Nanny Diaries
Eine ahnungslose Studentin aus New Jersey wird zur quasi-leibeigenen Nanny an der Upper East Side. Hier prallen unterschiedliche Lebenswelten sehr amüsant mit ziemlicher Wucht aufeinander.
Es ist eher der Zufall, vermischt mit einer gewissen Trägheit in der Entscheidungsfindung, der Annie Braddock (Scarlett Johansson) zu ihrem Job als Kindermädchen an der Upper East Side verhilft. Und während sich die College-Absolventin mit Nebenfach Anthropologie noch geschmeichelt dabei fühlt, wie sie von reichen New Yorkerinnen auf Nanny-Suche umworben wird, relativiert sich das Glück sehr schnell, nachdem sie einmal ihre Stelle bei Mrs. X (Laura Linney) angetreten hat.
So riesig das Appartement der X auch sein mag, Annies Zimmer ist ein winziges Loch direkt neben der Waschküche mit einem kleinen Fenster ohne direktes Sonnenlicht. Rund um die Uhr muss die junge Frau jetzt für ihren Schützling Grayer (Nicholas Art) und für die Anweisungen der Hausherrin da sein. Mrs. X selbst hat keine Zeit für ihren Nachwuchs, sie muss Wohltätigkeitsdinner veranstalten und ihre Yogazeiten wahrnehmen.
Dass Nanny Diaries (The Nanny Diaries) sich zumindest dem ersten Anschein nach Annies ethnologisch geschulten Blick als Grundperspektive gibt, ist eigentlich kein schlechter Schachzug, ermöglicht er doch einen Blick auf Bekanntes, der dieses erst wieder fremd und damit beschreibbar macht. Für den Blick auf die völlig überzeichneten Lebensumstände von Familie X ist ein solch distanzierter Blick freilich nicht nötig, dafür wirkt sie von Anfang an zu übertrieben dysfunktional.
Der Vater, dessen Gesicht bezeichnenderweise nicht zu sehen ist, bis Annie ihn in flagranti mit einer Geliebten antrifft, interessiert sich vor allem für seine Arbeit, während seine Frau wie ein hysterischer Kontrollfreak wirkt, die die Affäre ihres Mannes sehenden Auges ignoriert und weder sich noch ihrem Kind gegenüber zu emotionalen Regungen in der Lage ist. Dass diese Figur nicht zu einem völlig unerträglichen Zerrbild gerät, ist Laura Linney zu verdanken – durch ihr Schauspiel wird diese Frau verzweifelt, neurotisch und trotz all ihrer Grausamkeit und Härte auch Annie gegenüber sogar bemitleidenswert.
Solche ernsthaften Töne gehören aber erst der zweiten Hälfte des Films, nachdem sich die Handlung vorher fest im Komödiantischen etabliert hat. Denn natürlich ist ihre völlige Unerfahrenheit in Sachen Kindererziehung, die gleich von dem verzogenen Grayer auf die Probe gestellt wird, ebenso Quell großer Heiterkeit und Peinlichkeit wie ihre Konflikte mit Mrs. X, die sie wie eine Leibeigene behandelt. In Annies Tagträumen spielt der Film auch immer wieder auf Robert Stevensons Mary Poppins (1964) an. Eine heile Welt aber kann Nanny Diaries bis zum Schluss nicht versprechen.
Allerdings weicht der Film allzu komplexen Fragestellungen und Problemen auch aus. So wird zwar kurz angesprochen, dass Annie aus einer sehr privilegierten Position heraus Nanny geworden ist, während ihre Kolleginnen, mit denen sie am Rande zu tun hat, allesamt aus schlichter Not die Kinder reicher Eltern versorgen. Die hier schlummernden Fragen nach Ausbeutung und gesellschaftlicher Ungleichheit werden aber sogleich wieder fallengelassen: Der Film kümmert sich lieber um die Probleme der Privilegierten.
Auch das etwas schmalzig geratene Ende hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack. Denn unter all den verschiedenen Weiblichkeitsmodellen, die der Film zum Teil im wörtlichen Sinne mit Plastikfiguren in den Schaukästen eines Naturkundemuseums ausstellt, präsentiert er zuletzt in den rosigsten Farben eines, in dessen Zentrum die Kindererziehung zu stehen scheint. Dass Kinder hier bei weitgehend abwesenden Männern ganz in den Tätigkeitsbereich der Frauen fallen, ist politisch schon sehr rückwärtsgewandt und den starken Frauenfiguren des Films auch nicht angemessen. Zu allem Überfluss sind auch in den ethnographischen Schaukästen vor allem Frauen mit den Kindern beschäftigt – unterschwellig arbeitet der Film so daran, die Bestimmung der Frau zu Mutterschaft und Erziehung nicht nur zu feiern, sondern sogar zu naturalisieren.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 14.08.2008
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Film-Angaben
Titel: Nanny Diaries
Originaltitel: The Nanny Diaries
USA 2007
Laufzeit: 106 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Regie: Shari Springer Berman, Robert Pulcini
Drehbuch: Shari Springer Berman, Robert Pulcini
Basierend auf The Nanny Diaries (2002) von: Emma McLaughlin, Nicola Kraus
Produktion: Harvey Weinstein, Bob Weinstein, Kelly Carmichael, Dany Wolf
Bildgestaltung: Terry Stacey
Montage: Robert Pulcini
Musik: Mark Suozzo
Darsteller: Scarlett Johansson, Laura Linney, Paul Giamatti, Chris Evans, Nicholas Art, Alicia Keys
Kinostart: 14.08.2008
DVD-Angaben
Titel: Nanny Diaries
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Englisch (DD 5.1), Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 100 Minuten
Extras: Making Of; Interviews; Deleted Scenes
Verleih ab: 11.03.2009
Verkauf ab: 08.05.2009
Copyright Nanny Diaries
Fotos: © Central Film
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