Nachmittag

In einer Berliner Villa hinterlässt eine zu Ende gegangene Liebesbeziehung ihre Spuren. Angela Schanelec verfilmt Tschechov.

Nachmittag

„Was ist mit Alex? Er sieht nicht gut aus.“ „Findest Du? Er ist eben auf das Wesentliche reduziert.“ In Angela Schanelecs Nachmittag reden die Menschen anders als in anderen Filmen. Und auch anders als im echten Leben, anders als in der Realität, zu welcher Schanelecs Film ein zwiespältiges Verhältnis pflegt. Weit entfernt ist Nachmittag von all den Authentizitätsbemühungen, die das deutsche Kino derzeit prägen, von Andreas Dresens Arbeiten bis zu einigen Werken aus dem Umfeld der Berliner Schule. Schanelecs neuer Film ist, genau wie der Vorgänger Marseille (2004), Kunstkino im starken Sinne, Kino, das seine eigene Artifizialität betont. Und dennoch hat Nachmittag nichts Eskapistisches an sich und ist in seiner Art fest in der deutschen Gegenwart verwurzelt. Schanelec nähert sich dem Realismus über Umwege an. In diesem Fall über lange, oft recht seltsame Gespräche.

Großaufnahmen redender Menschen dominieren den Film. Oft verweilt die Kamera lange auf dem Gesicht des Sprechenden, doch meist folgt irgendwann ein Schwenk auf die andere, zuhörende Person. Es geht um die Feinheiten des Sprechens und des Zuhörens, des Verstehens und Nicht-Verstehens. Dass die Werke der sogenannten Berliner Schule von Kommunikationslosigkeit handeln, war in dieser Verkürzung noch nie richtig, schon gar nicht bei Schanelec. Vielmehr sind es gerade Filme wie Nachmittag, die den Versuch unternehmen, den Akt der Kommunikation in seiner ganzen Komplexität darzustellen. Denn Kommunikation mündet nicht zwangsläufig in perfekte Verständigung oder in eine reibungslose Informationsweitergabe. Oft genug sagt ein gescheiterter Kommunikationsversuch weitaus mehr über einen Menschen aus als ein gelungener. Auch die Figuren in Nachmittag definieren sich oft eher über das, was sie zu sagen versuchen, als über ihre tatsächlich gesprochenen Worte.

Nachmittag

Nachmittag ist angelehnt an Tschechovs Novelle Die Möwe. Übernommen hat die Regisseurin jedoch nur die narrative Grundkonstellation der Vorlage, insbesondere das zentrale Beziehungsdreieck: Die Mutter (Angela Schanelec selbst, die zum wiederholten Mal in ihrem eigenen Film auch vor der Kamera agiert), ihr Sohn Konstantin (Jirka Zett) und dessen ehemalige Freundin Agnes (Miriam Horwitz). Nachmittag verlegt die Handlung in die Gegenwart, in das Berliner Villenviertel Dahlem, in die bourgeoise Westberliner Künstlerszene.

Nur langsam macht sich der Film daran, sein Beziehungsgeflecht zu entwerfen. Es ist Sommer, es ist heiß, und die immer nur halb ausgesprochenen Konflikte etablieren eine gleichzeitig matte und angespannte Atmosphäre. Agnes und Konstantin sind auf der Suche nach ihren jeweiligen Plätzen im Leben. Agnes kommt bei ihrer Suche deutlich besser voran als ihr Ex-Freund. Dessen Mutter versucht derweil, wieder eine Beziehung mit ihrem Sohn aufzubauen. Worte antworten auf Blicke, Blicke antworten auf Worte, und irgendwann fließt Blut.

Angela Schanelec ist eine Autorenfilmerin par excellence, eine Filmemacherin, die Publikumserwartungen gerne gezielt unterläuft und ihre Werke fast ausschließlich selbst aufgestellten Regeln unterwirft. Nachmittag ist vielleicht ihr bisher gelungenster, souveränster Film. Wirkte in den Vorgängern noch manches manieriert, von einigen fast peinlichen Dialogzeilen bis zur obsessiven Verwendung von natürlichem Ton, so merkt man dem neuen Film jederzeit an, dass seine Regisseurin ihre Mittel voll im Griff hat.

Nachmittag

Verglichen mit früheren Schanelec-Filmen wie Marseille oder auch Plätze in Städten (1998) ist Nachmittag recht konventionell erzählt. Keine abrupten, unmarkierten Zeit- und Ortwechsel werfen den Zuschauer aus der Bahn, die Handlung erstreckt sich lediglich zwei Tage über den titelgebenden Nachmittag hinaus und beschränkt sich mit Ausnahme der ersten Einstellung sowie einiger Ausflüge in Richtung Innenstadt auf zwei Häuser in Dahlem. Auch die vergleichsweise mitteilungsfreudigen Charaktere heben Nachmittag von den Vorgängerfilmen ab. Und der großartige Theaterschauspieler Fritz Schediwy sorgt als auf sich selbst reduzierter Alex gar, und dies stellt im Schanelec-Universum nun wirklich eine Neuheit dar, für ein wenig Spannungsabbau via Komik.

Freilich sind diese Veränderungen in keiner Weise als eine Konzession an irgendeinen Massengeschmack zu verstehen, sondern sind notwendige Teile eines in jeder Einstellung erkennbaren künstlerischen Konzepts, das in seiner Weise genauso radikal ist wie das in Marseille. Wer vom Kino dramatische Handlungsbögen, eindeutig psychologisierte Charaktere als Identifikationsfiguren und nicht nur große, sondern auch leicht nachvollziehbare Gefühle verlangt, wird mit Schanelecs neuestem Werk ebenso wenig glücklich werden wie mit den Vorgängern. Anders ausgedrückt: Nachmittag wird der Berliner Schule und ihrer konsequentesten Vertreterin nicht allzu viele neue Fans bescheren. Doch wer wissen möchte, wie kluges, reflektiertes deutsches Kino aussehen kann, der kommt auch im Jahr 2007 nicht an Angela Schanelec vorbei.

Kommentare


Michael

Ein absolutes Meisterstück!
Villeicht der beste deutsche Film denn es jemald gegeben hat, einfach unglaublich genial!
Angela Schanelec hat die Seele einer grossen Poetin.






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