Nichts als Gespenster
Die Reisenden und Liebenden in Martin Gypkens’ erstrangig besetztem Episodendrama suchen in der Fremde und im Anderen, was ihnen fehlt. Durch ihr eigenes Leben geistern sie wie Gespenster.
„Bist du die, für die ich dich halte?“ Ein Satz, der alles Mögliche bedeuten kann. Caro (Karina Plachetka) veranlasst er dazu, etwas mit dem Fragenden (Stipe Erceg) anzufangen, obwohl er der neue Freund ihrer besten Freundin (Chiara Schoras) ist, und sie versprochen hat, es nicht zu tun.
Dass man als Zuschauer zusammen mit den Figuren Sätze, Gesten und Blicke verschiedenartig interpretieren und anfängliche Vermutungen im Verlauf wieder revidieren kann, macht Nichts als Gespenster zu einem involvierenden und unvorhersehbaren Erlebnis. Mehr noch als Judith Hermann in ihrem gleichnamigen Erzählband, aus dem vier der fünf Episoden stammen, hält Martin Gypkens (Wir, 2003) in seiner Adaption die Plot-Entwicklungen konsequent in der Schwebe, über den Schluss hinaus. Und er wertet sie nicht. Ob man die Verräterin ihrer Freundin, die gleichzeitig noch viel mehr als das ist, versteht oder nicht, sie verurteilt oder nicht, überlässt der Autor und Regisseur seinem Publikum.
Parallel zu dieser Dreiecksgeschichte, die in einem schwarz-grau getönten Deutschland spielt, lenkt auf einem orangefarbenen Jamaika eine Touristin (Brigitte Hobmeier) ihren Wunsch nach emotionaler Erschütterung auf eine eventuelle Affäre mit einem Einheimischen und fiebert aus dem selben Grund einem nahenden Hurrikan entgegen. In Venedig besucht eine einsame Dreißigjährige (Fritzi Haberlandt) ihre reisenden Eltern. Die Mutter kaschiert die wechselseitige Sprachlosigkeit mit permanentem Plappern, während ein Fremder die Tochter durch enge Gassen verfolgt.
Mit Kommunikationsstörungen hat auch ein Paar (Maria Simon und August Diehl) zu kämpfen, das mit dem Auto von der Ost- zur Westküste der USA und wieder zurück fahren will und dabei feststellt, dass seine unterschiedlichen Ansprüche an den lang erarbeiteten Urlaub und die gemeinsame Beziehung mindestens so weit auseinander liegen. Um Distanz zum jeweiligen heimatlichen Liebeskummer zu gewinnen, flüchten beste Freunde (Ina Weisse und Wotan Wilke Möring) ins kaltblaue Island. Nur um hier mit nicht weniger komplizierten Sehn- und Eifersüchten konfrontiert zu werden.
Die Übergänge zwischen den farblich und räumlich kontrastreichen Handlungssträngen gestaltet Gypkens mit Hilfe von Match Cuts, indem er von einem liegenden Körper in einem amerikanischen Motelbett zu einem anderen auf einer deutschen Theaterbühne schneidet; von einem Paar, das aus dem Bild läuft, zu einem weiteren, das in das folgende hinein tritt; von einer Ziege, der auf Jamaika die Kehle durchgeschnitten wird, zum ausgelassenen Rouladenrollen auf Island.
Über solche Motivverknüpfungen hinaus schlagen vor allem die Protagonisten eine Brücke zwischen den fünf Geschichten. Ihre Wege kreuzen sich nie außerhalb der einzelnen Erzählungen, sie sind aber alle durch ihre Gefühlsdefizite und das Bedürfnis nach Veränderung miteinander verbunden. Konfrontationen mit unbekannten Ländern und Menschen lassen die sonst friedlos auf der Stelle verharrenden „Gespenster“ eine innere Leere wahrnehmen, die sie mit Reisen und Lieben überspielen oder überwinden wollen. Sie projizieren ihre Erwartungen und Hoffnungen auf eine fremde Umgebung oder Person, die aber wiederum in einem anderen Rhythmus tickt oder abweichende Vorstellungen verfolgt.
Ebenfalls in Episodenform beschäftigt sich eine weitere aktuelle Produktion, Hotel Very Welcome (2007), mit dem Phänomen des Touristen, der sich in der Ferne um Selbstfindung bemüht oder vor häuslichen Problemen ins Ausland flüchtet. Allerdings sind manche Charaktere in Sonja Heiss’ oftmals parodierender Umsetzung so überzeichnet angelegt, dass man sich in einigen Szenen zwar herrlich über sie amüsieren kann, in ihrer Blauäugigkeit wiederfinden möchte man sich aber lieber nicht.
Martin Gypkens milderer und melancholischer Blick auf das globale Emotionswirrwarr seiner Figuren bietet dagegen mehr Identifikationsfläche. Die Thirtysomethings in seinem zweiten Kinospielfilm sind ähnlich in ihre Ängste verstrickt und auf Außenreize angewiesen wie die Twentysomethings in seinem Debüt Wir, in ihren nachvollziehbaren Unfähig- und Fehlbarkeiten aber durch die Bank komplex. Zudem werden sie in Nichts als Gespenster von einem hochkarätigen Darsteller-Ensemble so facettenreich verkörpert, dass sich die Inszenierung in den meisten Einstellungen nur darauf konzentriert, nuancierte Regungen und viel sagende Blicke der Schauspieler einzufangen. Von ihnen bleiben besonders Fritzi Haberlandt als angespannte Einsame und Karina Plachetka als moralisch gespaltene Freundin im Gedächtnis haften.
Wiederholt rückt die Kamera in entscheidenden Momenten sehr nah an die Gesichter heran. Geht dann wieder ein paar Zentimeter auf Abstand, um kurz darauf eine erneute Spurensuche zu starten und darin vielleicht ein winziges Deutungsindiz für einen inneren Aufbruch zu finden. Als Zuschauer schließt man sich dieser Entdeckungstour gebannt an.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 07.12.2007
Kommentare zu Nichts als Gespenster
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Nichts als Gespenster. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Nichts als Gespenster
Deutschland 2006
Laufzeit: 119 Minuten
Regie: Martin Gypkens
Drehbuch: Martin Gypkens
Produktion: Andreas Eicher, Rolf H. Hammerstein, Michael Heiks
Darsteller: Maria Simon, August Diehl, Brigitte Hobmeier, Jessica Schwarz, Janek Rieke, Sólveig Arnarsdóttir, Wotan Wilke Möhring, Ina Weisse, Karina Plachetka, Chiara Schoras, Stipe Erceg, Fritzi Haberlandt
Kinostart: 29.11.2007
DVD-Angaben
Titel: Nichts als Gespenster
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Audiokommentar, Interviews, B-Roll, Making Of, Feature „Roter Teppich“
Verleih ab: 07.05.2008
Verkauf ab: 02.06.2008
Copyright Nichts als Gespenster
Fotos: © Senator
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Glaube, Liebe, Tod
R: Peter Kern
Shadow Dancer
R: James Marsh
Marina Abramović: The Artist is Present
R: Matthew Akers
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR


















