¡NO!

Zeig mir deinen Stoff, und ich sag dir, wer du bist.

No 01

„Chile, die Freude kommt!“ Ein schlichter Spruch, ein hehres Ziel: Mit einem fröhlichen Blick in die Zukunft und einem Regenbogenlogo warben 1988 Oppositionelle in Chile für das Ende der Militärdiktatur. Im staatlich kontrollierten Fernsehen erhielten sie für ihre Botschaft einen knappen Monat lang 15 Minuten tägliche Sendezeit – vor der für Augusto Pinochet schicksalsträchtigen Volksabstimmung. Der Politthriller ¡No! verfolgt die Wahlkampagne seiner Gegner. Damit hat Pablo Larraín für seinen dritten Historienfilm einen dezidiert zeitgenössischen Zugang gewählt.

Es ist die Geschichte eines Kreislaufs, an dessen Anfang und Ende die Werbung steht. Dazwischen ist ein wenig Raum für Politik, für den Kampf gegen die Diktatur, für Hoffnung. Um diese zu verfolgen, wird Werbemacher René Saavedra (Gael García Bernal) verpflichtet. Er verspricht seinen Kunden immer dasselbe, ob sie Limo, eine Seifenoper oder die Aufklärung der Massen wollen. „Chile guckt in die Zukunft.“ Man glaubt gerne, dass niemand so beratungsresistent ist wie linke, idealistische Politiker, die nichts lieber möchten, als über Ausbeutung und Gräueltaten der Vergangenheit zu berichten. Die singenden und tanzenden Menschen in langen bunten Pullovern, die bei der „No“-Kampagne von der kommenden Freude künden, sprechen eine andere Sprache. Sie könnten auch aus der 80er-Jahre-Softdrink-Werbung stammen.

No 03

¡No! hat viele Tugenden. Über sein Format gehen sie weit hinaus. Aber genau dort beginnen sie. Eine technische Frage? Nein, mehr noch eine ethische: Wie erzähle ich von Bildern der Vergangenheit, wenn sie in den Rahmen von heute nicht mehr passen? Nachstellen, Abschneiden, Rahmen im Rahmen? Wer Fernsehgeschichte erzählen will – und politische noch dazu –, hat gar nicht viele Optionen zur Wahl. Und wer mag schon schwarze Balken. Die radikalste und im Nachhinein irritierend naheliegende Entscheidung hat Pablo Larraín für ¡No! getroffen. Nicht die Originalaufnahmen hat er an heute ausgerichtet, sondern seinen Film am Material von gestern. Das ist so ungewöhnlich wie überzeugend. Und wer ¡No! gesehen hat, wird sich vielleicht fragen: Wie könnte man das überhaupt anders machen? Nahtlos und ununterscheidbar gehen im fertigen Werk Fernsehspots von damals über in die Spielfilmhandlung ihrer Herstellung. Hinter der Kamera sieht es genauso aus wie auf dem Monitor. Das heißt nicht nur 4:3, sondern auch Video-Eigenarten ohne Ende. Wer schon beim Anblick aktueller Super-8-Aufnahmen nostalgisch wird, darf sich freuen, mit etwas Mühe und U-matic-Videokassetten kriegen wir nämlich auch die „Fehler“ der Video-Anfänge heute noch hin. Dreckig sieht das aus, ungenau, mal krass überbelichtet, dann gräulich, immer wieder leuchtende 80er-Jahre-Farben (Gelb, du hast uns gefehlt!), schöne Artefakte wie grelle Farbübergänge bei Gegenlicht. Das klingt heftig, es ist heftig gut.

Jede Differenz zwischen Spielfilm und Dokument zu nivellieren ist deswegen so schlau, weil es das in der retrospektiven Betrachtung kaum auszuschließende Objektivierungsbestreben vermeidet. Keine Ebene des Films ist die wahre, keine ist die falsche, keine die weise – und niemand kennt den richtigen Ausweg. Na ja, es geht um Politik: Jeder Einzelne glaubt, den Ausweg zu kennen. Ein Geschichtsfilm also ohne Besserwisser-Haltung? Fast.

No 04

Dass es spannend ist, hinter die Kulissen dieses historischen Moments zu blicken, ist eine glatte Untertreibung. Das Drehbuch von Pedro Peirano nach einem Theaterstück von Antonio Skármeta hat diesen Umschlagpunkt in Chiles Geschichte zur Selbsterforschung einer politischen Gegenbewegung verdichtet. Die Verneinung als unterlegene Kraft, die Vergangenheit als Last. Das Ziel heiligt, die Macht hat einen Wert. Peirano verschmilzt einen deliberativen Ansatz, nach dem die Diskussion unterschiedlicher Haltungen an sich Zweck ist, mit einer klassischen Erfolgsgeschichte, einer Momentaufnahme und einer ideologiekritischen Mediengeschichte. Im Zentrum steht die innere Zerrissenheit eines Augenblicks, in dem die Zukunft nicht ungewisser sein könnte. Die Wahl wird doch eh gefälscht. Die Chilenen sind viel zu resigniert für einen Wandel. Werbung bewegt. In der Figur von René – einem Amalgam der zwei Verantwortlichen der damaligen Werbekampagne Jose Manuel Salcedo und Enrique Garcia – findet sich die gesamte Komplexität der Erzählung samt End-80er-Nerdtum (der Erwachsene auf dem Skateboard, der junge Vater mit Modelleisenbahn) kondensiert. Sein Blick überführt die konkrete historische Begebenheit in unsere Zeit. René hat eine Agenda, doch die Zweifel wachsen. Wahrheit oder Werbung? Kino!

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Kommentare


Ma

tja, das kann man sicher so deuten. Aber ständig wackelnde und unkontrolliert hin- und hersausende Handkamera ist nicht neu und verursacht z.T. auch Übelkeit, da gibt es sicher raffiniertere Methoden, den Zeitgeist der 80er wiederzugeben.
Der Aufbau über die Werbeschiene passt dafür umso besser in unsere unpolitische Zeit, gibt dem Ganzen aber einen harmlosen und verharmlosenden Anstrich.






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