Night Train – Der letzte Zug in die Nacht

Zwei Mädchen wollen über die Weihnachtsfeiertage nach Italien. Aldo Lado schickt sie in seinem bemerkenswerten Horrorfilm erst durch den sozialen Mikrokosmos eines Zuges und dann in die Hölle.

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Einwanderungsparadies Deutschland: Auf dem Münchner Christkindlmarkt treiben sich Italiener herum, die ihr Glück bei den crucchi suchen. Regisseur Aldo Lado führt uns jeweils ein Beispiel für gelungene und gescheiterte Integration vor. Die Studentin Lisa (Laura D’Angelo) schlendert mit ihrer deutschen Freundin Margaret (Irene Miracle) über den Marienplatz, um Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern zu kaufen. Über die Feiertage wollen die Mädchen in den Nordosten Italiens fahren, in die herrschaftliche Villa von Lisas Familie, in der man sich nicht mit weltlichen Sorgen herumquälen muss. Und obwohl die beiden in erster Linie verhuscht wirken, zeichnen sich schon sexuelle Neugier und eine Bereitschaft zum sanften Regelbruch (von ihrer Gastmama klaut Lisa Zigaretten) ab.

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Auftritt: Der Albtraum aller Schwiegermütter. Zwei italienische Kleinkriminelle (Flavio Bucci und Gianfranco De Grassi) ziehen ebenfalls durch die Münchner Innenstadt; mit offenen Lederjacken, provozierend breitbeinigem Gang, ungewaschenen Haaren und mächtig Druck auf den Eiern. Sie jagen jedem Rock hinterher, pöbeln Passanten an und verdreschen einen Mann im Nikolauskostüm. Sind das nun wilde Jungs oder doch schon waschechte Verbrecher? Das wissen sie wahrscheinlich selbst noch nicht. Doch eines lässt die Parallelmontage schon erahnen: Die Wege dieser sehr unterschiedlichen Auswanderer werden sich noch kreuzen.

Sinnlicher als Bergman und Craven zusammen

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Aldo Lado hat während seiner fast zwanzigjährigen Regiekarriere einen breiten Bogen gespannt, von Giallos wie Malastrana (La corta notte delle bambole di vetro, 1971) bis zur Kinderserie Der Stein des Marco Polo (La pietra di Marco Polo, 1982–83). Night Train – Der letzte Zug in die Nacht (L’ultimo treno della notte, 1975) wirkt zunächst wie ein Film, der nicht viel Beachtung verdient, eine weitere Variation auf Wes Cravens bis heute in Deutschland beschlagnahmten Das letzte Haus links (The Last House on the Left, 1972), der seinerseits ein freies Remake von Ingmar Bergmans Die Jungfrauenquelle (Jungfrukällan, 1960) ist, der wiederum von der mittelalterlichen Ballade Töres dotter i Wänge inspiriert wurde. Doch mit jeder neuen Adaption dieser zeitlosen Rachegeschichte verschiebt sich auch der Fokus ein wenig. Vor seinen sehr viel prominenteren Kollegen muss sich Lado dabei nicht verstecken. Er ist ästhetisch versierter als Craven, moralisch ambivalenter als Bergman und sinnlicher als beide zusammen.

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Bevor sich der Film gegen Ende stilsicher, aber auch etwas schematisch an der Rache des eigentlich friedliebenden Vaters Giulio (Enrico Maria Salerno) an den Peinigern seiner Tochter abarbeitet, widmet sich Lado in der ersten halben Stunde einem transeuropäischen gesellschaftlichen Kaleidoskop. In einem überfüllten Zug – fast der gesamte Film spielt auf Schienen – fängt die Kamera abseits des Plots immer wieder sehr schöne, teils satirisch zugespitzte, dann wieder fast sozialrealistische Beobachtungen ein. Wir treffen auf eifrige Altnazis, einen libidinösen Priesterzirkel oder Gastarbeiterfamilien auf der Heimreise. Und während das Leben in den Abteilen und auf den Gängen tobt, erzählen sich die Mädchen von ihren ersten sexuellen Erfahrungen und pressen ihre Körper gegen die Zugtür, weil sich die Vibration da unten so schön anfühlt. Wenn sie dann auf die beiden schmierigen Rowdys treffen, sind sie gleichermaßen abgestoßen und fasziniert, helfen ihnen, den Fahrkartenkontrolleur zu überlisten, und genießen dabei auch ein bisschen den Nervenkitzel.

Kleine Unsauberkeiten

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Faszinierend an Night Train ist vor allem, wie er mit einer Situation spielt, die sich nicht richtig einordnen lässt. In Das letzte Haus links gibt es beispielsweise eine klare Rollenverteilung: Abgefuckte Hippies zerstören das Glück einer bürgerlichen Familie. Oberflächlich betrachtet scheint Lados Film genauso eindeutig zu sein, allerdings wimmelt er nur so vor kleinen Unsauberkeiten, mit denen das vertraute Erzählmuster unterwandert wird. Das fängt damit an, dass die Jungs am Anfang noch nicht der Inbegriff des Bösen sind, sondern einen gewissen abgründigen Charme besitzen. Der Tonfall ändert sich jedoch nach einem Zwischenstopp in Innsbruck. Wegen eines Bombenalarms müssen die Mädchen umsteigen und landen in einem Zug, der sich dann auch als geeignetes Setting für einen Horrorfilm erweist. Plötzlich ist es dunkel, menschenleer, und während man das gleichmäßige Rattern des Zuges hört, essen die beiden verschüchterten Mädchen bei Kerzenschein ihre Butterbrote. Die klaustrophobische Atmosphäre, die innerhalb des Abteils entsteht, entfaltet nicht nur durch die in ein kaltes Blau getauchten Bilder ihre volle Wirkung, sondern auch durch die Musik von Ennio Morricone, die, wie in seinem bekannten Thema für Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West, 1968), eine eingängige Mundharmonika-Melodie von unheilvollen Akkorden umkreisen lässt.

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Und plötzlich tauchen auch die Jungs wieder auf. Doch was vorhin noch irgendwie prickelnd und charmant war, ist jetzt nur noch unangenehm. Dass die Situation plötzlich in puren Sadismus ausartet – was dem Film in England den ehrenhaften Ruf eines Video Nastys eingebracht hat –, scheinen zunächst nicht einmal die Mörder selbst zu ahnen. Denn Lado bringt das herkömmliche Schema von männlichen Tätern und weiblichen Opfern ins Wanken, indem er eine namenlose, prunkvoll gekleidete Dame (Macha Méril) dazustoßen lässt, die subtil die Fäden in die Hand nimmt und bei der jegliche Hoffnung auf weibliche Solidarität umsonst ist. Dieser Kniff ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich Night Train damit auch ein Stück weit der möglichen konservativen Lesart von Cravens Film widersetzt: Die finstersten Perversionen finden sich eben nicht bei den groben Herumtreibern, sondern hinter der schmucken Fassade des Großbürgertums.

Trailer zu „Night Train – Der letzte Zug in die Nacht“


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