Naked Opera

Reality scripted by Mozart.

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Dass das Leben vor der Kamera sich so auch ohne Kamera abspielen würde, erscheint beim Ansehen von Angela Christliebs Dokumentarfilm Naked Opera geradezu absurd. Christlieb täuscht nicht vor, echtes Leben erbeutet zu haben, das mit der Kamera und den Menschen dahinter (der Regisseurin, der Autorin, dem Kameramann, der Schnittmeisterin, der Produzentin ...) nichts zu tun hat. Stattdessen dokumentiert und inszeniert sie Wirklichkeiten, die ohne den Dokumentarfilm gar nicht denkbar wären und die ihre Gemachtheit offensiv ausstellen und reflektieren: echt dokumentiertes Leben.

Traumwelten und Kinofantasien waren schon in Cinemania (2002) und Urville (2009) fester Bestandteil von Christliebs Erzählungen aus der Realität und deren Protagonisten. In Naked Opera ist es die Oper Don Giovanni, um die das Leben von Haupt- und Selbstdarsteller Marc Rollinger kreist. Rollinger, in der Summe seiner Eigenschaften auf den ersten Blick mehr Romanfigur als Mensch, ist ein kultivierter, wohlhabender, homosexueller, schwerkranker Mann. Und obwohl an sich kein großer Opernliebhaber, ist er besessen von Mozarts Interpretation des Don-Juan-Themas. Don Giovanni bestimmt Rollingers Leben, spukt durch seinen Geist und bringt ihn immer wieder dazu, seine Heimat Luxemburg zu verlassen, um Aufführungen seiner geliebten Oper auf der ganzen Welt zu besuchen.

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Das Drehbuch von Patricia Fürst und Christliebs Adaption greifen diese Obsession und auch Rollingers Lust an der Selbstinszenierung dankbar auf, indem sie grob der Dramaturgie des Librettos von Lorenzo da Ponte folgen. Immer wieder unterbrechen Szenen aus Joseph Loseys Don-Giovanni-Verfilmung von 1979 die dokumentarischen Aufnahmen und scheinen Rollingers Leben zunächst nur zu doppeln: So wie Don Giovannis Diener Leporello mit der Registerarie Madamina, il catalogo è questo die unzähligen Liebschaften seines Herren aufzählt, scrollt Rollinger am heimischen PC durch die Schnappschüsse halbnackter Escort Boys, die er sich schon geleistet hat. Ein bloßes Update, könnte man meinen, das den Frauenhelden als schwulen Sugardaddy denkt.

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Doch mit zunehmender Laufzeit driften Don Giovanni und Rollinger immer weiter auseinander, das Bild des selbstbewussten, bisweilen arroganten Rollinger bekommt Risse: Das ökonomische und kulturelle Kapital, über das er verfügt und mit dem er versucht, all die jungen, muskulösen Männer für sich zu gewinnen, hat seine Grenzen, von Einsamkeit und Langeweile kann es ihn nicht befreien. Geradezu verloren wirkt Rollinger, als er mit einem Freund, einem Pornostar, in den er verliebt ist, eine Preisverleihung der schwulen Pornofilmindustrie besucht. Fernab der Sphären der Hochkultur, im Angesicht aufgepumpter Männlichkeit und hemmungslos ausgelebter Sexualität, ist Rollinger machtlos, sein gebrechlicher Körper taugt nicht zum Kapital.

Dass der Film die immer präsenter werdende Krankheit und das unglückliche Verliebtsein seines Protagonisten nicht zum Moralstück ausbuchstabiert, in dem die Fassade geschmäht und der innerste Kern geheiligt wird, ist ihm hoch anzurechnen. Dies gelingt einerseits, da Rollinger ein viel zu eigensinniger und komplexer Kopf ist, der sich immer wieder querstellt und so allzu simple Lesarten seines Lebens verweigert. Andererseits ist es Christlieb, die Rollinger diesen Raum gibt und ihre Dokumentation bewusst abseits konventioneller Authentifizierungsprozesse anlegt.

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Der beweisenden Urkunde, die das Dokument dem Namen nach ist, liegt in Naked Opera auch immer schon der Hinweis auf die Fabriziertheit des Dokumentierten bei: Von Anfang an prägen visuelle Gestaltungsmittel wie Zeitraffer und Jump Cuts den Film und bezeugen, dass sich Christliebs Realitätsanspruch nicht auf eine möglichst getreue Imitation der Wirklichkeit gründet. Dass das Filmteam absichtlich Situationen um seine Hauptfigur provoziert und produziert, wird ebenso thematisiert wie die Verweigerung Rollingers, bei diesem Spiel mitzuspielen. Im Eingeständnis des fiktiven Charakters offenbart sich die Wirklichkeit und eine Wahrheit: Ein authentisches Leben, so scheint es zumindest in diesem Film, ist ohne Inszenierung gar nicht möglich.

Trailer zu „Naked Opera“


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