News From Home

Im dritten Teil seiner Haus-Trilogie verfolgt Amos Gitai die Spuren mehrerer Familiengeschichten, die in Jerusalem ihren Ausgangs- oder Zielpunkt besitzen. News From Home ermöglicht einen intensiven und persönlichen Zugang zur Zeitgeschichte.

News From Home

Ein kleiner Fernsehfilm war der Startschuss für die Filmkarriere Amos Gitais, des heute wahrscheinlich meist beachtetsten Regisseurs Israels. Haus (House, 1980) machte den studierten Architekten, der bereits 1973 den Yom Kippur-Krieg mit einer Super-8 Kamera dokumentiert hatte und dessen Spielfilme inzwischen Dauergäste der großen europäischen Festivals sind, sofort international bekannt.

Dieses Werk erzählte die Geschichte eines Bürgerhauses in Jerusalem, welches ursprünglich von einer arabischen Familie bewohnt war, die 1948 nach der Gründung des Staates Israels floh und 1956 enteignet wurde. Gitai porträtierte sowohl die neuen als auch die im Exil lebenden alten Besitzer des Hauses und außerdem arabische Bauarbeiter, die an einem Umbau des Hauses beteiligt waren. Dem Regisseur gelang mit Hilfe dieser Abbildung des großen Konflikts auf einem überschaubaren und emotional aufgelandenen Schauplatz eine eindringliche und vielschichtige Darstellung der Situation im nahen Osten.

News From Home

Haus ist ein Film, der bis zum heutigen Tage wenig von seiner politischen Brisanz eingebüst hat. Dies hat in diesem speziellen Fall jedoch weniger mit dem Werk an sich zu tun als mit der nach wie vor scheinbar hoffnungslos verfahrenen Situation in und um Israel. 1980 wurde Haus in seinem Herstellungsland zensiert, vor allem die oft unmenschliche Behandlung, die palästinensische Arbeiter in Israel erfahren, sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Amos Gitais neuestes Werk zeigt, dass die Situation im heutigen Jerusalem kaum weniger angespannt ist.

Bereits 1998 hatte der Regisseur der Städte seines Durchbruchsfilms einen zweiten Besuch abgestattet (Haus in Jerusalem), nun baut er mit News From Home diese Dokumentarfimreihe zu einer Trilogie aus. 26 Jahre nach dem ersten Film begibt sich Gitai ein weiteres Mal auf die Suche nach Spuren in und um das Jerusalemer Anwesen. Die Reise führt ihn nicht nur zu der neuen Besitzerin des Hauses, einer jüdischen Frau, die aus der Türkei nach Israel zog, sondern auch zu den alten Besitzern, die teilweise in anderen Bezirken Jerusalems wohnen, teilweise jedoch auch im jordanischen Exil.

Gitai schreibt sich selbst oft in das Werk ein, so etwa im etwas geschwätzig wirkenden Prolog, in welchem er in leicht didaktischem Tonfall über das Haus als Metapher doziert. Allerdings überlässt er den Film in den entscheidenden Passagen den Porträtierten. In diesen Momenten entfaltet der digital gedrehte News From Home seine gesamte Kraft: der uralte ehemalige Besitzer Dr. Dajani ermutigt seine Nachkommen mit fast versagender Stimme, nicht nur in die Vergangenheit sondern auch in die Zukunft zu blicken, die neue Besitzerin Claire Cesari zeigt gerührt alte Familienphotos aus der Türkei.

News From Home

News From Home zeichnet eine gelebte Geschichte auf, die sich nicht nur in den Erzählungen, sondern auch in den Körpern der Menschen niedergeschlagen hat. Auch die eindrücklichste Bekanntschaft, die Gitai dem Publikum ermöglicht, verschafft diesen fast körperlichen Zugang zur Historie: Eine alte Palästinenserin im jordanischen Exil, die durch ihre Kleidung, ihre intellektuelle Aufgeschlossenheit und selbst durch ihre herausfordernde Körperhaltung allen westlichen Klischees über arabische Frauen widerspricht. Obwohl sie ebenfalls nicht mehr lange zu leben hat und bereits mehrere schwierige Operationen über sich ergehen lassen musste, strahlt diese trotz ihres emanzipierten und selbstbewussten Lebenswandels in der arabischen Kultur tief verwurzelte Frau eine Vitalität aus, die dem Film seinen vielleicht hoffnungsvollsten Moment beschert.

Insgesamt überwiegen jedoch andere, weniger optimistische Töne. Die letzte Station des Films ist die Familie eines der palästinensischen Bauarbeiter, die am Bau des Hauses beteiligt waren. Für diese Ausgestoßenen der israelischen Gesellschaft hat sich in den 26 Jahren seit dem ersten Film wenig geändert: noch immer leben sie an der Peripherie Israels, staatlicher Willkür oft schutzlos ausgeliefer. Angesichts der erkennbaren tiefen Verbitterung dieser weiterhin perspektivlosen Menschen erscheint die Tatsache, dass sie den Juden Gitai freundlich bewirten und den Dialog mit ihm aufnehmen, wie ein kleines Wunder.

Allein wegen den Bildern dieser Menschen, die in der Berichterstattung über den Palästinenserkonflikt ansonsten entweder gar nicht vorkommen, oder hinter Fotografien vermummter Steinewerfer verschwinden, ist News From Home ein Film, dem nicht genug Aufmerksamkeit zuteil werden kann.

 

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.