Nichts geht mehr

Sein Regiedebüt gibt Florian Mischa Böder mit einer leichten Komödie über zwei Brüder, die nach einem scheinbar harmlosen Sabotageakt plötzlich landesweit als Terroristen gesucht werden.

Nichts geht mehr

In Bochum ist der frühmorgendliche Verkehr zum Erliegen gekommen. Verursacht wurde dieses Chaos, weil Unbekannte sämtliche Ampeln in der Stadt geschwärzt haben. Auf der Straße stehen mit Kreide geschrieben die Worte „Nichts geht mehr“, unterzeichnet mit dem Kürzel des vermeintlichen Geheimbundes AKP. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um die Initialen der Brüder Konstantin (Jörg Pohl) und August (Jean Luc Bubert), die sich mit dieser Aktion nur einen Spaß erlauben wollten.

Junge Menschen, die ihre Freizeit mit anarchistischen Angriffen auf das System verbringen, kennt man aus Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei (2004). Doch während die Einbrüche und Verwüstungen von Weingartners Helden von einer pseudopolitischen Ideologie motiviert sind, macht Florian Mischa Böder in seinem Spielfilm Nichts geht mehr keinen Hehl daraus, dass es seinen Figuren nur um den Nervenkitzel geht. Um Mädchen zu beeindrucken, bekräftigen Konstantin und August diese zwar schon einmal in ihren ambitionierten Interpretationen der sinnfreien Handlungen, ansonsten herrscht aber kein Zweifel daran, dass die Aktionen der Studenten aus gutem Elternhaus vielmehr Ausdruck eines hedonistischen Lebensgefühls sind.

Nichts geht mehr

Nun wird aus Spaß noch am selben Tag aber bitterer Ernst: In den Medien erfahren Konstantin und August, dass sie als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung gesucht werden, worauf sie beschließen, in Hannover unterzutauchen. Als vorübergehendes Exil wählen sie die leer stehende Wohnung der Eltern von Konstantins Freundin Marit (Nadja Bobbyleva), wo sie den Reiz des Verbotenen genießen, sich Decknamen geben und mit einer linken Studentengruppe anfreunden. Doch eines Tages steht die Polizei vor ihrer Tür.

Nichts geht mehr ist in einem Milieu des Wohlstands angesiedelt, in dem sich die Figuren aus Langeweile und Mangel an relevanten Problemen eben selbst welche schaffen müssen. Es dauert nicht lange, da finden die Spaßterroristen auch schon Nachahmer, die etwa vor laufender Kamera Gartenzwerge in die Luft sprengen. Indem sich der Protest hier nicht aus einer Notwendigkeit heraus entwickelt, sondern aus jugendlichem Übermut, läuft er ins Leere. Die Sinnlosigkeit dieser Aktionen sind für Böder aber kein Grund, die Figuren zu verurteilen.

Nichts geht mehr

An einer Reflexion über mangelndes politisches Bewusstsein oder der Ursache eines solchen Zeitvertreibs ist Böder allerdings ohnehin nicht interessiert. Vielmehr bilden die Aktionen den Rahmen einer Geschichte, die eigentlich nicht genau weiß, wo sie hin will. Bis der Film endlich bei seinem Thema angekommen ist, der Beziehung zweier sich zunehmend entfremdender Brüder, vergeht viel Zeit. Zwar werden gleich zu Beginn die frappierenden Unterschiede zwischen dem aufbrausenden August und dem ängstlichen Konstantin durch ihren Sprung vom 10-Meter-Brett veranschaulicht und etabliert, danach widmet sich Böder aber erst einmal ausgiebig der Flucht und dem Leben in Hannover. Der Konflikt zwischen den beiden Protagonisten wird immer wieder durch kleine Meinungsverschiedenheiten angeschnitten, wirklich vertieft oder weiter entwickelt wird er aber nicht. Stattdessen konzentriert sich der Film auf das unbeschwerte Party-Leben der beiden.

Selbst die Bedrohung durch die herannahende Polizei wird kaum vermittelt, weil sich Konstantin und August in ihrer Rolle als Outlaws viel zu gut gefallen. Egal ob es sich um die Aktionen handelt, die Eifersüchteleien innerhalb der WG oder die biedere Romanze zwischen Konstantin und Marit, Nichts geht mehr gelingt es weder, aus der Handlung mehr als eine Ansammlung oberflächlicher Betrachtungen zu machen, noch seine Figuren halbwegs interessant oder sympathisch zu gestalten. Der Film bleibt letztlich so inhaltsleer und bedeutungslos wie die Aktionen der AKP.

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