Neighbouring Sounds

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt: Das Regiedebüt des brasilianischen Filmkritikers Kleber Mendonça Filho trägt die Revolution im Herzen.

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Jeder, der hier ist, ist entweder Wächter oder Bewachter. Oder beides. Eine gated community in einem der wohlhabenderen Stadtviertel im brasilianischen Recife, verschiedene Geschichten, arrangiert in drei Kapiteln – „Wachhunde“, „Nachtwächter“ und „Leibwächter“ –, fernab aber vom kontrollfetischistischen Globalisierungskino etwa eines Alejandro González Iñárritu: Anstelle eines vagen Befundes, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, geht es hier darum, sich etwas Konkretes sehr genau anzusehen, eine Tiefenanalyse durchzuführen.

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Neighbouring Sounds (O som ao redor), das Kinodebüt des Filmkritikers Kleber Mendonça Filho, ist aber weder eine allzu theoretische noch eine beschränkte Angelegenheit, sondern ganz im Gegenteil ein lebenspraller Film, der noch und vor allem in seinen Auslassungen stets auch auf die Außenseite der eigenen begrenzten Perspektivierung verweist. Die Klänge um uns herum, von denen der Titel spricht, strukturieren den Film weit stärker – und offener – als die strenge Kapiteleinteilung oder auch die Aufspaltung auf mehrere ineinander verschlungene Handlungsfäden. Es gibt keinen Ort der Stille in der sich selbst abschottenden Welt, die Mendonça Filho hier porträtiert, es gibt keinen Punkt, der nicht fortwährend auf das abwesende Außen verweisen würde.

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In einer geradezu albtraumartigen Sequenz dringen dann einmal auch Spuren dieser Außenwelt, die vielleicht die wirklichere ist gegenüber der Irrealität der inselartigen Parallelgesellschaft bürgerlicher Lebenswelten, in den Bezirk der Erzählungen dieses Films ein. Kleine, dunkelhäutige Kinder huschen da, gespensterhaft im Schatten der Nacht, durch die Straßen, um die Ecken und über die Zäune und Mauern. Bald werden sie von den zwiespältigen Nachtwächtern, um die herum das Gros der Erzählstränge von Neighbouring Sounds angeordnet ist, mit durchaus handgreiflichen Mitteln in die Flucht geschlagen, ohne auf etwas verwiesen zu haben, das über ihre bloße Existenz hinausginge. Aber vielleicht genügt das auch schon: Plötzlich sind dort Körper, die der allgegenwärtigen Geräuschkulisse zuzuordnen sind, auch wenn sie sich selbst fast geräuschlos durch die Dunkelheit bewegen.

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Es ist schwierig, eine Ahnung von der Sogwirkung zu vermitteln, die Neighbouring Sounds hervorruft, schon weil dies ein Film ist, in dem so viel Wesentliches zwischen den Zeilen, zwischen den Bildern versteckt ist. Kleber Mendonça Filho lässt uns einen Blick werfen in eine fremdartige Welt, versteckt irgendwo im inneren Areal unserer Brasilienklischees, und macht uns spüren, wie prekär das Leben vorgeschützter Normalität angesichts der Umzingelung von sehr konkreter Not tatsächlich ist. Weil er diese Erkenntnis in all ihrer Tragweite annimmt, ist Neighbouring Sounds nicht nur ein intellektuell klug gebauter Film, sondern darüber hinaus ein Kunstwerk, das die unausweichliche Notwendigkeit der Revolution im Herzen trägt.

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