Napola – Elite für den Führer
Der Lehrer einer Eliteschule wird auf den Arbeitersohn Friedrich aufmerksam. Stolz ergreift der Junge die Chance, aus der beengenden Armut auszubrechen, aber die Schule hält für ihn eher Konflikte als Möglichkeiten bereit. Der als Pubertäts-Studie vielleicht nicht ganz misslungene Film trägt schwer an einem Dilemma: Er spielt im nationalsozialistischen Deutschland des Jahres 1942.

„Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde“ – so sollte die deutsche Jugend sein. Als Hitler dies noch vor Kriegsbeginn forderte, waren Vorbereitungen für Gymnasien, in denen die „kommende Elite“ herangestählt werden sollte, längst abgeschlossen: Man nannte sie „National-Politische Erziehungsanstalten“, kurz: „Napola“. Mit dem Traum, der sich wohl eher aus den Wunschvorstellungen der Lehrer ableitete, einmal Gauleiter von Washington, London, Moskau, Peking zu werden, lernten die Schüler auf diesen Schulen.
Regisseur Dennis Gansel und seine Co-Autorin Maggie Peren, die beide auch für den Kinoerfolg Mädchen Mädchen! (2001) verantwortlich zeichnen, den fast 2 Millionen deutsche Kinozuschauer gesehen haben, nahmen sich dieser Napolas an, nachdem Produzenten sie gebeten hatten, „eine Jugendgeschichte zu machen, die im Dritten Reich spielt“. So berichtet es Maggie Peren, und es traf sich gut, dass Dennis Gansels Großvater Fritz Gansel als Schüler, und später sogar als Ausbilder, mit diesen Schulen vertraut war. Dabei kam ein Drehbuch heraus, das 2003 den Deutschen Filmpreis für das Beste unverfilmte Drehbuch erhielt und jetzt ein Film auf die Leinwand, der auch im Fahrwasser des Erfolges von Der Untergang wohl eine Menge Zuschauer interessieren wird – erschreckend wäre, wenn er vielen gefallen und schlimm, wenn das Gesehene geglaubt würde. Denn so wie Hirschbiegels/Eichingers gigantomanischer Film mit der unerhört neuen These aufwartete, dass Hitler auch nur ein Mensch war, liefert Napola – Elite für den Führer (den Untertitel allein sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen!) die interessante Beobachtung, dass es auf den Schulen der Nazis im Grunde so zuging, wie es auf Schulen nun mal zugeht: Unangenehme Lehrer, Kameradschaft unter den Schülern und sensible Charaktere, die am Schulsystem zerbrechen. Das alles ist anders gezeigt als bisherige Napola-Inszenierungen: Volker Schlöndorff hat versucht, in Der Unhold (1996) zu zeigen, wie die Schüler dazu bereit gemacht werden, nur noch als Rädchen in einer „choreographierten“ Kriegs-Maschinerie verbraucht zu werden. Vor allem aber in Agnieszka Hollands Hitlerjunge Salomon (1990) ist die Napola und auch (fast) jeder Schüler an ihr, tatsächlich lebensbedrohend – die Schule wird hier aus der Sicht eines verfolgten Juden geschildert, der sich dort versteckt.

In Napola nun geht es um den adretten Berliner Arbeiterjungen Friedrich Weimer (Max Riemelt), der bei einem Boxkampf dem netten Lehrer Heinrich Vogler (Devid Striesow) auffällt und eingeladen wird, seine Ausbildung in einer Napola abzuschließen. Friedrichs Boxkollegen sind begeistert: „Dit is die Elite!“ Der Alltag an der Schule – wie er im Film vermittelt wird – besteht dann im Wesentlichen aus körperlicher Ertüchtigung. Dementsprechend ist der Sportlehrer in Napola die zentrale Lehrerfigur und zugleich Verkörperung des Bösen: Josef Peiner (Michael Schenk) schikaniert aber nicht nur die Bettnässer, er ist vor allem ein Feigling. – Friedrich lernt aber auch einen neuen Freund kennen: Albrecht Stein (Tom Schilling). Der Sohn des Gauleiters ist ein schüchterner, verzärtelter Intellektueller, der die Schülerzeitung herausgibt und am liebsten Gedichte schreibt.
Max Riemelt gibt sich viel Mühe, den Entwicklungsprozess vom einfachen Proletarierkind hin zu einem kritischer denkenden Erwachsenen glaubhaft zu verkörpern. Das Drehbuch unterstützt ihn dabei allerdings nicht. Die für seine Entwicklung bereitgestellten Ereignisse sind allesamt Klischees – bis hin zu Albrecht Stein als den intelligenten, auch ein bisschen androgynen Freund. Bei jeder dieser Entwicklungsetappen weiß der Zuschauer nicht nur wie sie verlaufen wird, er kennt auch deren Ende schon. Dass es sich genauso bei Tom Schillings Rolle verhält, kann man sich denken: Differenziert arbeitet Schilling die seelischen Verletzungen heraus, die seinem Part nicht zuletzt vom Vater zugefügt werden. Aber auch bei ihm ahnt man von Anfang an, wie er enden wird.

Während man hier aber vieles noch getrost zum missglückten Bereich des Ästhetischen zählen könnte, bewegt sich die Handlungsebene des Filmes bedenklich nah an der Schwelle zur Geschichtsklitterung. Wie jeder Film braucht auch Napola Identifikationsfiguren; deshalb aber aus den angehenden nationalsozialistischen Gauleitern kurzerhand kritisch denkende und im Grunde gegen das NS-System stehende Jugendliche zu machen ist fragwürdig. Was hier an diesem Film zu beobachten ist, muss man aber sehr ernst nehmen. Regisseur und Drehbuchautor Dennis Gansel ist 1973 geboren, seine Co-Auorin Maggie Peren 1974. Beide sollten den Nationalsozialismus aus Büchern und Dokumentarmaterial kennen und dies wiederum sollte sie auch davor bewahren, Erinnerungen ehemaliger Napola-Schüler so gänzlich unreflektiert zu übernehmen, wie es hier geschehen ist. Der nachvollziehbare und richtige Gedanke, das Problem der Emotionalisierung der Menschen durch den Nationalsozialismus auch künstlerisch-emotional zu gestalten, entlässt aber nicht aus der Pflicht, die Quellen kritisch zu hinterfragen.
Filmkritik von Roberto Dzugan
Veröffentlicht am 12.01.2005
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Film-Angaben
Titel: Napola – Elite für den Führer
Deutschland 2004
Laufzeit: 110 Minuten
Regie: Dennis Gansel
Drehbuch: Dennis Gansel, Maggie Peren
Produktion: Molly von Fürstenberg, Viola Jäger, Harald Kügler
Darsteller: Max Riemelt, Tom Schilling, Devid Striesow, Justus von Dohnányi, Michael Schenk
Kinostart: 13.01.2005
Copyright Napola – Elite für den Führer
Fotos: © Constantin
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