Night Moves

Vieldeutige Tränen auf Jesse Eisenbergs Gesicht. Kelly Reichardt nähert sich dem Genrekino an.

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Der Wanderer im Wald möchte reden, einfach ein bisschen Smalltalk machen mit den jungen Leuten, die so verschlossen in einem Nationalpark sitzen. Aber den zwei Männern und der Frau ist nicht nach reden zumute. Angestrengt blicken sie so lange in ihre Landkarte, bis der gesprächige Mann aufgibt und weiterzieht. Josh (Jesse Eisenberg), Dena (Dakota Fanning) und Harmon (Peter Sarsgaard) sind aus gutem Grund so abweisend, sie befinden sich auf einer geheimen Mission. Ihre Aufgabe ist es, die Umwelt zu schützen, und zwar mit allen Mitteln. Mehrere Aktionen haben sie schon hinter sich, um denen, die respektlos mit der Natur umgehen, einen Denkzettel zu verpassen. Dieses Mal wird aber alles eine Nummer größer: Ein hydroelektrischer Damm soll gesprengt werden. Welches Ausmaß dieser Anschlag annimmt, realisieren die drei Weltverbesserer allerdings erst im Nachhinein.

Ein mitreißender Thriller

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Night Moves, die neueste Regiearbeit der Amerikanerin Kelly Reichardt, erzählt eine ähnliche Geschichte wie vor kurzem Zal Batmanglijs The East (2013). Beide Filme handeln von einer Gruppe, die ihre gar nicht so verkehrten Ideale mit fragwürdigen Mitteln durchsetzt. Dabei könnten die Ansätze beider Werke kaum verschiedener sein. Neben Reichardts künstlerischem Anspruch ist der prägnanteste Unterschied, dass sie in ihrem Film konsequent innerhalb der Gruppe bleibt, sie mit selektiver Transparenz bei der Planung und Durchführung ihres Vorhabens begleitet und nach einem unvorhersehbaren Zwischenfall an Schuldgefühlen zerbrechen lässt. Überraschend ist, dass Night Moves dabei wie ein klassischer Thriller funktioniert. Kelly Reichardt hat schon in ihrem letzten Film Meek’s Cutoff (2010) Genreversatzstücke in ihr Indie-Arthouse-Universum miteinbezogen. Doch während der Western vor allem einen historischen und geografischen Rahmen bot, hinter dessen Grenzen Reichardt ihre minimalistische Handlung mit betonter Uneindeutigkeit erzählte, funktioniert ihr neuer Film auch wie ein Thriller. Lässt man den getragenen Rhythmus und die Vorliebe für unwesentliche Details einmal beiseite, ist Night Moves etwas, was man bei einem Film dieser Regisseurin an wenigsten erwartet hätte: mitreißend.

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Dabei scheut Reichardt nicht den Griff in die Trickkiste des Genrekinos, setzt eine tickende Zeitbombe oder eine Polizeikontrolle kalkuliert ein, um die Spannungsschraube anzudrehen. Die ausführlich inszenierte Durchführung des Anschlags wird dabei zum Herzstück des Films. Wenn sich die entschlossenen Aktivisten zu den sphärisch brummenden Akkordwechseln von Jeff Grace ihren Weg durch einen scheinbar endlosen Nationalpark bahnen, als befänden sie sich in einem schlafwandlerischen Abenteuerfilm, ist das von fesselnder Intensität. Die Landschaft Oregons hat Reichardt in ihren Filmen schon mehrmals als nicht zu unterschätzendes narratives Element eingesetzt. Sie ist nicht bloß ein Spiegel der Seele ihrer Figuren, sondern eine Welt, die ein Eigenleben führt und sich auch von Kamera und Regie nicht bezwingen lässt. Das ist in Night Moves nicht anders. In den zugleich nüchternen und beeindruckend schönen Bildern von Christopher Blauvelt werden die vom Indian Summer in Brau- und Gelbtöne getauchten Wälder zur Keimzelle eines zerstörerischen Verfolgungswahns.

Alternative Lebensstile

Reichardt hat sich in ihren Filmen schon immer für Außenseiter interessiert, für Menschen, die sich einen Platz außerhalb der „normalen“ Gesellschaft geschaffen haben, so wie die Aussteigerin in Wendy and Lucy (2008). Man merkt, dass sich die Regisseurin einer Szene nahe fühlt, die sich vielleicht am besten mit dem Überbegriff des Neo-Hippietums beschreiben lässt. Trotzdem bleibt der Blick auf ihre Figuren in Night Moves stets sachlich. Es gibt hier ohnehin nicht den alternativen Lebensstil, sondern sowohl Menschen, die in einer landwirtschaftlichen Gemeinschaft friedlich ihre soziale Utopie leben, als auch jene, die beim Kampf für ihre Ideale über Leichen gehen. Für die politischen Beweggründe interessiert sich der Film jedoch kaum. Sie werden lediglich angerissen, so wie auch die amouröse Zuneigung von Josh und Harmon für ihre Mitstreiterin unter der Oberfläche brodelt, ohne je zum Eifersuchtsdrama auszuarten.

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Ganz gelingt Reichardt die Balance zwischen Abstraktem und Konkretem allerdings nicht. Bei dem offensichtlichen Genrebezug des Films ist es nur konsequent, dass sich die Regisseurin diesmal einer konventionelleren Erzählweise annimmt. Night Moves hält sich in seiner zweiten Hälfte mitunter aber zu sehr auf stark befahrenen Wegen auf. Der großzügige Deutungsspielraum, der Reichardts Filme sonst auszeichnet, bleibt damit weitgehend auf der Strecke. Schöner, weil unbestimmter ist es dagegen, wenn sich die zunehmende Paranoia des introvertierten Joshs nicht in seinen Handlungen entlädt, sondern wir als Zuschauer versuchen müssen, in den vieldeutigen Tränen auf Jesse Eisenbergs Gesicht zu lesen.

Trailer zu „Night Moves“


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