Nathalie küsst

In ihrem Regiedebüt lassen die Brüder Foenkinos eine verwirrte Männerwelt die Anmut Audrey Tautous anbeten.

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Nathalie küsst. Vor allem einmal, da tut sie es ganz spontan und stürmisch, und das in ihrem Büro, und dann ist das Objekt ihrer Begierde auch noch der wenig attraktive Markus (François Damiens), der seine Chefin eigentlich nur zu einem geschäftlichen Vorgang befragen wollte. Markus ist ein Schwede, der zwar schon seit langer Zeit in Paris lebt, aber nicht so recht hineinpasst ins Bild der Weltstadt. Er ist etwas groß geraten, ziemlich behaart, im Gesicht meist ungepflegt und darunter äußerst bieder gekleidet, eine skandinavische Version von Paul Giamatti, unauffällig oder für die meisten Pariser gar nicht existent. Als er nun von seiner bildschönen Chefin nach allen Regeln der Kunst abgeknutscht wird, ist Markus ziemlich fertig mit der Welt. Vor allem weil Nathalie (Audrey Tautou) am Tag danach das Ereignis abtut und sich entschuldigt.

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Als dieser Konflikt einsetzt, ist schon ziemlich viel passiert in der Romanverfilmung der Brüder David und Stéphane Foenkinos. Die elliptische Erzählweise vor allem im ersten Teil war wohl eine Anpassung von Davids Erfolgsroman ans filmische Medium. Nach der ersten sehr klassischen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Sequenz zwischen Nathalie und François (Pio Marmaї) werden zwischen manchen Szenen durchaus mal ein paar Jahre übersprungen. So kitschig diese Übergänge gelegentlich wirken, sie sind zumindest so elegant, dass man als Zuschauer weniger irritiert als vielmehr beschwingt im zweiten Akt ankommt. Dort ist dann klar, dass die Romanze, mit der Nathalie küsst beginnt, nicht Thema des Films, sondern nur Auslöser für seinen eigentlichen Plot ist: Nathalie und François heiraten, doch schon bald darauf verliert der junge Mann nach einem tragischen Unfall das Leben, und Nathalie stürzt sich dermaßen in die Arbeit, dass sie in wenigen Jahren ihre eigene Abteilung leitet.

Der schwedische Angestellte Markus übernimmt dann die Rolle des Neuen in Nathalies Leben, der nach vielen Jahren der Trauer und Ablenkung die Frage aufwirft, ob sie sich noch einmal verlieben kann. Diese narrative Grundfigur wird in Nathalie küsst (La délicatesse) mit einem anderen beliebten Motiv vermischt: dem des ungleichen Paares. So wirkt über die Laufzeit des Films zwar manches vertraut und konventionell, doch variieren die Brüder Foenkinos diese bekannten Elemente auf erfrischende Weise und verzichten vor allem auf Erklärung und Manipulation ihrer Hauptfigur.

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Wenn Nathalie einmal auf einer Seine-Brücke steht und der Eiffelturm im Hintergrund glänzt, dann wird deutlich, wie diese Protagonistin (und deshalb passt die Besetzung von Audrey Tautou ganz gut) selbst ein Klischee ist: die schüchterne, hübsche Französin, die zum Paris-Bild gehört wie das Wahrzeichen der Stadt selbst. Diese Objektivierung findet sich auch in der Handlung des Films wieder. Zwar bleibt Nathalie küsst stets die Geschichte der Titelheldin, vor allem aber hören wir andere über sie sprechen. Von der Anfangsszene des Films in einem Café (Was wird sie bestellen?) wird die Frage nach ihrem Begehren gestellt, und diese lässt der Film sympathisch lange unbeantwortet. Bis auf ihren rätselhaften Überfall, der für den deutschen Filmtitel verantwortlich ist, ergreift sie fast nie die Initiative, sondern reagiert stetig auf eine Männerwelt, die in ihr den Gipfel weiblicher Schönheit auszumachen meint – für ihren aufdringlichen Chef bricht eine Welt zusammen, als er von Markus und Nathalie erfährt. Und der Schwede selbst findet das Bild Nathalies vor dem Eiffelturm so absurd wie wir und nimmt Reißaus, weil er versteht, dass eine „Frau wie Nathalie“, diese Halbgöttin, ihn nur unglücklich machen kann. Ihre Schönheit wird für Nathalie zur Falle, zur Diskriminierung durch die Hintertür der Anbetung.

Ihre Zuneigung zu Markus ist deshalb fast ein Akt der Rebellion, nicht zuletzt gegen ihre Freundinnen, die ebenso wenig wie der chauvinistische Chef glauben können, dass der Großvater vor der Haustür tatsächlich Nathalies neuer Freund ist. Das ungleiche Paar überwindet hier keine ethnischen oder schichtspezifischen Grenzen, sondern greift die ästhetischen Normvorstellungen der Mittelklasse an, die in Bezug auf Markus eigentlich nur ein Urteil zulassen: „Der geht ja mal gar nicht.“

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So gibt es in diesem sich harmlos gebenden Film eine ganze Menge zu entdecken, was über die Schwächen der ersten Regiearbeit der Brüder Foenkinos zumindest hinwegtröstet: Ihre Inszenierung schwankt etwas sehr stark zwischen Soap-Opera-Ästhetik und betont filmischen Elementen wie Tracking Shots und Voice-overs, Nebenfiguren tauchen aus dem Nichts wieder auf, wenn sie gerade gebraucht werden, und die Songs von Émilie Simon sind zwar meist nett anzuhören, aber doch ein relativ billiges Mittel, um uns in die richtige Stimmung zu versetzen. Aber so richtig böse will man den beiden dafür nicht sein. Nathalie küsst ist eine nette RomCom-Variante, die auf die übliche bieder-lebensbejahende Haltung des Genres verzichtet und an deren Ende kein wissendes Lächeln vom Glück bis ans Ende aller Tage zurückbleibt, sondern ein Wohlfühlen im Moment, eine Rebellion und ein Rätsel. 

Trailer zu „Nathalie küsst“


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Kommentare


Helmut Schiestl

Habe den Film auch recht gut gefunden. Nur eine Szene habe ich nicht verstanden. Zu wem geht Natalie eigentlich, bevor sie sich letztlich wirklich zu Markus bekennt. Da sieht man, wie sie zu einem Mann geht, ihn umarmt und zu weinen beginnt. Das ist eine ganz kurze Szene. und ich habe nicht gecheckt, wer das ist? Kann mir jemand weiterhelfen?


uwe wöllner

ich glaube, dieser mann ist ein alter freund von nathalie und ihrem verstorbenen mann. man sieht ihn am anfang des films, z.b. als nathalie in der klinik ankommt.


Istvan

Das ist ihr Vater.






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