Nine

Penélope Cruz zieht sich aus. Lasziv, singend. In hell ausgeleuchteten Nahaufnahmen, aus willkürlichen Blickwinkeln, im Stil eines hektischen Musikvideos und ohne jegliches Mysterium.

Nine

Wenn von Nine die Rede ist, dann rücken die Darsteller ins Zentrum: Daniel Day-Lewis, Marion Cotillard, Judi Dench, Nicole Kidman, Kate Hudson, Sophia Loren. Es sei gleich vorneweg gesagt: Sie bilden kein Ensemble, sondern bleiben zu jeder Zeit Solo-Schauwerte in einem Effektkino, das seine Mittel nicht beherrscht. Immer wieder kehrt Regisseur Rob Marshall (Die Geisha, Memoirs of a Geisha, 2005) zu einer großen Musical-Bühne zurück, auf der er seine Stars ins Scheinwerferlicht stellt, sehr freizügig (Cruz) oder auch ganz angezogen (Dench). Da singt und räkelt sich etwa Penélope Cruz, macht sich zum bereitwilligen Objekt der sexuellen Begierde für den Angehimmelten und gleichzeitig für den Zuschauer. Rob Marshall nutzt die Bühne als Paralleluniversum, in dem die Figuren ihrer angeblichen Lust oder ihren Gedanken in Gesangsform freien Lauf lassen. Als Inszenierungsmethode für die Musicalelemente ist der Einsatz der Bühne einigermaßen bieder, vor allem etabliert er aber ein frontales Verhältnis: die Sänger auf der einen Seite, ihre Adressaten auf der anderen.

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Das Gegenüber der Gesangseinlagen ist meist Protagonist Guido Contini (Day-Lewis), seines Zeichens italienischer Meisterregisseur, der träumt, sich erinnert und von Frauen belagert wird, anstatt das Drehbuch zu schreiben, das schon längst fertig sein sollte. Die Bühne bietet den Raum für seine Projektionen, Ängste und Sehnsüchte, und auch er selbst findet sich auf ihr wieder. Doch nie hat diese Konstellation drei Dimensionen, sie bleibt flach, völlig eindeutig und fad. Als ahnte dies Marshall, inszeniert er Nine, als handele es sich um abgefilmtes Theater: Zur scheinbaren Dynamisierung setzt er hektische Schnitte ein, filmt aus allen möglichen Richtungen in unterschiedlichsten Aufnahmegrößen, ohne Sinn und Verstand.

Man muss erstmal auf die Idee kommen, aus Federico Fellinis autobiografisch inspiriertem 8 ½ (1963) ein Musical zu machen. Dieses Musical aber zu verfilmen, grenzt an Absurdität. Und tatsächlich wirkt Nine zu großen Teilen wie eine Parodie seiner selbst. Da sitzt Guido alleine im Dunkeln und spricht zu sich: „Page 1, Page 1, Page 1, Page nothing.“ (Ja, er hat eine Schreibblockade.) Dem Kardinal im Badehaus erklärt er: „I’m not happy.“ Der gibt ihm einen weisen Ratschlag für seinen Glauben: „Try harder.“ Die Mutter erscheint ihm auch: „I’m ashamed of you.“ Diese herausgerissenen Sätze und Szenen, die sehr direkt Fellini in einer Art Reader’s-Digest-Version zitieren, stehen für ein Prinzip: das der Eindeutigkeit, der Erklärung, des Für-Dumm-Verkaufens.

Nine

Doch wie soll man auch – und sei es über den Umweg eines Musicals – Fellinis traumwandlerische Selbstanalyse, voller Nebelschwaden, überbordend mit Einfällen in Inszenierung, Kostüm, Ausstattung, Kamera und nicht zuletzt im Setting, wie soll man einen solchen Film überhaupt adaptieren können? 8 ½ ist der Film übers Filmemachen par excellence, mit einem Drehbuch, das seinen Protagonisten mit der Unmöglichkeit der Zusammenfassung von Leben in Film konfrontiert und den Zuschauer darauf stößt, wie vielfältig die Lesarten ein und derselben Biografie sein können. Die existenzielle Krise des Regisseurs in 8 ½ weicht in Nine einem sich im Selbstmitleid suhlenden Künstler in der Midlifecrisis. Dafür gibt es dann auch ein Rezept à la Gala oder Bunte, das heißt Liebe in der Ehe. Es ist die konservative Botschaft, die in der Logik des Films rückwirkend auch das Räkeln der Cruz rechtfertigt: Sie war die Verführung, der Contini erst lernen muss standzuhalten. In der Fokussierung auf die Frauen ist Marshall immerhin ein wenig auf der Spur des großen Fellini. Für alles andere hat er ihn offenbar nicht verstanden.

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Kommentare


Dr. Andreas Jacke

"Nine"
- das sind "Neun" Frauen. Das ist eine halbe Frau mehr als bei Fellinis 8 1/2 an den "Nine" aber gar nicht herankommen kann, weil er längst zurecht ein Heiligtum der Filmkritik geworden ist. 9 hat mit Fellins Werk auch bis auf das es eigentlich eine Hommage sein soll wenig gemeinsam. Fellins Film war auch kein Musical - und das heisst er gehorchte ganz anderen Gesetzen- einem anderen Stil und Genre.

Was neu ist an "Nine" ist der Schnitt der die Gesangsszenen mit den Dialogszenen durchkreuzen verbindet. Was neu ist an "Nine" ist das ein Mann die Rechnung zahlen muss für seine Männerphantasien. Was neu ist an "Nine" ist - dass er mit Nicole Kidmann so redet wie es viele Zuschauer einmal tun sollten. Was nicht ganz so neu ist ist seine Niedergeschlagenheit und sein Stress. Das habe ich schon einmal schlechter gesehen in "All that Jazz".

Was verdammt gut ist - ist dieser Hauptdarsteller. Und was noch besser ist - ist die Choregraphie der Tanzszenen. Mir hat der Film sehr gut gefallen. Aber das negative Urteil war über ihn schon verhängt, als er sich mit Fellinis Meisterwerk messen wollte. Und dagegen kommt er in der Tat nicht an. Sehenwert- besser als "Chigago" - aber an "Dancer In The Dark" und "Moulin Rouge" reicht er nicht heran.. ganz ehrlich.






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