Nebraska

Alexander Payne dreht seinen bisher schwächsten Film und hofft auf einen Schwarzweiß-Bonus.

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Es gibt ganz schöne Musik in diesem Film. Mark Orton hat sie komponiert, und es ist eine zwar wenig subtile, aber doch seltenere Mischung aus klassischem Score und Country-Feeling, mit einem eingängigen Leitmotiv, das die Übergänge dieses Road Movies begleitet. Einfache Musik zu einfachen Schwarzweiß-Bildern von Landschaft und Architektur des mittleren Westens, die an die Werke der großen US-amerikanischen Fotografen denken lassen. Doch die Bilder werden unterbrochen von einem Film, für den diese Stimmung nur Mittel zum Zweck ist. Vor allem das Schwarzweiß wirkt wie ein Versuch, den bislang schwächsten Film von Alexander Payne künstlich aufzuwerten.

In der ersten Einstellung hält die Polizei einen offensichtlich verwirrten Alten an, der am Rande eines Highways entlang läuft. Wo er hin will, fragt ihn ein Polizist, und der Mann deutet in die Richtung, in die er läuft. Na dahin. Wo er denn herkommt, ist die nächste Frage, und der Mann zeigt nach hinten. Na von da. Es ist eine der wenigen Szenen, in denen die Komik subtil daherkommt und visuell vermittelt wird. Was sie illustrieren soll – und was im Verlaufe dieses Films ziemlich penetrant wiederholt wird –, ist, dass dieser alte Mann, der Woody heißt und von Bruce Dern gespielt wird, kein bestimmtes Ziel hat, sondern sich überhaupt mal wieder bewegen will, dass er nichts sucht außer „something to live for“. Ein Brief, der ihn als Gewinner von einer Million Dollar ausgemacht zu haben vorgibt, kommt ihm da gerade Recht – das Geld soll er persönlich in Lincoln, Nebraska abholen. Sohn David (Will Forte) ist zwar klar, dass es sich bei dem Millionengewinn wohl um die Trickserei einer Marketingfirma handelt, aber weil auch er längst verstanden hat, dass der Weg das Ziel ist, erklärt er sich bereit, mit seinem Vater gen Süden aufzubrechen.

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Paynes Figuren waren meist Klischees verunsicherter Männer, doch ist es ihm immer wieder gelungen, sie dennoch ernst zu nehmen, ja gerade in dieser Spannung lag oft der gelungene Ton seiner Filme. In Nebraska dagegen erpresst er Empathie für sein Vater-Sohn-Gespann, indem er den anderen Figuren seine Zuneigung entzieht. Während uns schon die dominante, ständig keifende Ehefrau Kate (June Squibb) auf die Seite ihres domestizierten Mannes schlagen soll, finden Payne und Drehbuchautor Bob Nelson in Woodys in der Zeit stehen gebliebener Heimatgemeinde, in der Vater und Sohn auf ihrer Reise landen, nur dümmlich-naive Dorfbewohner, die sich für nichts interessieren und in Wohnzimmern auf Fernsehbildschirme starren. Payne zeigt nicht nur Desinteresse für diese Menschen, er stellt sie aus, nutzt sie für müde Gags oder seine vorhersehbare Handlung.

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Woody dagegen soll sich einreihen dürfen in die Riege der großen Payne-Charaktere, aber einen teils senilen Senior sympathisch zu machen, das ist nun wahrlich kein Kunststück. Skurrile alte Männer sind schließlich immer ganz putzig, ihre Verschrobenheiten eignen sich nicht nur für Komik, sondern auch für unmotivierte Plot-Entwicklungen, über deren Willkür sie hinwegtäuschen. Man muss sie nicht richtig verstehen, weil sie halt so sind, man kann alles mit ihnen machen. Darauf verlässt sich Payne sehr stark.

Auch andere Qualitäten von Paynes Kino suchen wir in Nebraska vergeblich. Hat der Regisseur immer wieder ein Gespür dafür bewiesen, Situationskomik und Absurditäten so in eine Handlung zu verweben, dass sie die lebensnahe und liebevolle Grundstimmung nicht stören, schlägt er die unterschiedlichen Töne hier nacheinander an, anstatt sie in einem Akkord unterzubringen. Zwischen Tragik und Komik liegen nicht mehr subtile Übergänge, sondern harte Schnitte und Brüche, als würden zwei Filme parallel vor unseren Augen ablaufen. Für den Plot wichtige Informationen, Slapstick, Situationskomik, Melancholie und humanistische Botschaft, all das durchdringt sich nicht, sondern wechselt sich ab. Die Elemente des Road-Feelgood-Movies laufen nebeneinander her, Melancholie stört den Humor, der Humor die Melancholie.

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Schon The Descendants (2011) war stärker auf Pointe geschnitten als frühere Filme Paynes, aber überzeugte zumindest durch einen innovativen Plot und konsequentes Schauspiel. Nebraska dagegen ist eine Geschichte, die man kennt und der Payne nichts hinzuzufügen hat außer ein paar Gags und den Entzug der Farbe. Doch der Schwarzweiß-Ästhetik geht hier jede atmosphärische Untermalung ab, weil sie einem Film, der eh schon zu viele verschiedene Töne anschlägt, nur ein weiteres nach Anerkennung eiferndes Element hinzufügt.

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