New York, I love you

Blaupausen der Liebe in einer der beliebtesten Filmkulissen der Welt: New York, I love you.

New York, I love you

Vielleicht sollte zu Beginn klar gestellt werden, was New York, I love you nicht ist: ein in irgendeiner Form repräsentatives Porträt der Stadt New York nämlich. Bei einem Film, der sich selbst konzeptuell wie marketingtechnisch dieses Label anheftet, keine Lappalie, sondern ein mittelschweres Ärgernis. Denn der zweite Teil, nach Paris, je t’aime (2006), der von Emmanuel Benbihy produzierten „Cities of Love“ Omnibusreihe (Rio de Janeiro und Shanghai sind schon in Planung) sollte viel eher „Manhattan, I like your looks“ heißen. Die keilförmige Insel ist weniger Stadt als Kulisse für die ein oder andere Geschichte, die so oder ähnlich auch irgendwo anders hätte stattfinden können, aber nie ein spezifisches New Yorker Lebensgefühl transportiert.

Klar ist es gerade bei einer gesellschaftlich derart komplexen und filmisch so sehr erschlossenen Stadt wie New York nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, ein kohärentes und neuartiges Gemälde der Widersprüchlickeiten und Reichtümer des dortigen Lebens in knapp zwei Stunden zu pressen. Aber New York, I love you unternimmt nicht einmal den Versuch, die einmalige Gemengelage der mannigfachen Lebensentwürfe des Big Apple aufzufächern. So bleibt mehr außen vor, als letztlich in den acht Beiträgen (plus Zwischenepisoden) verarbeitet wird: die Outer Borroughs (d.h. Queens, die Bronx, Brooklyn und Staten Island) tauchen so gut wie gar nicht auf, das ordinäre Leben, der Schmutz, die Armut, die Gewalt, all das existiert nicht in den hier versammelten Wohlfühlfilmchen.

New York, I love you

So kastriert das Porträt der Stadt ist, so arm auch die Ausformulierung des namensgebenden Versprechens. Denn die Liebe gehorcht in allen acht Beiträgen essenziell dem althergebrachten Grunddispositiv der Love Story: Mann trifft Frau. Als hätte nicht gerade New York, vielleicht mehr als irgend eine andere Stadt, unbeschreiblich viel zu einer steten Ausweitung und Subversion des klassischen heterosexuellen Liebesverständnisses beigetragen.  Klar, es gibt Variationen, Vater liebt Tochter, Maler liebt Motiv beispielsweise. Dennoch bleibt alles sehr im Rahmen, ist im Vergleich zum Pariser Vorgänger sogar ein deutlicher Rückschritt in Sachen romantischer Einfallsreichtum.

Trotz dieser Einschränkungen lohnt es sich aber durchaus, einen zweiten Blick auf New York, I love you zu riskieren. Denn als episodisches Kurzfilm-Sammelsurium funktioniert der Film gar nicht schlecht, vielleicht sogar besser als viele andere derartige Kollaborationsprojekte. Das liegt weniger an der Qualität der einzelnen Beiträge, Enttäuschungen findet man auch hier allzu oft. Viel eher geht Benhibys konzeptuelle Entscheidung durchaus auf, die Einzelepisoden durch Nahstellen zu verbinden, in denen Charaktere einer namenlosen Filmemacherin oder einander im Taxi begegnen. Es ist zwar offensichtlich, dass er hierbei auf die Struktur von bekannten Episodenfilmen wie Altmans Short Cuts (1993) oder Andersons Magnolia (1999) schielt, aber so beliebig die Begegnungen und kurzen Zwischentöne das getrennt Entstandene aneinander zu kleben versuchen, so wirkungsvoll stiften sie ein Gefühl von Einheit und Geschlossenheit. Der Zuschauer spürt, wie sich die Filmerfahrung als ein Suchen nach Kohärenz gestaltet.

New York, I love you

Fast zwangsläufig richtet sich diese Empfindung in Bezug auf die einzelnen Episoden als Frage darauf, wie sehr die Regisseure im Gesamtkonzept des Filmes als Teamplayer oder Einzelfiguren auftreten. Nimmt man beispielsweise die wahrscheinlich eindrücklichste Sequenz, die von Shekar Kapur inszenierte Begegnung einer alternden Operndiva (Julie Christie) mit einem hinkenden russischtämmigen Hotelpagen (Shia LaBeouf), wird dieser Konflikt zwischen Mannschaftsgeist und persönlichen Allüren offensichtlich. Eigentlich sollte diese Episode von Anthony Minghella (Der englische Patient, The english patient, 1996), der auch das Drehbuch schrieb, realisiert werden. Doch Minghella verstarb kurz vor Drehbeginn, New York, I love you ist ihm gewidmet.

New York, I love you

In zwischenweltlicher Atmosphäre lässt Kapur seine Charaktere in gleißend überbelichteten Unschärfen verschwinden, überall sind Spiegel und wehende Vorhänge, die Bilder gemahnen an Bertolucci, die Geschichte untergräbt Wirklichkeit durch ein klares Bekenntnis zu fantastischem und traumgleichem Erzählen. Einsamkeit, Altern, Tod sind die Themen. Nicht nur grenzt sich Kapurs Beitrag dadurch von dem eher lapidaren, aus dem Ärmel geschüttelten Grundton des Filmganzen ab, seine Charaktere sind auch die einzigen, die in keiner der Zwischenepisoden auftauchen werden. Und mit New York hat all das sowieso überhaupt nichts zu tun.

Wirkt diese Kurzgeschichte gerade durch ihre Sonderstellung so eigen, in ihrer Verweigerung, dem Konzept des Filmes Tribut zu zollen? Und was hat sie dann hier verloren? Aber vielleicht ist es eben dieses Missachten der Vorgaben, die Absage an eine bindende Idee, die auch immer etwas von unerquicklicher Gleichmacherei unterschiedlicher Filmemacher in sich trägt, die auf den Film zurück strahlt und ihn dadurch adelt.

New York, I love you

Das wahrscheinlich einzig genuin „New Yorker“ Motiv, dass der Film aus dem Alltag am East River zu ziehen vermag, findet sich in Yvan Attals Lobpreisung der Raucherpause in zwei kürzeren Episoden. Ethan Hawke versucht sich als sexistischer Aufreißer, Robin Wright Penn schwadroniert mit Chris Cooper über unerwartete Bekanntschaften. Aber geraucht wird viel, und diese Hoffnung, vor der Tür, in der Kälte, eine spezielle Form von Zweisamkeit zu finden, die verlockende Kehrseite der Nichtraucherschutzgesetzgebung, sie eignet sich wirklich sehr für pointierte Momentaufnahmen. Doch halt: Das kann inzwischen ja auch woanders passieren, in München zum Beispiel, oder Nürnberg. Ob Benbihy seine Liebe wohl einmal nach Bayern tragen wird?

Trailer zu „New York, I love you“


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Kommentare


Lynn

Wunderbar gelungene Kritik, lieber Nino!
Trotz vieler Schwachstellen ist der Film es wert, gesehen zu werden.
Insbesondere die von Minghella geschriebene Szene ist recht eindrucksvoll, wenn eben auch in keinster Weise an NY angelehnt - aber darum geht es in diesem Film ja auch nicht.


Martin Zopick

In diesem zweiten Episodenfilm ist allen 10 Beträgen die Atmosphäre der Stadt gemeinsam. Big Apple schläft nie, egal ob im Freien oder innerhalb von Restaurants oder Hotels. Überall herrscht hektische Betriebsamkeit und immer wieder Taxis. Die einzelnen Beiträge sind sehr unterschiedlich, was den Inhalt und den Gehalt betrifft. Da gibt es Edelsteine wie ‘Central Park‘ von Brett Ratner mit James Caan und Olivia Thirlby, der angeblich gelähmten Tochter im Rollstuhl oder Fatih Akins ‘Chinatown 2‘. Hier fertigt ein Maler (Ugur Yücel) ein Portrait einer Verkäuferin (Shu Qi) mit Maggi und Senf an mit fatalen Spätfolgen. Oder ganz abstrakt arthousemäßig ‘Upper East Side‘ von Shekhar Kapur mit Julie Christie und John Hurt. Hier lädt eine ältere Diva einen Kellner zu einem Glas Sekt ein mit visionären tödlichen Folgen.
Dann gibt es Halbedelsteine wie ‘Diamond District‘ von Mira Nair mit Natalie Portman, die außerdem auch noch einen eigenen Beitrag beigesteuert hat. Hier sind Perücken und kahle Köpfe im Focus. Auch ganz nett ist ‘Brighton Beach‘ von Joshua Marston mit dem alten Eli Wallach, der mit seiner Frau Cloris Leachman den 63. Hochzeitstag am Strand verbringt. Die beiden tutteligen Oldies bilden einen würdigen Abschluss. Manche Episoden kann man einfach nur als kurzen Witz erzählen wie z.B. ‘SoHo‘ von Yvan Attal. Hier baggert (sic!) Ethan Hawke eine Nutte (Maggie Q) an. Ebenso aus der gleichen Geschichte das philosophische Gespräch vor einem Restaurant zwischen Chris Cooper und Robin Wright Penn, die sich anscheinend gerade erst begegnet sind. Dabei praktizieren sie lediglich den heutigen strengen Raucher-Code. Ganz unterhaltsam.






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