Nichts zu verzollen

Dany Boon liefert eine vergnügliche Komödie über Vorurteile und Toleranz ab, die jedoch allzu sehr an seinen Erfolgsfilm Willkommen bei den Sch’tis erinnert und sich mit ernsten Untertönen selbst überfordert.

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EU hin oder her: Der französische Staat beschloss im Jahre 2011, seine Landesgrenzen wieder zu kontrollieren, ganz wie vor 1993, als die Europäische Union noch keinen gemeinsamen Binnenmarkt darstellte und das Schengener Abkommen noch nicht in Kraft getreten war. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Dany Boons Komödie Nichts zu verzollen (Rien à déclarer), die die Auflösung der Zollkontrollen an der französisch-belgischen Grenze zum Ende des Jahres 1992 beleuchtet, gerade zu einer Zeit in die deutschen Kinos kommt, in der sich die dargestellte Epoche zumindest in Hinblick auf die Grenzüberwachung nicht maßgeblich von der Gegenwart unterscheidet. Nun gut, dass sich der lokale Zollchef vehement gegen den Siegeszug des Computers wehrt und lieber weiter mit Schreibmaschine und Kohlepapier arbeiten will, mag die beiden Zeitphasen unterscheiden. Ebenso die Tatsache, dass er seinem Untergebenen, dem Zollbeamten Mathias (Dany Boon), stolz ein klobiges Telefon überreicht, ihn jedoch wegen der horrenden Kosten davor warnt, das Handy jemals zu benutzen.

Mathias ist Franzose und mit Louise (Julie Bernard) aus der belgischen Nachbargemeinde liiert, was aber niemand wissen darf – vor allem nicht Louises rassistischer Bruder Ruben (Benoît Poelvoorde), der ebenfalls beim Zoll arbeitet, nur eben beim belgischen. Während Zöllner und die Betreiber der Grenzkneipe „No Man’s Land“ (eine Anspielung auf Danis Tanovics gleichnamige Grenz-Satire aus dem Jahr 2001) primär um ihre Jobs fürchten, plagen Ruben eher Sorgen um Belgien, sein stolzes Vaterland. „Das schönste Land der Welt“ muss mit allen Mitteln gegen die „Camemberts“ von nebenan verteidigt werden. Ruben bittet daher nicht nur Gott um die Rücknahme der EU-Integration, sondern nimmt die Dinge auch selbst in die Hand und versetzt nachts Grenzschilder, um das belgische Territorium zu vergrößern.

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Mathias hingegen freut sich auf die Öffnung der Grenze, weil er hofft, dann endlich offen zu seiner Geliebten stehen zu dürfen, auch wenn diese von drüben, von den „Fritten“, kommt. Die Grenze verhindert das Liebesglück der beiden, schon deshalb – und wegen des zu erwartenden Anstiegs des Drogenschmuggels nach Auflösung der Zollposten – erklärt er sich zur Mitarbeit in einer länderübergreifenden Kontrolleinheit bereit. Auf belgischer Seite wird ausgerechnet Ruben zum Dienst mit dem „Feind“ verdonnert, sodass sich die beiden gegensätzlichen Männer gemeinsam in eine alte Klapperkiste von einem Renault setzen müssen, um mobile Kontrollen durchzuführen. Dass der politisch reaktionäre Ruben dabei ebenso erstaunliche Verwandlungen durchläuft wie das zum Rennwagen mutierende Auto, sorgt für einen steinigen Weg mit vielen Lachern und kuriosen Wendungen.

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Der auch als Hauptdarsteller fungierende Regisseur Dany Boon greift in Nichts zu verzollen fast vollständig auf sein Erfolgsrezept aus dem Kassenschlager Willkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tis, 2008) zurück, statt seinen Stil weiterzuentwickeln. Wieder spielt die Handlung in Nordfrankreich, wieder geht es um regionale Kulturunterschiede und Dialekte, nur dass diesmal nicht zwei Postboten, sondern zwei Zollbeamte im Mittelpunkt stehen. Das Drehbuch ist temporeich und amüsant, kann in vielen Einzelheiten jedoch nur schwerlich übersetzt werden. Um die sprachlichen Divergenzen zu verdeutlichen, greift die Synchronisation bei den Belgiern auf Pfälzisch zurück, während die Franzosen Hochdeutsch sprechen und andere Figuren durch bayrisch oder türkisch eingefärbtes Deutsch auffallen. Erstaunlich, wenn nicht sogar unvereinbar mit der Message des Films ist, dass der französische Regisseur die Belgier deutlich negativer zeichnet als die Franzosen. Die Großzahl der Witze geht auf Kosten der belgischen Seite, die aufgrund der politischen und kulturellen Bedeutung ihres großen Nachbarlandes ohnehin schon provinzielle Minderwertigkeitskomplexe zu haben scheint, zumal in großen Teilen Belgiens Französisch gesprochen wird und auch die frühere Landeswährung, der belgische Franc, sich merklich am französischen Pendant orientierte.

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Nichts zu verzollen ist dort am stärksten, wo sich Boon auf Wortwitz und Klamauk konzentriert und darin vom reduzierten, aber sehr eingängigen Soundtrack Philippe Rombis unterstützt wird. Wenn der Film hingegen vorgibt, einen aufklärerischen Anspruch zu haben, entwickelt sich das Ganze rasch zu einer politisch korrekten, aber allzu plumpen Vereinfachung. So wird die nationalistische Intoleranz älterer Generationen durch vorurteilsfreie Kinder unterminiert, die den Zuschauer belehren, dass wir doch alle Teil ein und derselben Menschheit und Bewohner eines gemeinsamen Planeten seien. In Verbindung mit dem Herzschmerz-Drama um das binationale Liebespaar rennt der Film hier die offenen Türen des Anti-Rassismus und der Pro-EU-Haltung ein. Die Tatsache, dass es – gerade in Belgien – auch innerhalb einzelner Staaten massive ethnische und sprachliche Trenngräben gibt, wird dabei gänzlich ignoriert. Eine profunde Reflexion des menschlichen Abgrenzungsbedürfnisses oder des schmalen Grats zwischen Patriotismus, Nationalismus und Xenophobie kann und soll ein Film nicht leisten, der letztlich nichts Höheres anstrebt als ein leichtes Vergnügen zu sein. Dieses Hauptziel erreicht Nichts zu verzollen zwar zu jeder Zeit, allerdings ohne sich dabei jemals von Boons Vorgängerfilm lösen zu können.

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