Napoleon

Überlebensgroß: Bonaparte in Polyvision.

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Abel Gances ambitioniertes, ursprünglich als sechsteilige Filmreihe angelegtes Fragment Napoleon (Napoléon, 1927) galt schon vielen Zeitgenossen – wie seinerzeit auch David Wark Griffiths stilbildendes Historienepos Die Geburt einer Nation (The Birth of a Nation, 1915) oder Fritz Langs zweiteilige Ufa-Produktion Die Nibelungen (1924) – als reaktionäres Werk, das sich im Gewand des Historienfilms ausgesprochen demokratiekritisch gebärdet. Eine Relektüre des Films bestätigt diesen Verdacht: Was als vierstündiges Biopic daherkommt, ist schlechterdings ein Propagandastreifen, ein filmischer Indoktrinationsversuch, der seine totalitaristischen Tendenzen gerade durch die historische Thematik zu legitimieren versucht, zugleich jedoch unmissverständlich auf die politische Gegenwart Frankreichs der späten 1920er Jahre ummünzt.

Gance zeichnet hier ein restauratives Geschichtsbild, das sichtlich der Genieästhetik des 19. Jahrhunderts verhaftet bleibt und schon den werdenden Diktator mit dem ingeniösen Künstlertypus gleichsetzt. Die Inszenierung Napoleons als Übermensch, der die Geschicke Europas heldenhaft und in förmlich messianischem Habitus lenkt, etabliert einen fragwürdigen Führerkult und wirkt oftmals unfreiwillig komisch. Demgegenüber erscheinen die Revolutionäre von 1789 schlicht als Bestien, die, so will der Regisseur uns glauben machen, nur durch die Alleinherrschaft eines fähigen Staatsmannes zu bezwingen seien. Solcherart propagandistische Absichten bewirken ein geradezu schmerzliches Auseinanderstreben von Form und Inhalt; allerdings kann die prekäre politische Sichtweise des Films – die erklärtermaßen Gance’ eigener Haltung entspricht – nicht über seine außerordentlichen formalästhetischen Qualitäten hinwegtäuschen.

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Am Vorabend der Tonfilmära realisiert, stellt Napoleon so etwas wie die Summe der künstlerischen Errungenschaften des Stummfilms dar. Schon die Anfangsszene, die den halbwüchsigen Bonaparte inmitten einer Schneeballschlacht zeigt, vereint eine Fülle filmtechnischer Gestaltungsmittel: rasche Schnittfolgen, Mehrfachbelichtungen und den innovativen Einsatz einer wahrhaft entfesselten Kamera, die hier in gleichsam impressionistischer Weise, um den Effekt eines Schneeballhagels zu simulieren, durch die Luft geschleudert wurde, wodurch raumzeitliche Bezüge vorübergehend außer Kraft gesetzt sind.

Bereits hier zeigt sich der junge Bonaparte schon ganz als Feldherr: In Unterzahl kämpfend, dirigiert er seine Mannen zum schon verloren geglaubten Sieg. Es ist die spielerische Erprobung dessen, was erst auf den Schlachtfeldern blutiger Ernst werden sollte – tatsächlich wird er eines Tages Phélipeaux und Peccaduc, seinen Gegnern bei der Schneeballschlacht, im blutigen Eroberungszug von Toulon gegenüberstehen. Diesem erzählerischen Vorgriff, hier noch durch Zwischentitel illustriert, folgt sogleich die metaphorische Vorwegnahme seines Todes, als im Geografieunterricht die südatlantische Insel St. Helena, Napoleons Verbannungs- und Sterbeort, erwähnt wird: Bonaparte starrt ins Leere, als ahnte er sein Schicksal schon voraus. Somit wird die einleitende Sequenz in der Kadettenanstalt zur gedachten Klammer zwischen den ersten strategischen Erfolgen des Offiziersanwärters und seinem Tod, wobei Gance’ Vorhaben einer lebensumspannenden Filmbiografie Napoleons, die er aus wirtschaftlichen Gründen dann nicht mehr verwirklichen konnte, bereits erkennbar durchscheint.

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Zu den Höhepunkten des Films zählt zweifellos Napoleons Flucht von Korsika im Jahre 1793, die eine zeitgleich stattfindende, hitzige Konventsversammlung im Tuilerienpalast effektvoll kontrastiert: In Ermangelung eines Segels hisst Napoleon auf seiner gekaperten Jolle kurzerhand die französische Trikolore und gerät anschließend in einen schweren Sturm, während in Paris die Jakobiner unter Robespierre zusehends die Oberhand gewinnen. Das beständige Vor- und Zurückwippen der Kamera, die zu diesem Zweck auf eine Schaukel über den Konvent montiert wurde, inszeniert die Versammlung als erzürntes Menschenmeer, als gleichsam wogende unstete Masse, die ebenso unbezähmbar wie wankelmütig und denselben triebhaften Naturgesetzen unterworfen ist wie eine Sturmflut. Durch die Parallelisierung der Ereignisse, die Verschränkung von Innen- und Außenraum, von Naturgewalten und der künstlichen, von Menschen erzeugten Gewalt, vom Einzelnen und den folgenschweren kollektiven Entscheidungsprozessen, die das Schicksal Frankreichs bis auf Weiteres bestimmen sollten, wird das politische Geschacher hier zum Naturereignis verklärt.

Gance nimmt sichtlich Anleihen bei der französischen Historienmalerei eines Antoine-Jean Gros oder François Gérard – erkennbar vor allem an der behutsamen wie dramatischen Ausleuchtung der Interieurs, die das siebenköpfige Kamerateam um Jules Kruger zu stimmungsvollen, sorgfältig komponierten Gemälden arrangiert, und nicht minder deutlich in der finalen Schlachtsequenz des Italienfeldzugs von 1796, die augenblicklich und in offenbar bewusst antizipierendem Gestus Gros’ Bonaparte an der Brücke von Arcole (1796) oder auch  Die Schlacht von Nazareth (1801) in Erinnerung ruft.

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Bezüge zu einer langen Tradition des Historienbildes sind evident: Gance’ berühmtes Polyvisions-Verfahren, bei dem drei Kameras zu einem monumentalen Triptychon verschaltet sind, erzeugt für sich genommen schon ein gemäldegleiches Format, das nicht nur die ersten Cinemascope-Aufnahmen um gut 25 Jahre vorwegnimmt, sondern gewiss auch ein Ansatzpunkt für eine vergleichende transmediale Studie über den Einfluss traditioneller Bildkünste auf diesen Film wäre. In diesem Sinne ist Napoleon – wie auch Gances schwülstige Tonfilmfortsetzung Austerlitz (1960) – der direkte filmische Nachfahr des affirmativen, die Wahrung der Staatsräson propagierenden Historiengemäldes eines Gros, Jacques-Louis David oder Eugène Devéria, das die Geschichtsklitterung nicht scheut und historisch verbürgte Tatsachen, indem es sie fortwährend idealisiert, ebenso entschärft wie künstlerisch entstellt.

Nun hat das Label Arthaus dieses bedeutende Filmepos in der aufwändig restaurierten, rund vierstündigen Schnittfassung veröffentlicht, die seinerzeit unter der Aufsicht von Francis Ford Coppolas Produktionsfirma American Zoetrope aus Kevin Brownlows umfangreicherer Rekonstruktion aus den 1970er Jahren erstellt worden ist und im Januar 1981 ihre Premiere in der New Yorker Radio City Music Hall feierte. Diese großzügig ausgestattete Neuerscheinung, veröffentlicht als Doppel-DVD mit umfangreichem Begleitmaterial, ist ein sehenswertes Sammlerstück und schließt eine wichtige Lücke in der digitalen Edition von Stummfilmklassikern.

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Kommentare


Christian | DVDuell.de

Wichtig wäre vielleicht noch die Info, dass es sich auf der DVD nicht um die umfangreichere Restaurierung von Kevin Brownlow handelt. Brownlow rekonstruierte den Film in den 70er Jahren. Am 31. August 1979 wurde diese Fassung inklusive des Polyvision-Verfahrens im Beisein von Abel Gance beim Telluride Film Festival in Telluride, Colorado erstmals mit einem neuen Score von Carl Davis aufgeführt. 1981 brachte Francis Ford Coppolas American Zoetrope über Universal den Film wieder auf die US-Leinwände, allerdings handelte es sich um eine umgeschnittenen und gekürzte Fassung von Brownlows Restaurierung mit einem Score von Francis Ford Coppolas Vater Carmine Coppola. Die Premiere dieser Version fand am 23. Januar 1981 in der Radio City Music Hall in New York statt. Die ist die Fassung, die auf der oben besprochenen DVD enthalten ist.

Kevin Brownlow hingegen arbeitete weiterhin an der Restaurierung und Rekonstruktion. Im Jahr 2000 konnte er eine Fassung von ca. 330 Minuten bei 20 Bildern pro Sekunde präsentieren, die gegenüber der 1979er-Version um mehr als 30 Minuten an Material ergänzt werden konnte. Für diese Fassung erweiterete Carl Davis seine Filmmusik.

Brownlows Restaurierung wurde Ende März/Anfang April an vier Abenden im wunderschönen Art-Deco-Kinopalast "Paramount Theatre" in Oakland, Kalifornien gezeigt. Ein Kinoereignis, bei dem ich gerne anwesend gewesen wäre.


Frédéric

Danke für den Hinweis, Christian. Wir haben den letzten Absatz ergänzt.






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