Natural History

Tote Tiere sehen dich an. Sein zweiter in Europa gedrehter Film führt James Benning in den Keller des Wiener Naturhistorischen Museums und weg von der Kontemplation.

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Auch wenn Natural History erstmalig in Innenräumen spielt, kann man sich in ihm nicht so leicht einrichten wie in anderen James-Benning-Filmen. Den Bildern aus dem Naturhistorischen Museum in Wien – die fast durchweg aus dem Besuchern nicht zugänglichen Teil des Gebäudes stammen – ist der verlässliche Zeitrahmen entzogen, der für die Seherfahrung bei Benning normalerweise essenziell ist. Bleibt die Einstellungslänge sonst über die ganze Laufzeit stabil– zum Beispiel zehn Minuten pro See in 13 Lakes (2004) – oder wird durch das beobachtete Geschehen bestimmt– etwa wie lange ein Güterzug von einem Kaderrand zum anderen braucht (RR, 2007) oder eine Raucherin für eine Kippe (Twenty Cigarettes, 2011) –, da scheinen die Zeitspannen in Natural History weder regelmäßig noch vom Bildinhalt vorgegeben. Stattdessen richten sich die insgesamt 54 Aufnahmen nach den ersten 27 Ziffern der Kreiszahl Pi, wobei jeder Ziffer eine kurze und eine lange Einstellung zugeordnet ist – die längsten dauern etwa fünf Minuten, die kürzesten nur zwei Sekunden. Ein einigermaßen kompliziertes Muster, das einem, wenn man die Nummernfolge nicht gerade auswendig kann oder als Notiz zur Hand hat, bei der Betrachtung kaum gegenwärtig ist. Man weiß also nie, wie lange man Zeit hat, ein Bild zu erfassen oder, je nach Laune und Tagesform, in ihm zu versinken (oder zwischendurch an etwas anderes zu denken – Immersionsmuffel wie ich schätzen Benning-Filme auch wegen ihrer großzügig gewährten Abschweifungsräume).

Besuch bei fremden Verwandten

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Der unruhigen Montage steht eine mise-en-scène gegenüber, die weit stärker als bei Benning üblich zum Standbild tendiert. Beobachtet seine Kamera sonst – wenn mitunter auch äußerst langsame – Vorgänge (in Reinhard Wulfs Dokumentation Circling the Image (2003) weist Benning selbst darauf hin, dass seine Arbeit von still photography nicht weiter entfernt sein könnte; einen Fotoapparat benutzt er nur zur Rahmensuche, nie zum Knipsen), so enthält Natural History größtenteils Einstellungen, in denen buchstäblich nichts passiert, das Vergehen von Zeit keine sichtbare Rolle spielt, und das hat natürlich mit dem Gegenstand des Films zu tun: Statt auf Landschaften, die sich im Einfluss von Natur und Zivilisation wandeln, richtet sich der Blick diesmal auf von der Zivilisation eingehegte, vermessene, katalogisierte tote Natur.

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Ein passionierter Sammler und Sortierer von Lebensausschnitten sieht sich, gleich einem Besuch bei fremden Verwandten, an einem Arbeitsplatz um, der sich dem Sammeln und Sortieren stillgelegten Lebens widmet. Schmetterlinge in Schaukästen, Fische in Gläsern, ein bunter Vogel auf der Tischplatte, Esel und Zebras in der Abstellkammer, unverwandt ins Publikum starrend, ein Rudel Schakale, wie im Lauf eingefroren; je eine kurze und eine lange Einstellung zeigen menschliche Schädel. Meist schwer zu lesen, aber unübersehbar sind die Beschriftungen an den Behältern oder präparierten Körpern. Dazwischen Blicke in Büros und Labore; Bücher in deckenhohen Vitrinen, Close-ups auf Buchrücken mit Frakturschrift, und immer wieder Schubladen, Schranktüren, Karteikästen; ein Ort der Vermessung der Welt, dessen Aura von Aufklärung und Naturwissenschaft selbst musealen Charakter hat, ja ins Unheimliche driftet mit den dazwischen geschnittenen Bildern aus den toten Winkeln der Keller, bis hin zu einem Raum, in dem, die bizarrste Einstellung des Films, ein Dummy im Anzug und mit Schweinsmaske in der Ecke steht.

Lebendiges Hintergrundrauschen

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Dass Natural History auch zwischen den Schnitten in Bewegung bleibt, liegt vor allem an der hypersensiblen Tonspur. Das ständig präsente Hintergrundrauschen wechselt mit jeder Einstellung Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe, schwillt vor allem in den Kellerräumen mit ihren Rohren und Heizungsanlagen zu lautem Dröhnen, Zischen und Brummen an, macht das Gebäude selbst zu einem Organismus. Darüber immer wieder Geräusche, die auf Arbeitsbetrieb deuten: Schritte, Rücken von Gegenständen, Stimmengewirr mit österreichischem Akzent. Der Eindruck der Verlassenheit, den die Bilder erwecken, wird von der Tonspur konterkariert, als ein gesuchter, inszenierter ausgestellt. Zweimal schreitet ein Mensch an der Kameralinse vorbei – solche auch aus anderen Arbeiten des Regisseurs bekannten Momente erscheinen hier als Störungen, als Risse, tragen zur Verunheimlichung des Ortes dabei.

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Von Bennings oft genanntem Ideal einer Rückkehr zum frühen, prä-narrativen Kino, das sich in reiner Bildbetrachtung ergeht, entfernt sich dieser Film eher; zu sehr hält seine Form den Gedanken an ein übergeordnetes Konzept wach. Eher schon könnte man ihn in die ein paar Jährchen jüngere Tradition der Montage der Attraktionen stellen. Bildimmanent wie bildübergreifend lenkt Natural History die Aufmerksamkeit immer wieder auf Analogien und Kontraste, auf Ordnungen und Symmetrien und hat schon ohne den Pi-Überbau einen mathematischen Charakter. (Den Zusammenhang zwischen Pi und dem Museum hat der studierte Mathematiker Benning selbst in einem Begleittext weniger erklärt als aus historischen Eckdaten herstellt.)

A slight discomfort

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Es ist erfreulich zu sehen, dass der Experimentalfilmer James Benning zwar sehr um den Bestand seiner 16mm-Arbeiten bemüht ist, dem Übergang in die digitale Ära aber nicht mit Nostalgie, sondern mit unverändertem Entdeckungsgeist begegnet und auch bisher ungekannte Pfade betritt. Natural History ist von einer ganzen Reihe Kontemplationsblockern durchzogen, die ihn zu einer im Vergleich mit meditativen Studien wie 13 Lakes beinah schon stressigen Erfahrung machen, dessen Betrachtung die ganze Spielzeit einen slight discomfort erzeugt, aber eben auch in eine Anspannung versetzt, die wach hält und den Blick schärft. Es wäre diesem Film zu wünschen, dass er – so installationstauglich er fraglos ist – möglichst oft im Kino zu sehen ist. Nur arachnophobe Zuschauer sollten sich, wenn die fünfsekündige Käfer-Einstellung kommt, schon einmal vorsorglich für die nächsten zwei Minuten die Augen zuhalten.

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