Neandertal

Ein Held mit Neurodermitis ist kein gefälliger Filmstoff. Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser machen daraus ein ruppiges Coming-of-Age-Drama – und zugleich ein Kleinstadtporträt aus den letzten Tagen der alten BRD.

Neandertal

Guido fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Seit frühester Kindheit leidet er unter Neurodermitis. Jetzt, kurz vorm Abitur und einer ungewissen Zukunft, landet er mit dem bislang schlimmsten Schub seines Lebens im Krankenhaus. Er wäre nichts lieber als normal, sagt er, doch als heilsam erweist sich dann gerade die Flucht aus der erdrückenden familiären Normalität. Wie so viele nimmt Guido auf seiner Reise in die Selbstbestimmtheit den Umweg über einen Ersatzvater. In der Künstler-WG seines Bruders trifft er den Kleingangster Rudi, der ihm die schöneren Seiten des Lebens zeigt – kiffen, saufen, Autos knacken, vor allem: sein eigener Herr sein. Gerade dieser Mut zum Egoismus ist es, der Guidos Heilungsprozess in Gang setzt. Andererseits ist Rudi psychisch selbst höchst labil, und die politischen Plattitüden, die er von sich gibt, erinnern fatal an Guidos Vater – als Vorbild, das ist klar, kann er nur eine Übergangslösung sein.

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„Sich häuten“ steht für Veränderung und Übergang, von daher ist es so naheliegend wie stimmig, eine Hautkrankheit zum Mittelpunkt eines Coming-of-Age-Filmes zu machen. Der Film ist dabei alles andere als gefällig: Er zeigt Guidos vom Ausschlag zerschundenen Körper mehrmals ausgiebig in Großaufnahmen, wir hören, wie er sich bis aufs Fleisch kratzt, in einer drastischen Alptraumszene sehen wir, wie ihm vorm Badezimmerspiegel in großen Fetzen die Haut abfällt. Später verarbeitet er den eigenen Schorf kreativ zu „Krätzekunst“. Kontrapunktisch sind dem Erlösungsfantasien entgegengesetzt, die filmisch ambitioniertesten Szenen, die ihn mit heiler Haut im Wasser liegend zeigen – auch als Todesbilder lesbar; auch von Selbstmord wird in dem Film noch öfter die Rede sein.

Bei aller Deutlichkeit wird die Krankheits-Metapher nicht überstrapaziert. Zunächst scheint es, als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen dem Ausschlag und Guidos restlichem Leben. Im Laufe des Films kommen dann aber doch ein paar gutbehütete Lügen in seinem Elternhaus ans Tageslicht. Der Vater geht seit Jahren mit der Nachbarin fremd, die Mutter ertränkt ihren Kummer in Alkohol und steuert auf den Zusammenbruch zu. Man gibt sich verständig und liberal, redet aber kaum miteinander – Alltagstristesse einer modernen Kleinfamilie, die Guidos Haut als blanken Horror sichtbar macht.

Neandertal

Vieldeutiger und diffuser als die Krankheits- ist die Neandertal-Metapher, die mal für Stumpfsinn und Rückständigkeit, mal für eine von Zivilisationskrankheiten unbehelligte Natur zu stehen scheint. Zum einen wünscht sich Guido ein ebenso dickes Fell wie die urzeitlichen Bewohner seiner Heimatstadt. Zum anderen legt der Filmtitel nahe, den Ort selbst als eigentlichen Protagonisten zu verstehen – eine prototypische, also stinklangweilige westdeutsche Kleinstadt. Diese ist als Schauplatz historisch genau fixiert: Der Film spielt im Frühjahr 1990, der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung also, die mit eingespielten Fernseh- und Radionachrichten, Diskussionen am Esstisch und im Klassenraum unermüdlich ins Gedächtnis gerufen wird, ohne dass sich Guido und seine Freunde dafür großartig interessieren würden. Womit der Film die Stimmung unter westdeutschen Jugendlichen dieser Zeit wohl recht gut trifft. Auch der heraufziehende Bürgerkrieg in Jugoslawien und der RAF-Anschlag auf Alfred Herrhausen kommen vor, die nahende Fußball-WM in Italien sowieso, inklusive der obligatorischen Frage, ob es nicht faschistoid ist, für die deutsche Mannschaft zu jubeln.

Neandertal

Ein Film aus den letzten Tagen der alten BRD also, und damit eine Erinnerungsfundgrube für Zuschauer aus dem Jahrgang des Regisseurs, gerade für diejenigen, die sich im Bürgersöhnchen-Paradies der Generation Golf nie wiederfinden konnten. Der 1971 geborene Ingo Haeb hat hier nach eigener Aussage in weiten Teilen die eigene Biografie verfilmt (Co-Regisseur Jan-Christoph Glaser war mit seinem distanzierteren Blick für die dramaturgische Straffung zuständig). Einen zwingenden Bezug zum Plot hat der historische Rahmen trotzdem nicht, Guidos Geschichte könnte im Grunde genauso gut heute spielen. So stehen hier zwei für sich genommen vielversprechende Filmansätze – das dokumentarisch genaue Porträt einer westdeutschen Kleinstadt zur Wendezeit und die zeitlose, symbolisch angereicherte Adoleszenzgeschichte – recht unverbunden nebeneinander. Was umso mehr auffällt, wenn in der zweiten Hälfte das Krankheits-Thema in den Hintergrund rückt und der Film damit sein dramaturgisches Zentrum verliert. Zu viele nur lose verbundene Handlungslinien bleiben dann übrig.

Trotz alledem hat der Film ruppigen Charme. Was neben Hauptdarsteller Jacob Matschenz vor allem an Andreas Schmidt liegt, der sich hier einmal mehr als einer der derzeit besten deutschen Schauspieler erweist. Gekonnt hält er den leicht schmierigen Kleingangster Rudi in der Schwebe zwischen Lächerlichkeit und Bedrohlichkeit, sodass man nie weiß, was etwa an seinen Drogengeschichten dran ist und ob seine vermeintlichen RAF-Kontakte mehr sind als nur Sprücheklopferei. Zumindest nicht bis zu seinem letzten Auftritt. Die Loslösung von ihm wird jedenfalls ganz anders ausfallen, als Guido es sich wünscht.

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