Nicotina

In einer Nacht in Mexiko City lösen Gangster eine Kettenreaktion von Gier und Gewalt aus. Mit schwarzem Humor und viel Blut erzählt, versucht der Filmhit aus Mexiko, Pulp Fiction & Co. auf die südamerikanische Leinwand zu übertragen.

Nicotina

Der Flügelschlag eines Schmetterlings reicht aus, um einen Tornado am anderen Ende der Welt zu verursachen – so behaupten die Anhänger der Chaos-Theorie, die mit dem „Butterfly-Effekt“ verbildlichen wollen, dass beliebig kleine Veränderungen der Ausgangsbedingungen zu unberechenbaren Endergebnissen führen. Dieser „Butterfly-Effekt“ spiegelt sich in der Philosophie, wie in der Erzählstruktur der mexikanischen Gangster-Komödie Nicotina wieder, die im vergangenen Jahr zu einem Überraschungserfolg in ihrem Entstehungsland wurde.

Doch ist es kein Schmetterling, der eine Nachbarschaft von Mexiko City in eine Folge von „tornadoartigen“ Ereignissen stürzt, sondern eine Spinne. Diese ist der Auslöser einer Kettenreaktion, in deren Verlauf eine CD mit entschlüsseltem Schweizer Bank Code versehentlich vertauscht wird, die der Computer-Hacker Lolo (Diego Luna) zusammen mit den beiden Amateurganoven Nene (Lucas Crespi) und Tomson (Jesús Ochoa) an russische Gangster aushändigen soll. Als der Deal daraufhin platzt, kommt es zu einer Verfolgung zwischen den Kriminellen, die immer absurdere, blutigere und letztlich tödliche Ausmaße annimmt.

Nicotina

Der in Argentinien geborene Regisseur Hugo Rodríguez entwickelt in dieser mexikanischen Produktion mehrere separate Erzählstränge, die er durch das Zusammentreffen der jeweiligen Figuren untereinander verbindet und in Beziehung setzt. In einer einzigen Nacht und in Realzeit spielend, um die unmittelbaren Konsequenzen der Ereignisse für den Zuschauer nachvollziehbar zu machen, kreuzen sich in Nicotina die Wege der Kriminellen mit denen von zunächst unschuldigen Kleinbürgern. Doch der Domino-Effekt, den Lolo anfangs auslöst, lässt niemanden lange seine Unschuld bewahren. Fast scheint es als übertrage sich die Schuld der Gangster auf die unmittelbare Nachbarschaft und infiziere sie mit unmoralischen Gedanken und Gefühlen. Nene, der sexy Outlaw, versteckt sich in einer Apotheke und löst in der Besitzerin (Carmen Madrid) Lust und Leidenschaft, aber auch ein Bewusstsein für die Spießigkeit der eigenen Ehe aus. Einer der russischen Gangster (Norman Sotolongo) flieht in einen Friseursalon und lässt die Frau des Inhabers (Rosa Maria Bianchi) zu einer Lady Macbeth werden, die über Leichen geht. Letztlich kulminiert Nicotinas Kettenreaktion, die ihren Ausgang in dem Auftauchen einer kleinen Spinne nahm, in einem Chaos aus Gier und Gewalt.

Was sich von der Grundidee her zunächst interessant anlässt, entpuppt sich in der weiteren Ausarbeitung als eher enttäuschend. Nicht nur der Arbeitstitel des Films Cigarros, desamores, y 20 diamantes klingt wie eine mäßige Kopie von Guy Ritchies Bube, Dame, König, Gras (Lock, Stock and Two Smoking Barrels, 1998), auch der inszenatorische „cool“-ironische Stil und der rasante Schnittrhythmus, kombiniert mit hipper Musik, erinnern an den Erfolgsfilm des Engländers - ohne an dessen ästhetische Qualitäten anknüpfen zu können. Bedenkt man, dass Ritchies Werk schon selbst im Kielwasser der filmischen Bewegung des postmodernen 90er-Jahre-Gangsterfilms mitschwamm, die Quentin Tarantino mit Reservoir Dogs (1992) und Pulp Fiction (1994) ins Leben rief, so erscheint Nicotina nur noch wie die Kopie einer Kopie. Nach mittlerweile über einer Dekade wirkt das Nachbeten des Tarantino-Stils leidlich überholt. Es ist ein Anachronismus.

Nicotina

An einer Stelle des Films zeigt sich besonders deutlich, dass die Fußstapfen, in die Rodríguez treten will, zu groß für ihn sind. So wie einst Pulp Fiction zwei Killer während ihrer Autofahrt zu einem Auftragsort über Fast Food nachsinnen ließ, lässt Nicotina seine beiden Gangster Nene und Tomson auf ihrem Weg zu einem Deal über ein wiederkehrendes, doch im Verlauf des Films schwach eingebundenes Motiv philosophieren: das Rauchen. Dies eine Hommage zu nennen, wäre zu hoch gegriffen – es ist ein schlechtes Plagiat. Wo das Original einen dynamischen, lebensnah wirkenden Dialog zwischen facettenreichen und daher interessanten Figuren kreierte, ergehen sich die Figuren der Kopie an nicht enden wollenden Wortergüssen, die ebenso konstruiert wirken wie sie selbst. Auch andere Figuren Nicotinas, wie der sexuell gehemmte Computerhacker oder die russischen Gangster, verkommen allzu oft zu Stereotypen, die blass und dem Zuschauer fremd bleiben. Der Ursprung hierfür ist in der eklektizistischen Arbeitsweise von Rodríguez und seinem Drehbuchautor Martín Salinas zu suchen: mangels eigenschöpferischer Leistung übernehmen sie sowohl narrativ, wie stilistisch Formen und Ideen anderer Filmemacher. Doch wo Individualität und Originalität fehlen, bleibt oft auch die Seele eines Films auf der Strecke.

Als Folge einer Hülsenhaftigkeit der Figuren haben die Darsteller nur selten Gelegenheit, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Insbesondere Diego Luna, der in …mit deiner Mutter auch! (Y Tu Mamá También, 2001) zu überzeugen wusste, enttäuscht mit einer faden Interpretation. So bleibt das Schauspiel medioker, zwar ohne Tiefen, aber auch ohne wirkliche Höhen. Für einen Ensemblefilm wie Nicotina, in dem der Darstellung zentrale Bedeutung zukommen sollte, wiegt dies umso schwerer.

Als hätte Rodríguez die fehlende Vitalität seines Films beim Schnitt bemerkt, scheint es, als wolle er diese durch eine Bearbeitung in der Postproduktion wieder wettmachen. Es ist an sich nichts zu sagen gegen Split Screens, Flashbacks, Jumpcuts, Zeitrafferbilder oder Spin-Blenden, die die Bilder bei Szenenübergängen um die eigene Achse drehen lassen, doch in Nicotina werden sie willkürlich und inkonsequent eingesetzt, denn sie verbinden sich letzten Endes nicht zu einer stringenten Struktur. Sie bleiben filmtechnische Gimmicks, die Rodríguez lediglich einzusetzen scheint, um ebenso „hip“ zu wirken wie seine filmischen Vorbilder. Doch ironischerweise verkehrt sich dies ins Gegenteil: Nicotina ist letztlich der viele Jahre zu spät kommende, misslungene Versuch, den inflationären Tarantino-Stil für das südamerikanische Kino zu adaptieren. Auch diese Nachwirkung könnte man als einen „Butterfly-Effekt“ beschreiben.

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