Niceland
Was ist der Sinn des Lebens? Nicht weniger als eine Antwort auf diese Frage aller Fragen sucht der junge Jed in Fridik Thor Fridrikssons märchenhafter Tragikomödie.

Beim Gedanken an Island fallen einem gewöhnlich Geysire, Kälte und Björk ein. Gerade bei popkulturellen Themen beschränkt sich die Wahrnehmung oftmals auf die exzentrische Sängerin. Vermehrt machen jedoch junge Filmemacher wie Dagur Kári mit seiner Coming-of-Age-Geschichte Nói Albínói (2003) und Baltasar Kormákur mit dem lakonischen 101 Reykjavík (2000) sowie dem Familiendrama Die Kalte See (Hafid, 2002) auf sich und die isländische Filmlandschaft aufmerksam. Dabei müssen sich die genannten Produktionen keinesfalls vor Filmen aus anderen europäischen Ländern verstecken, wie auch die positiven Resonanzen auf Festivals beweisen. Fridik Thor Fridriksson ist verglichen mit Kári und Kormákur sogar fast schon ein Oldie. 1991 wurde sein zweiter Spielfilm Children of Nature (Börn náttúrunnar) als isländischer Beitrag in der Kategorie „Best Foreign Language Film“ für den Oscar nominiert. Vor zwei Jahren drehte er dann mit einer internationalen Besetzung die Tragikomödie Niceland, die jetzt mit etwas Verspätung auch zu uns ins Kino kommt.
Darin erzählt Fridriksson von der Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Protagonist seines Films heißt Jed (Martin Compston), ist Anfang 20 und unsterblich in ein Mädchen namens Chloe (Gudrun Bjarnadottir) verliebt. Kennen gelernt haben sich beide auf der Arbeit in einer Behinderteneinrichtung. Nachdem Chloe ihre geliebte Katze Catey durch einen Unfall, an dem auch Jed nicht ganz unschuldig ist, verliert, zieht sie sich immer mehr von ihm und der Welt zurück. Ihr Lebenswillen scheint sie zu verlassen. Als Jed in einer Fernsehsendung von dem Schrotthändler Max (Gary Lewis) hört, der die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu kennen glaubt, weiß Jed was zu tun ist. Er besucht Max, in der Hoffnung etwas über das Geheimnis der menschlichen Existenz zu erfahren. Dort wird er zunächst aber nur wenig gastfreundlich empfangen. Max gibt sich verschlossen und mürrisch. Doch davon lässt sich Jed nicht entmutigen.

Die Ausgangslage – harter Riese mit verschlossenem weichem Herzen begegnet verträumten Romantiker – setzt auf den Charme zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten, die im Laufe der Handlung einen alles andere als unerwarteten Annäherungsprozess durchlaufen. Selbstverständlich wird sich Max letztlich öffnen genauso wie es absehbar ist, dass Chloe und Jed wieder zueinander finden und damit ihren ganz persönlichen „Purpose of Life“ entdecken können. Unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel!“ ist es Fridrikssons unprätentiöser Auseinandersetzung mit den gern als Poesiealbumsprüchen verwendeten Einsichten – jeder muss sich selber auf die Suche nach seinem eigenen Glück machen – zu verdanken, dass Niceland zumeist die Klippen billiger Gefühlsduselei umschifft. Schon allein der trockene und dezente Humor wirkt dagegen als natürliches Antidot. Lediglich zum Ende hin überreizt Fridriksson mit der Anhäufung zu vieler Gänsehautmomente die Geduld des Zuschauers. Besonders kalkuliert nimmt sich die Untermalung mit sentimentaler Kuschelrock-Musik aus, wenn Jed den Tränen nah um das Leben seiner Geliebten bangt.

Dafür überzeugt Niceland in der angst- und mitleidsfreien Darstellung der behinderten Charaktere. Der unverkrampfte, natürliche Umgang mit unterschiedlichen Formen geistiger und/oder körperlicher Behinderung wie dem Down-Syndrom verweigert sich einer manipulativen Instrumentalisierung dieser Handicaps zu reinen Effektzwecken. Dass Jed und Chloe von der „Norm“ abweichen, ist offensichtlich. Daher bedarf dieser Fakt keiner weiteren Kommentierung.
Den Schrottplatz als zentralem Schauplatz umgibt die Aura einer Märchenwelt. Dort, wo der verschrobene Einsiedler Max über die Fehler seiner Vergangenheit sinniert, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Inmitten der Schrotttürme sind Max und Jed nur zwei kleine Punkte im Land der Riesen aus Blech und Stahl. So surreal dieses Set aufgebaut ist, Hinweise darauf, dass der Plot nicht gänzlich auf dem Boden der Realität angesiedelt ist, finden sich nicht nur im Szenenbild. Die gesamte Konstruktion der Figur Jed als naivem, verträumtem Narr, der mit einer Antwort den Lauf der Dinge zu verändern hofft, entzieht sich quasi per Definition jedweder rationaler Logik.

Im Gegensatz zu Fridrikssons früheren Werken und Filmen wie 101 Reykjavík und Nói Albínói, die allesamt den rauen Charakter Islands betonen, kommt der Insel dieses Mal keine gesonderte Bedeutung für die Geschichte zu. Einige Szenen wurden beispielsweise in Köln und Umgebung gedreht. Die Schauspieler stammen größtenteils aus England, dementsprechend international mutet der Ton von Niceland an. In Anbetracht der universalen und allgemeingültigen Fragestellung ist letzteres aber nur konsequent, wenngleich sich zunächst durchaus eine gewisse Ernüchterung einstellt, nachdem klar wird, dass sich der Film auch problemlos mit wenigen Handgriffen zu einer amerikanischen Independent-Produktion umfunktionieren ließe, wie man sie auf dem Spielplan des Sundance-Filmfestival zuhauf finden kann. Die Filmwelt rückt eben immer näher zusammen. Nationale Identitäten verschwimmen, Konformitäten entstehen. Wenn man sich an das Island von Kormákur und Kári zurückerinnert, mischt sich in diese Gedanken auch eine Spur Wehmut ein.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 02.11.2006
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Film-Angaben
Titel: Niceland
Island, Großbritannien, Deutschland, Dänemark 2004
Laufzeit: 86 Minuten
Regie: Fridik Thor Fridriksson
Drehbuch: Huldar Beidfjord
Produktion: Skúlifr Malmquist, Thors Sigurjonsson
Darsteller: Martin Compston, Gary Lewis, Gudrun Bjarnadottir, Peter Capaldi, Kerry Fox
Kinostart: 07.12.2006
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