National Gallery

Von wegen verstaubt. In einem der bekanntesten Museen der Welt zeigt Frederick Wiseman die Begegnung von Mensch und Kunstwerk als aufregenden Dialog.

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Es ist schon komisch, wenn Schüler plötzlich ihre Lehrer überholen. Auf der diesjährigen Berlinale widmete sich etwa der österreichische Regisseur Johannes Holzhausen den vielen Rädchen im Getriebe des Kunsthistorischen Museums in Wien. Seine Vorgehensweise, eine Institution mit all ihren Bereichen zu durchleuchten und dabei nicht auf Talking Heads, sondern auf eine explizit filmische Form zu vertrauen, erinnerte stark an den Dokumentarfilm-Veteranen Frederick Wiseman. Ein halbes Jahr später stellt Wiseman nun seinen eigenen Museumsfilm in Cannes vor. Und obwohl sich der Meister für seine Betrachtungen deutlich mehr Zeit nimmt als Holzhausen, folgt er nicht dem totalitären Anspruch, allem, was sich hinter den Mauern des Londoner Museums abspielt, gerecht werden zu müssen.

Jeder blickt anders auf die Bilder

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Worum es in National Gallery eigentlich geht, legt der Film gleich in den ersten Einstellungen offen. In einem gleichmäßigen Stakkato werden Porträts aus der Sammlung mit Aufnahmen von Besuchern, die sich diese Bilder ansehen, kombiniert. Im Schuss-Gegenschuss-Wechsel treffen sich die Blicke. Eine dynamische Beziehung zwischen leblosem Kunstwerk und interessiertem Betrachter entsteht, der Wiseman in den folgenden drei Stunden nachgeht. Er erzählt von den verschiedenen Formen der Kunstvermittlung, von einem Nachdenken und Sprechen über Kunst, das immer wieder revidiert werden muss. Eine der vielen erstklassigen Museumsführerinnen, die Wiseman auftreten lässt, erklärt vor Jan Vermeers „Stehender Virginalspielerin“, dass nicht nur jeder Mensch mit anderen Augen auf ein Gemälde schaut, sondern sich auch der Blick des Einzelnen in einem ständigen Wandel befindet und ein Bild, je nach Lebensstadium und Gemütszustand, mit anderen Augen gesehen wird. Und ohne ein Publikum gibt es sowieso keine Kunst.

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Wiseman hat schon immer gerne Menschen in sozialen Situationen beim Reden zugesehen. Die Sprache in National Gallery ist die eines bestimmten, eher bildungsbürgerlichen Milieus, die sich in ihren Feinheiten aber doch von Vortragendem zu Vortragendem sehr stark unterscheidet. Wir haben es hier mit geschulten Rhetorikern zu tun, die mit ansteckender Begeisterung zu ergründen versuchen, was uns die Gemälde von Tizian und William Turner, von Caravaggio und Rubens, von Leonardo und van Gogh heute eigentlich noch zu erzählen haben. Warum sind etwa arbeitende Bauern bei einer Märtyrerszene so prominent platziert? Unter welchen Bedingungen wurde das Beten vor einem gotischen Flügelaltar zu einem transzendentalen Erlebnis? Und mit welcher Maltechnik ist das Bild überhaupt entstanden? Mitunter wirkt National Gallery selbst wie eine multimediale Führung und auch ein Beispiel für gelungene Kunstvermittlung. Spannende Einblicke in die westliche Kunstgeschichte werden hier gewährt, die durch präzise Schnitte auf Bilddetails immer anschaulich bleiben. Der Film schaut aber auch hinter die Kulissen, zeichnet den Weg der Bilder, der vom Restaurator bis zur richtigen Lichtsetzung verläuft, nach. Vermittlung ist für Wiseman nicht nur ein Dialog mit Experten, sondern schließt auch Konservierung, Inszenierung und Vermarktung mit ein.

Kunst für alle

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Wiseman interessiert sich mehr für die Beziehung zwischen Kunstwerk und Einzelnem als für den institutionellen Rahmen, den eines der meistbesuchten Museen der Welt bildet. Wenn er sich dann einmal von den Ausstellungsräumen in eine Konferenz begibt, wird dort bezeichnenderweise darüber diskutiert, wie sehr man sich marketingstrategisch anbiedern muss, um auch Menschen ins Museum zu locken, die mit Kunst eigentlich nichts am Hut haben. Später ist eine gigantische Menschenschlange zu sehen, die sich anlässlich einer Hit-Ausstellung über Leonardo da Vinci um das klassizistische Gebäude windet. Die Kunst ist hier längst zum Event geworden. Ohne zu werten, interessiert sich Wiseman für alle Möglichkeiten, mit denen ein Museum Besucher anlocken kann, selbst für fragwürdige Crossover-Veranstaltungen wie Klavierkonzerte und Ballettabende vor den alten Meistern.

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Im Wisemans Alterswerk lässt sich schon länger ein Kurswechsel feststellen. Ging es in früheren Filmen wie Titicut Follies (1967), High School (1968) und Basic Training (1971) noch darum, gesellschaftliche Missstände zu zeigen, hat sich der Regisseur mittlerweile in Bildungsstätten (At Berkeley, 2013) und Tempel der Hochkultur (La danse, 2009) zurückgezogen. Gesellschaftskritik kommt darin, wenn überhaupt, nur noch am Rande vor. Für die problematischen Aspekte der Institution Museum wie die schlechte Bezahlung des Aufsichts- und Putzpersonals interessiert sich Wiseman zum Beispiel gar nicht. Für ihn ist die National Gallery vor allem als offenes Archiv für bedeutende Kunstschätze interessant.

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In seinen neueren Filmen konzentriert sich Wiseman gerne auf gelebte Utopien. Und so wie Berkeley eine Universität für sämtliche Ethnien und Gesellschaftsschichten ist, richtet sich auch die National Gallery, wie seit 2001 alle staatlichen Museen in Großbritannien, mit freiem Eintritt sowie einem umfassenden Vermittlungsprogramm an jeden, den es interessiert. Kunst, so legt der Film nahe, ist schließlich für alle da. Fast jede Bevölkerungsgruppe bekommt hier ihre eigene Führung, von Kindern bis zu Blinden. Und dass die Kunst auch immer etwas mit dem Leben zu tun hat, daran bleibt nach diesem Film ohnehin kein Zweifel. Nicht nur dann, wenn sich die universalen Konflikte des Menschseins zwischen mythologischen und religiösen Motiven finden, sondern auch, wenn in Bildern die unrühmliche Vergangenheit Englands durchschimmert. Man muss nur genau hinsehen, dann sieht man auch die Sklavenschiffe im Hintergrund eines romantischen Hafengemäldes.

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