Nacht und Nebel

Kamerafahrten in die Vergangenheit – Alain Resnais’ berühmtestes Werk ist ein Meilenstein der filmischen Erinnerung an die NS-Verbrechen.

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Nacht und Nebel hat viele Leben. Es gibt den Film selbst, seine Entstehungs- und seine Rezeptionsgeschichte. Und dann gibt es all die Geschichten der unterschiedlichen Materialien, die in Nacht und Nebel (Nuit et Brouillard) kompiliert sind. Der 32-minütige Filmessay zum nationalsozialistischen KZ-System von 1955 ist inzwischen so gut erforscht wie kaum ein anderer Dokumentarfilm über den Holocaust. Die Fachliteratur liest sich teils spannend wie ein Krimi, zum Beispiel Sylvie Lindepergs 2010 auf Deutsch erschienene Untersuchung Nacht und Nebel. Ein Film in der Geschichte. Dort wird die Bedeutung der beiden Historiker Henri Michel und Olga Wormser für die Entstehung des Films nachvollzogen, die aufwändige Archivrecherche, die Schwierigkeiten bei der Montage des grauenhaften Materials, das dem Team im Schneideraum Schwindel erzeugte und Hanns Eisler bei der Komposition der Filmmusik zum Cognac greifen ließ, um sich gegen die Bilder zu wappnen. Später kam es zum öffentlichen Skandal, als die Bundesrepublik Deutschland das Zeigen von Nacht und Nebel auf dem Filmfestival in Cannes verbieten lassen wollte. Dann folgten die verschiedenen Schnittfassungen, Zensur an einzelnen Motiven und Tönen. All die Abwehrversuche förderten nur die Bekanntheit des Werks, das inzwischen zum Kanon des Holocaust-Films zählt. Dabei entstand Nacht und Nebel zu einer Zeit, die erst mühsam das zu umkreisen und zu verstehen begann, was später den Namen „Holocaust“ erhielt.

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Für die Nachkriegsgeborenen waren die schwarzweißen Dokumente der nationalsozialistischen Verbrechen ein Schockerlebnis, dies waren die Taten der eigenen Elterngeneration. Resnais’ Film wurde im Schulunterricht und auf Bildungsveranstaltungen gezeigt, er prägte und politisierte. Es wäre interessant zu wissen, ob heute noch Schulklassen Nacht und Nebel sehen, und ob sie danach ähnlich reagieren wie in Christian Petzolds Post-Terrorismus-Drama Die innere Sicherheit (2000) – nämlich gar nicht? Dennoch entwickelt die essayistische Erzählweise von Nacht und Nebel nach wie vor einen Sog, der den Film zeitlos macht und von pädagogischen Lehrproduktionen weit abhebt. Text (Jean Cayrol, in der deutschen Fassung Paul Celan) und Musik (Eisler) sind nicht illustrativ, sondern führen ihre eigenen Kämpfe mit dem Material, kommentieren es, klagen an, trauern. Die Erzählstimme versucht, die Zuschauer mitten in die Lagerwelt hineinzuziehen, sie persönlich anzusprechen. Dabei ist weder konkret von Deutschland noch von der Vernichtung der Juden die Rede, obwohl Jahreszahlen genannt werden und das KZ-System mit seinem hierarchischen Ausbeutungs- und Vernichtungsapparat erklärt wird. Wenn am Ende des Kommentars vom „Schrei“ die Rede ist, der „nicht verstummt“, dann bezieht sich das nicht nur auf vergangene Tage, auf die Toten der Lager und der NS-Gewalt, sondern auf verbrecherische Systeme überall, zu jeder Zeit.

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Mit den Jahren sind die Geschichten hinter den Bildern weiter enthüllt und erforscht worden. Über das von Alain Resnais verwendete disparate Material ist heute viel mehr bekannt als in den 1950er Jahren. Wer es weiß, der kann die Szenen identifizieren, deren unterschiedliche Herkunft Resnais nicht thematisierte. Da sind die Bilder der Täterseite: Einstellungen aus Triumph des Willens und die von SS-Männern erstellten Aufnahmen von der Niederschlagung des Warschauer-Ghetto-Aufstands und aus dem sogenannten Auschwitz-Album. Da sind die Szenen aus dem ersten polnischen KZ-Spielfilm Die letzte Etappe (Ostatni Etap, 1948), die Resnais wie Dokumentarmaterial behandelt. Dann die vom deutsch-jüdischen Kameramann Rudolf Breslauer im holländischen Durchgangslager Westerbork aufgenommenen Bilder. Breslauer wurde, genau wie seine „Protagonisten“, später vergast. Seine berühmteste Aufnahme zeigt in wenigen Sekunden ein Mädchen mit weißem Kopftuch, das durch die Tür eines Viehwaggons zum Betrachter schaut. Das Mädchen wurde ikonisch, ein bis heute immer wieder verwendetes Symbol der Shoah. Dass die im Alter von neun Jahren deportierte Anna Maria „Settela“ Steinbach als Sintezza, nicht als Jüdin getötet worden ist, recherchierte erst ein Journalist in den 1990er Jahren.

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Eine weitere Aufnahme von Seiten der Opfer ist eine der vier im Sommer 1944 heimlich gemachten Fotografien des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau. Sie zeigt eine Leichenverbrennung unter freiem Himmel und entstand wohl aus dem Inneren der Gaskammer heraus. Der Bedeutung dieses außergewöhnlichen Bilddokuments hat Georges Didi-Huberman mit Bilder trotz allem ein wichtiges Buch gewidmet. Dann sind da noch die Aufnahmen der Alliierten, die nach der Befreiung der Lager entstanden, die sogenannten Gräuelbilder: mit dem Bagger zusammengeschobene Leichen, ein Korb voller abgeschlagener Köpfe, gesammelte Haut, Reste der Menschenverwertung. Zuletzt jene Szenen, die Alain Resnais und sein Team in den verfallenden ehemaligen Lagern Majdanek und Auschwitz-Birkenau drehten: lange Travelling Shots durch leere Baracken, an verstaubten Latrinen vorbei, Bilder von den Trümmern der gesprengten Krematorien, auf Spurensuche in Eastmancolor.

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Wer heute Nacht und Nebel sieht, kann auch die vielen verschiedenen Schichten der Materialien sehen – und den Platz des Werks in der Filmgeschichte. Außergewöhnlich bleibt der Versuch, auf der Gegenwartsebene etwas Abwesendes erspürbar zu machen, den KZ-Kosmos der Vergangenheit aus der Innenansicht zu erzählen und den Film bewusst als ein Kunstwerk zu gestalten, mit persönlicher Stimme und offenen Fragen. 

Trailer zu „Nacht und Nebel“


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