn ich an all die tollen Filme denke, die einen oder mehrere Oscars in den letzten Jahren bekommen haben und dann jetzt den hier sehe, schaue ich recht betreten unter mich. Peinlich! Bei diesem Preisträger wäre wohl eher die Goldene Himbeere angebracht. Eine ausgelutschte Story mit erheblichen Lücken und logischen Knacks. Dazu unterkühlte, wohl absichtlich ausdruckslose Darsteller, denn die müssen ja cool sein. Ich bin eingeschlafen! So sind mir auch die vier Schocker entgangen, wie mir die Tapferen, die durchgehalten hatten, später berichteten. Und der Titel ist auch ganz schön kryptisch.
Ob die Alternative junge Männer sind, die in diesem Land leben?
War der ganze Hype nur eine Verbeugung vor den Coen Brüdern?
Rechtfertigen wenige brutale Killerszenen die endlose Langeweile dazwischen?
Ist der fehlende Schluss inzwischen ein Markenzeichen der Coens?
Sind Kamera und die Dialoge wirklich so gut? Der Roman ist überzeugender. Und der hat den Titel “The Road“. Von der Strasse war wenigstens mehr zu sehen als von den fehlenden alten Männern. KV, wenn sie mich fragen!


Frédéric

@Martin Z.
Das klingt wirklich danach, als hätten Sie den Film nur fragmentarisch mitbekommen. Worum es im Titel geht, wird im Film absolut deutlich vermittelt und auch einen expliziten Schluss gibt es, mit Voice Over des alternden Scheriffs. Einem Film eine Chance zu geben, muss schon auch heißen, diesen in wachem Zustand zu sehen. Davon abgesehen kann man sicherlich streiten, ob die Coens hier in Höchstform sind, wie ich finde, oder nicht.






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