nebel

Ein Blick in die Offenheit, nichts ist vernebelt.

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Die ersten, bewusst montierten und rezipierten Worte in Nicole Vögeles experimental-dokumentarisch angelegtem mittellangem Film kommen ganz zum Schluss. Die Kamera fährt rückwärts durch eine am Hang gelegene Waldschneise, eine tiefe Off-Stimme rezitiert den achten Teil der „Duineser Elegien“ Rainer Maria Rilkes. Das bisher Gesehene und Gehörte war zuweilen verrätselt, doch es sprach – und kommuniziert nun doch nochmal ganz neu mit diesem Abgesang. Die achte Elegie in Rilkes metaphysischen Versen ist (in direkter Korrespondenz zur vierten, die ihr auch formal entspricht) eine düstere Skizze der menschlichen Wahrnehmung, die, wenn man so will, auch so etwas wie eine kleine, kognitivistische Filmtheorie bereithält: „Und wir: Zuschauer, immer, überall, / dem allen zugewandt und nie hinaus! / Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. / Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“

Gegen das Verschwinden

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nebel täuscht immer wieder eine Ordnung vor, durch eingeblendete Texttafeln und das visuelle Aufrufen der titelgebenden Metapher – Bilder zeigen Hochnebel, Seenebel, Schneenebel, Disconebel. Nur um dann plötzlich wieder auseinanderzubrechen, oder besser: sich zu morphen und dem Zuschauer zu entgleiten. Dafür verantwortlich ist vor allem auch eine wuchtige Tonspur, auf der unheimlich viel passiert. Wabernde, windige Sounds blenden in Technomusik über, um dann wieder als Tonelemente des Horrorfilms aufzutauchen. Wir ordnens wieder. Die Schweizerin Vögele, die an der Filmakademie Baden-Württemberg Dokumentarfilm-Regie studiert, porträtiert still ein Deutschland unter dem alltäglichen Radar, im Nebel sozusagen: einen Sternwarten-Betreiber, einen Hobby-Funker, einen Arbeitslosen auf einem Campingplatz, einen Wetterbeobachter. Ältere Männer in einsamen Umgebungen (die Sequenz einer Pudelzüchterin fällt etwas heraus). Sie werden durch die Tafeln textlich kurz eingeführt, nüchtern, bisweilen ironisch. Die Bilder sind starr, sie halten fest, beobachten nicht einmal, es fällt kaum ein Wort. Abseits jeden Trubels gibt es ein langsames, nicht unbedingt unglückliches Leben.

Die Kamera als Rilkes Tier

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Rilke setzt im zitierten Teil dem menschlichen Blick, der immer nur einordnend zurückschaue auf das, was schon gewesen ist, einen tierischen entgegen. Dieser sei unverstellt und schaue ins Offene, in das, was kommt und von dem man nichts weiß, ins „Nirgends ohne Nicht“. nebel beginnt mit genau solch einem Nirgends, ein lange stehender Weiß-Kader wird nur langsam zu einem Bild des Nebels, in dem sich nach und nach Umrisse zu erkennen geben, eine Laterne, eine Gestalt, ein Fuchs. Die unendliche Offenheit, die Rilke im Gesicht des Tieres zu entdecken glaubt, spiegelt zurück in Vögeles Linse. Nebel ist hier nicht das den Blick verstellende, sondern gerade das ihn maximal öffnende, die Kamera ein animalisches Wesen, das uns an die Zukunft des Lebens glauben lässt. Und doch ist da noch mehr, bei Rilke und bei Vögele, genauso offen, ein Gegenentwurf, der eigentlich keiner ist: das schwarze Bild, das auf das weiße folgt, der Tod und das Erinnern, für die das fotografische Medium Film ebenfalls immer schon eingestanden ist. „Wer hat uns also umgedreht, daß wir, / was wir auch tun, in jener Haltung sind / von einem, welcher fortgeht? Wie er auf dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal / noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –, / so leben wir und nehmen immer Abschied.“

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