Netto

Eine echte Überraschung: Der Seminarfilm des Studenten Robert Thalheim wurde zum diesjährigen Gewinner der Berlinale-Reihe Perspektive deutsches Kino. Seine Vater-Sohn-Geschichte sagt mit Witz und Einfühlungsvermögen zugleich viel über unser Land aus.

Netto

Netto ist eine Überraschung. Als Seminararbeit an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen geplant, praktisch ohne Budget und in kürzester Zeit entstanden, sozusagen „für den Hausgebrauch“ gedreht, wurde der Film dieses Jahr in die Berlinale-Reihe Perspektive Deutsches Kino eingeladen – und als wäre dies nicht schon Auszeichnung genug, gewann er auch gleich noch den jährlich ausgelobten deutsch-französischen Preis Dialogue en Perspective der Reihe! Natürlich hat dies seinen Grund, oder besser viele Gründe, denn Netto, obgleich eben nur ein Studentenfilm, hat viel von dem, was eigentlich vom „großen Kino“ zu erwarten wäre: Er erzählt amüsant eine ernste Geschichte, spiegelt in dem „kleinen Persönlichen“ der Filmfiguren – auf ganz spielerische Weise – immer auch das „große Gesellschaftliche“ wider und stellt in seinen Beobachtungen Fragen, die im deutschen Film seit längerem so nicht mehr gestellt werden.

Berlin, Prenzlauer Berg. In einer etwas heruntergekommenen Parterrewohnung, die mit einem Elektrogeschäft verbunden ist, in das sich schon länger kein Kunde mehr verirrt hat, lebt Marcel Werner (Milan Peschel). Der Dauerarbeitslose träumt von einer Karriere als Personenschützer, aber sein Leben spielt sich nur zwischen Imbissbude und „Arbeitsagentur“ ab. Eines Nachmittags steht sein Sohn Sebastian (Sebastian Butz) vor der Tür – oder besser: vor dem Schaufenster des Ladens und löst nicht nur die Alarmanlage aus, sondern bringt auch einige Veränderung in das Leben des Ostberliners. Denn der Sohn merkt gleich, dass mit den Plänen des Vaters etwas nicht stimmt – was ist auch von jemandem zu halten, der von „umfassender Bedrohungsanalyse“ redet, aber beim Überqueren der Straße nicht einmal auf heranfahrende Autos achtet?! Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn sind also vorprogrammiert.

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In Netto wird dieses Sujet aber anders genutzt als gewohnt. Zunächst allein durch die Tatsache, dass sich Vater und Sohn hier auf gleicher Augenhöhe begegnen. Hier belehrt nicht der Eine den Anderen; hier lernen Beide voneinander. Außerdem ist ihre Beziehung zugleich eine vielschichtige und in sich gebrochene Beziehung zwischen Ost und West. Sebastian lebt bei seiner Mutter (Christina Grosse), die sich schon lange von Marcel getrennt und in einer Eigenheimidylle in Schöneberg mit einem anderen Mann eingerichtet hat. Der 16-Jährige ist ein echtes Kind der Wende. Seine Mutter erzählt ihm, wie sie Ende 1989, als er gerade geboren war, das erste Mal im Westen waren: „Das gehörte alles zusammen: Du und ein Mann, wo du ständig lachen musst. Und auf einmal sind die Grenzen auf und dann hast du plötzlich das Gefühl, die ganze Welt gehört dir! Jetzt geht’s los!“ Von diesem Gefühl jedoch ist offensichtlich weder ihr noch Marcel etwas geblieben; für Sebastians Generation ist es ohnehin fast nur mehr ein Mythos.

Mit diesem Ansatz hätte sich Netto das Tor zu einem kitschigen DDR-Nostalgie-Film à la Good Bye, Lenin! (2003) weit aufstoßen können. Robert Thalheim aber hebt die Ost-West-Problematik geschickt in die Biographie seiner Figuren. Dies zeigt sich besonders elegant in dem Einsatz der Filmmusik, die ausschließlich aus Songs von Peter Tschernig besteht. Der Country-Sänger war in der DDR ein Star, der „Johnny Cash des Ostens“ wurde aber nach der „Wende“ praktisch vergessen. Schon durch diesen Verlust eines festen Platzes in der Gesellschaft wird er zu einer Identifikationsfigur für Marcel, der auch nicht mehr der ist, der er einmal war. Die hier sich spiegelnde gesellschaftliche Veränderung hat Thalheim in einem fast magisch-realistischen, sehr ergreifenden Schlussbild unerhört eindrucksvoll in ein Bild gesetzt, in dem sie zugleich ihren positiven Abschluss für Marcel zu finden vermag.

Netto

Natürlich ist nicht alles in Netto auf gleicher Ebene gelungen. Mitunter merkt man dem Film deutlich seine Zielsetzung als Seminararbeit an. Vor allem einige der Parallelmontagen vermögen nicht zu überzeugen; so ist es etwas simpel, wenn die unversöhnliche Begegnung Marcels mit seiner Ex-Frau mit der versöhnlichen von Sebastian mit seiner Freundin Nora (Stephanie C. Koetz) einfach gleichgesetzt wird. Oft sieht man auch, dass gerne mehr geleistet worden wäre, wenn es zeitlich und finanziell nur irgend möglich gewesen wäre; vor allem in der Kameraarbeit. Die sonst im Kino immer verwackelten und damit „Realismus“ heischenden Videobilder hat Netto auch, aber Yoliswa Gärtig hält sie oft sekundenlang still oder übersteigert sie fast melodramatisch (der Schluss!). Hier erkennt man, dass die Inszenierung mit Video fast ein Notbehelf war, der aber dennoch – und meist geschickt – genutzt wurde. Vielleicht wäre Netto sonst auch zu glatt geworden, zu sauber. So hat der Film etwas Sprödes, was für ihn durchaus ein Vorteil ist.

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