Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

„Verachtet die Luxusnutten!“. Rosa von Praunheims kontroverses Manifest erscheint zum ersten Mal auf DVD.

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Minderheiten besitzen schon durch ihre bloße Existenz ein gewisses subversives Potenzial. Jemand, der anders aussieht oder sich anders verhält, greift automatisch die herrschende Norm an. Allerdings bezieht sich die soziale Benachteiligung einer Person meist auf nur einen Aspekt – die Hautfarbe, das Geschlecht, eine Behinderung etc. –  unter vielen. Nur weil jemand also schwul ist, muss er noch lange kein unangepasstes Leben führen. Das wusste Rosa von Praunheim schon 1971, als er mit seinem falschen Dokumentarfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt sowohl dem homo-, als auch dem heterosexuellen Fernsehpublikum ans Bein pinkelte. In solch einer konservativen Zeit, in der schwuler Sex gerade erst straffrei wurde, wäre es naheliegend gewesen, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren. Interessant ist von Praunheims jetzt zum ersten Mal auf DVD erhältlicher Film vor allem, weil er die ablehnende Haltung der Gesellschaft zwar nicht unter den Tisch kehrt, die Schuld für die Unterdrückung aber überwiegend in den eigenen Reihen sucht. Befreien müssen sich die Schwulen schon selbst.

„Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“

Zimperlich war von Praunheim nie, wenn es darum ging, der Emanzipation zu dienen. Wer sich für einen allzu bequemen Weg entschied, bekam das auch zu spüren. Ob nun Prominente wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek, die der Regisseur im Fernsehen outete oder eben jene Schwule, die sich damals nicht einer politischen Bewegung nach dem Motto „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“ anschließen wollten. Tatsächlich hat die Ausstrahlung des Films – die der Bayerische Rundfunk damals übrigens boykottierte – zu einer Politisierung der deutschen Schwulenbewegung geführt.

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Dabei ist man sich am Anfang von Nicht der Homosexuelle ist pervers gar nicht sicher, wie das alles eigentlich gemeint ist. Die Darsteller spielen recht ungelenk, Ton und Bild sind selten sychron und eine onkelhafte Erzählerstimme deklamiert im gespreizt pädagogischen Tonfall, dass die Schwulen „als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden“ so unpolitisch und konservativ seien. Das wirkt wie eine Parodie auf die Welle an Aufklärungsfilmen, die in den 1960er Jahren über die Bundesrepublik hereinbrach – gerade auch im Hinblick auf von Praunheims im selben Jahr entstandene Kleinbürger-Satire Die Bettwurst (1971). Als wolle der Regisseur einem Film wie Franz Marischkas Empathie heuchelndem Abarten der körperlichen Liebe (1971) etwas entgegensetzen. Und fundierter ist sein Film zweifellos. Das Drehbuch schrieb der Regisseur gemeinsam mit dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, der gerade für sein Buch Der gewöhnliche Homosexuelle forschte. Von der vermeintlichen Parodie entwickelt sich Nicht der Homosexuelle ist pervers an messerscharfen Beobachtungen entlang schließlich zu einem wütenden Manifest.

Auf der Suche nach dem nächsten Fick

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Strukturiert ist der Film durch ein Fallbeispiel: Der junge Daniel (Bernd Feuerhelm) kommt von der Provinz nach Berlin und gerät dort in die verschiedenen Sackgassen des schwulen Lebens. Zunächst versucht er es mit einer monogamen Paarbeziehung, dann als Gespiele eines kultivierten älteren Herren und anschließend gibt er sich der ewigen Suche nach schicken Klamotten und dem nächsten unpersönlichen Fick hin. Dass es bis auf eine kurze Szene in einer Bar voller verlorener Seelen keinen Originalton gibt, lässt den Film wie einen einzigen Verfremdungseffekt erscheinen. Auf der Tonspur herrscht ein ziemliches Stimmen-Tohuwabohu. Die Erzählerstimme wechselt sich mit einem moralisierenden Kommentar ab und eingesprochenen Dialogen mit Statements aus dem Volk („Vergasen, kastrieren, in die Fresse schlagen kann man denen nur.“). Als Zuschauer kommt man von Praunheim nicht aus. Immer wieder rüttelt er einen mit kleinen Brüchen und Irritationen wach.  Nachdem man die erste Hälfte etwa durchgehend mit Worten bombardiert wurde, folgt plötzlich eine längere stumme Sequenz, die sich ganz auf die mechanischen Cruising-Rituale einiger Lederkerle konzentriert.

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Bisweilen ist der Film ein typisches Produkt seiner Entstehungszeit, und das nicht nur im Guten. Neben dem bewundernswerten Mut, der für das Projekt notwendig war, ist Nicht der Homosexuelle ist pervers mitunter auch unangenehm dogmatisch. Ein anklagender, vergnügungsfeindlicher Tonfall, wie man ihn von der damaligen Studentenbewegung kennt, durchzieht den Film. Die Schwulen, die sich binden wollen, machen es falsch, und die, die nur Sex suchen, auch. Nix da mit diversity. Hier gibt es nur einen richtigen Weg. Mode ist da natürlich nur oberflächlich und kapitalistisch, und wer sich für sie interessiert eine „Luxusnutte“. Dass Kleidung dabei auch ein Mittel zur Abgrenzung und Identitätsbildung sein kann, interessiert von Praunheim nicht. Da wirken die revolutionären Absichten plötzlich reichlich konservativ.

Lernen von den Schwulen

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Man sollte den Film vielleicht auch nicht so wörtlich nehmen. Von Praunheim hat eine Polemik gedreht, keine differenzierte Betrachung – was letztlich wohl auch weniger extreme Reaktionen hervorgerufen hätte. Einen derart kritischen Umgang mit den eigenen Leuten findet man im aktuellen eher von Selbstbeweihräucherung geprägten queeren Kino nicht. Und auch wenn man den Film im Kontext seiner Zeit sehen muss, ist er nicht nur als historisches Dokument interessant. Die gesellschaftliche Lage von Schwulen hat sich zwar deutlich verbessert, die Probleme und Illusionen, geade auch innerhalb der eigenen Community, sind aber dieselben geblieben: die Anbiederung an die heterosexuelle Mehrheit etwa, die Ausgrenzung von Älteren oder der Schönheitswahn. Gerade in Zeiten gesetzlicher Gleichstellung dürften dem ein oder anderen auch von Praunheims abschätzige Kommentare über Schwule, die die Ehe zwischen Mann und Frau imitieren, sauer aufstoßen. Dabei kann man von dem Film auch heute noch lernen – sogar als Hete. Im Schlussplädoyer, das Daniel von einer Gruppe nackter Männer vorgetragen bekommt, heißt es ganz pragmatisch: „Die ewige Liebe ist scheiße. Man sollte so lange mit jemandem zusammenbleiben, wie es Spaß macht.“

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