Neuland

Anna Thommens Dokumentarfilm begleitet zwei Jahre lang eine Integrationsklasse in der Schweiz und zeigt abseits von Klischees den Werdegang junger Eingewanderter hin zu einem eigenständigen Leben.

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„Ihr seid der FC Basel. Und die Schweiz ist Manchester United.“ Erst unentschieden im Hinspiel, Sieg für den FC Basel im Rückspiel. David gewinnt gegen Goliath, und zwar nicht etwa durch Glück, sondern durch Fleiß und harte Arbeit. Diese Metapher verdeutlicht, was Neuland uns zeigt. Zwei Jahre begleitete die Regisseurin Anna Thommen eine sogenannte Integrations- und Berufswahlklasse der Stadt Basel, in der junge Menschen von 16 bis 20 Jahren aus verschiedenen Ländern Deutsch lernen und auf ein mögliches Leben in der Schweiz vorbereitet werden. Es ist die Geschichte einer Überwindung, eine Skizze menschlicher Quantensprünge auf Widerruf. Das Spiel zwischen Basel und Manchester ist das Lieblingsbeispiel des Lehrers Christian Zingg, der ebenso wie seine Schützlinge im Mittelpunkt des Films steht. Die rigide Logik von Erfolg und Scheitern, sie ist also das Erste, was den Schülerinnen und Schülern im Gedächtnis bleiben soll. Denn das Verfehlen eigener Wünsche und Vorstellungen ist für die Neuankömmlinge oft unvermeidlich. Allerdings gibt es wie im Fußball auch ein Unentschieden, so etwas wie die Grauzone der Realität.

Die Entstehung des Selbst

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Neuland macht diesen unbestimmten Bereich sichtbar, etwas, das sich jeden Tag überall in der Schweiz und in ganz Europa oft im Stillen ereignet: Menschen, die wenig Halt und vor allem keinen Pass der Europäischen Union haben, werden institutionalisiert, ermahnt und diszipliniert. Es ist das Sinnbild einer politisch gewollten Integration, die in Begriffen des Formens, Einfügens und Anpassens denkt: „Wie es in Afghanistan oder der Türkei zugeht, das weiß ich nicht. Aber was hier in der Schweiz wichtig ist, das weiß ich.“ Das ist die anfängliche Perspektive des Lehrers Zingg. Dabei geht es keinesfalls nur um hoffendes Duckmäusertum der Neuen, aus Zinggs Worten sprechen auch Methoden der Subjektivierung in den westeuropäischen Gesellschaften: etwas aus sich machen, sich selber ernst nehmen, sein exklusives Metier finden und hart arbeiten, sein ganzes Leben lang. Es ist klar: Wer es zu etwas bringen will, der oder die muss beim Ich anfangen. Zingg zeichnet mit den jungen Menschen ihre Lebensläufe auf, das Selbst in einer Chronologie, viele hören davon zum ersten Mal, all das muss erst geformt werden, eine Vita entstehen. Aber die Schüler/-innen, sie reden von der toten Mutter, denken an die von Landnahme bedrohte Familie in Afghanistan, schreiben wehmütige Gedichte über die verlorene Heimat oder träumen von Eritrea. Und sie tun das in einer anderen Sprache.

Vertrauen und Verzweiflung

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Die Sprache überhaupt, sie ist die Fläche, auf der sich alles entscheiden wird. Diese Erkenntnis nährt Neuland, das Nicht-Sprechen-Können lähmt die Jugendlichen, und Thommen setzt viele Momente in Szene, in denen das Schweigen direkt zu Rückschlägen und zu Betretenheit auf allen Seiten führt. Die schweizerische Mundart macht dies noch heikler, denn das Changieren zwischen Schweizer- und Schriftdeutsch will je nach Situation gelernt sein. Die Schülerinnen und Schüler lernen zwar Schriftdeutsch, in den Berufen, die sich ihnen direkt bieten, zum Beispiel in der Altenpflege oder im Bauwesen, ist aber die Mundart der Standard. Die Verzweiflung spricht immer öfter aus den Gesichtern, nur Lehrer Zingg hat ein anscheinend unbeirrbares Vertrauen. Es ist schon eher ein Glaube denn ein Wissen. Das macht seinen Lehreridealismus aus, den Neuland unprätentiös wiedergibt: ohne Interviews und erzwungene Situationen, aber mit viel dokumentarischer Geduld lässt Thommen die Dinge für sich selbst sprechen. Auch kulturelle Zuschreibungen werden weitestgehend vermieden, in der aufgeheizten Migrations-, Flucht- und Asyldebatte ist das ein erleichternder Beitrag. Stattdessen geht es um die Jugend: das Unwissen, das Ausprobieren, das Unverständnis gegenüber der Erwachsenenwelt wird durch die Situation der Jugendlichen vervielfacht und artikuliert sich viel klarer als der Topos Schweiz, zum dem es in puncto Integration und Mehrsprachigkeit sicher auch einiges zu sagen gäbe. Thommen zeigt zwar Weihnachtsmärkte, Rummel und die Fastnacht, aber all diese Traditionen wirken wie konstruierte Schablonen, die für das unsichere Hier und Jetzt der jungen Menschen inhaltsleer bleiben.

Am Ende gewinnt die Sorge um sich selbst

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So bleibt Neuland vor allem ein Film über das Gefühl, an einem unbestimmten Ort anzukommen und sich zu orientieren. Der Prozess steht im Vordergrund, und trotz aller Beteuerungen, dass den Jugendlichen bei entsprechendem Fleiß und Engagement alle Türen offen stehen, arbeiten sie alle schließlich im Niedriglohnsektor und müssen sich damit abfinden, dass ihnen eine höhere Bildung kaum zuteilwerden wird. Aber die Sorge um sich selbst übersteigt das Bewusstsein der eigenen Möglichkeiten, da ändern auch Zinggs wiederholte Plädoyers nichts. Die ansatzweise Bitterkeit darüber, dass eben nicht alle Mitglieder der Gesellschaft die gleichen Chancen haben, verweht allerdings schnell im Alltag des Helfens, Beratens und Lehrens. Neuland blickt pragmatisch auf all die ausgestellte Prekarität, und beim Abschlussfest des Kurses spüren wir deutlich, wie innig und ehrlich die Umarmungen zwischen Lehrer und Schüler/-innen sind. Ist das ein offenes Ende? Abschließend lesen wir, dass sich die Jugendlichen allesamt in ihren Jobs zurechtgefunden und etabliert haben. Hat Zinggs Empowerment also gefruchtet? Das bleibt für uns wie wohl für den Lehrer selbst offen. Neuland gibt kein Statement ab und beschränkt seine Kritik letztlich auf das reine Zeigenwollen, das allerdings als Geste einer grundlegenden Empathie den ganzen Film durchzieht.

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